Gefühle im Geschäftsleben sind eine zweischneidige Sache. Zwar ist den meisten Unternehmern und Führungskräften bewusst, wie sehr sie die Motivation und das Handeln von Menschen bestimmen, trotzdem gelten sie weithin als eine Art Störfaktor, der im vermeintlich rationalen Business wenig verloren hat. Ebenso zwittrig ist der Umgang mit ihnen. Führt eine positive Stimmung zu guten Ergebnissen, wird diese gern aufgenommen und weiter stimuliert. Ist die emotionale Gestimmtheit im Unternehmen schlecht, gelingt oft kein glücklicher Umgang damit. Besonders schwierig gestaltet sich diese Emotionsarbeit in Veränderungsprozessen, deren Einschnitte naturgemäss auch etablierte Arbeitsfelder, praktische Routinen und vertraute Teams bedrohen. Vielfach treten Ängste hinzu, Beispiele: «Werde ich in der Fusion wegrationalisiert?» «Kann ich mich in der neuen Struktur mit meinen Fähigkeiten behaupten?» «Auf keinen Fall möchte ich in die 200 Kilometer entfernte Dependance versetzt werden, wenn dort die neue Vertriebszentrale etabliert wird.»
Ratio versus Gefühle
Einer der Gründe für den ungünstigen Umgang mit solchen Emotionen liegt darin, dass Führungskräfte oft selbst keinen guten Zugang zu ihren eigenen Gefühlen haben. Ob der Rationalitätsdoktrin, die in vielen Organisationen quasi verordnet wird, ist das zwar verständlich, jedoch hinderlich. Wer in einer derartigen Atmosphäre Gefühlen wie Angst, Ärger oder Schuld bei seinen Mitarbeitern begegnet, sucht häufig nach einer einfachen Lösung: «Was kann ich tun, um diese Gefühle möglichst zügig abzustellen?»
Schnell ist dann eine rationale Argumentation bei der Hand und der Versuch, Sorgen, Verärgerung und Widerstände mit Logik auszureden: «Das wird unsere Marktposition deutlich verbessern.» «Das mag hart klingen, aber der Wegfall überflüssiger Schnittstellen wird uns schneller machen.» «Am neuen Standort warten echte Aufstiegschancen.» Derlei Aussagen sollen Bedenken zerstreuen, ignorieren jedoch die Befindlichkeiten der Angesprochenen, die samt ihren Gefühlen ernstgenommen und nicht mit einem «Ist doch nicht so schlimm» abgespeist werden wollen.
Zudem verkennt ein derartiges Verhalten, dass Menschen als autopoietische Wesen ihre Sicht auf die Welt selbst konstruieren und aufgrund hochgradig individueller und unterschiedlicher Lebenserfahrungen sehr verschieden auf das reagieren, was auf sie zukommt. Beispielsweise werden Menschen, die oft umgezogen und in unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen sind, Veränderungen mit hoher Wahrscheinlichkeit angstfreier begegnen als solche, die eher stabilitätsorientiert leben. Im Umgang mit Gefühlen kann es daher nur die «Flucht nach vorn» geben: erst deren Wahrnehmung und Akzeptanz, dann ein würdigendes Hinterfragen frei von Bewertung. Und davor: der Versuch, mit dem eigenen Auftreten und der eigenen Kommunikation eher treibende als bremsende Gefühle hervorzurufen.
Empathie ist der Schlüssel
Wie kann das gelingen und was braucht es dafür? Zum einen das Bewusstsein, dass jegliches Handeln und Kommunizieren von Führungskräften genau beobachtet sowie intuitiv auf Kongruenz geprüft wird und eine Wirkung auf rationaler wie auch emotionaler Ebene hat. Zum anderen ein gutes Gespür dafür, welches Agieren zu welchem Effekt beim Gegenüber führen wird. Der Schlüssel dafür ist Empathie, also die Fähigkeit, sich sowohl in sich selbst als auch in andere einzufühlen. Nur wer sich selbst spürt und seiner intuitiven Verhaltens- und Reaktionsmuster gewahr ist, kann mit feinen Antennen die Regungen anderer erst antizipieren und dann wahrnehmen, um möglichst zieldienlich damit umzugehen. Und nur wer innerlich überzeugt von dem ist, was er tut, und positiv dazu gestimmt ist, wird das nach aussen zeigen können – bekanntlich dringt das nach aussen, was im Inneren los ist.
Ist all das gegeben, steigt die Chance erheblich, dass Mitarbeiter sich emotional auf neue unternehmerische Wege einlassen. Andernfalls werden sie sich ohne Begeisterung zum Mitmachen genötigt fühlen, weil sie keine Alternative sehen. Wie wenig eine solche Kopfsteuerung funktioniert, weiss jeder, der mehr Sport machen oder mit dem Rauchen aufhören wollte, es jedoch nicht getan hat. Ohne das Herz bleibt der Kopf machtlos.
Das Spektrum der Gefühle
Um günstig mit Gefühlen im Change umgehen zu können, ist es hilfreich, ihr Spektrum und ihre Wirkung sowie mögliche Handlungsstrategien zu kennen. Die Forschung unterscheidet Primär- und Sekundäremotionen. Erstere werden weltweit ähnlich empfunden und ausgedrückt, jenseits der kulturellen Sozialisierung: Freude, Überraschung, Ärger, Angst, Trauer, Ekel, Verachtung. Sekundäremotionen werden vom soziokulturellen Umfeld bestimmt, in dem Menschen gross werden. Hier sind vor allem Vertrauen, Scham und Schuld zu nennen. Im Folgenden sind die wichtigsten davon herausgegriffen.
Freude
Wirkung: Freude hat eine primär antreibende Wirkung und sorgt für Wohlgefühl, Harmonie und Kraft. Was die Freude auslöst, zieht Menschen an und sorgt dafür, dass sie sich engagieren, um dieses Gefühl immer wieder zu erleben.
Strategie: Veränderungen sollen so kommuniziert und gehandhabt werden, dass Mitarbeiter eine freudvoll-positive Vorstellung der Zukunft und eine Handlungsenergie entwickeln, mit der sie sich auf den Wandel einlassen. Wirkt das Ziel verlockender als der Status quo, lassen sich auch unangenehme Neuerungen, wie etwa Sparmassnahmen, positiv aufladen.
Bei negativen Veränderungen, wie etwa Standortschliessungen, würde der Versuch, diese mit Freude zu verbinden, zynisch wirken. Generell soll sie nicht überstrapaziert oder zu reinem Zweckoptimismus werden. Damit würden nur Zweifel und Widerstand geweckt. Im Dauerzustand kann Freude sogar bremsen. Wenn alle als ein Herz und eine Seele auf Wolke sieben sitzen, möchte keiner das Paradies für eine neue Zukunft aufgeben.