Dies mögen Fragen, Bedenken und Beobachtungen von Personalern sein, wenn sie beim Kandidaten-Screening im Internet Bewerber «googeln» und das Netz nach dunklen Flecken oder zusätzlichen Informationen durchforsten. Diese Methode der Kandidaten-Recherche findet immer mehr Anklang: Eine Studie in Österreich und Deutschland zeigt, dass jeder zweite Personalverantwortliche Bewerber erst in sozialen Online-Netzwerken checkt, bevor sie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werden. In der Schweiz dürfte es um die zunehmende Beliebtheit des Internet-Screenings wohl ähnlich stehen.
Beängstigend detailliert
Ein Kandidaten-Screening ist mit der Suchmaschine Google oder in sozialen Netzwerken wie Xing oder Linkedin, die Auskunft über das geschäftliche Beziehungsnetz geben, möglich. Private Netzwerke wie Facebook geben Einblick in das soziale Umfeld und verraten, welchen Freundeskreis ein Kandidat hat, was über ihn gesagt wird und in welchen Gruppen er sich bewegt. Es können darüber hinaus aber auch Personen-Suchdienste, Leistungsausweise wie Veröffentlichungen von Fachbeiträgen oder Recherchen nach weiter zurückliegenden Arbeitsstellen und fach- oder persönlichkeitsrelevante Informationen genereller Art sein. Sowohl Recruiter als auch Kandidaten sollten sich stets bewusst sein, dass Internetuser, die unvorsichtig agieren und bedenkenlos überall ihre Surfspuren hinterlassen, von fachkundigen Rechercheuren auf eine Weise durchleuchtet werden können, dass ein beängstigend detailliertes, weit in die Privatsphäre hineinreichendes Persönlichkeitsbild entsteht.
Stärken und Vorteile
Man muss das Internet-Screening von Kandidaten differenziert betrachten und sich bewusst sein, dass nicht das Instrument als solches verwerflich oder fragwürdig ist, sondern die Seriosität und Kompetenz des Recherchierenden. Internet-Screening ist – dies ist die zentrale Stärke – zweifellos eine effiziente Methode, schnell ganzheitliche und facettenreiche Mehrinformationen über eine Person zu gewinnen, an die man über traditionelle Wege kaum herankommt. Charakterliche Warnsignale, extremistische Anschauungen oder äussert fragwürdige Betätigungen können durchaus wichtig sein, um Fehlbesetzungen zu vermeiden und Risiken zu (er)kennen. Gerade bei sensiblen Stellen oder wichtigen Schlüsselpositionen, bei denen Vertrauenswürdigkeit, persönliche Integrität oder in einem weiteren Sinn soziale Kompetenzen und Faktoren eine wichtige Rolle spielen, ist das Internet-Screening ein hilfreiches Rechercheinstrument, das wertvolle und wissenswerte Hinweise geben kann. Dabei müssen es überhaupt nicht immer negative und anrüchige Informationen sein, die ein Internet-Screening zu Tage fördert – die Wahrscheinlichkeit, auf positive oder neutral präzisierende Zusatzinformationen zu stossen, ist sogar oft grösser. Ein Kandidat kann in einem Blog zu ökologischen Fragen mit einer differenzierten Stellungnahme sein Niveau und Engagement zeigen oder mit einer professionellen Website seine Medienkompetenz zuweilen besser und anschaulicher unter Beweis stellen als alle Arbeitszeugnisse und Fachdiplome dies vermögen.
Insgesamt komplettiert ein faires, systematisches und professionelles Internet-Screening ein Kandidatenbild vielfältig, zeigt zahlreiche, auch positive und sowohl die Sozial- als auch die Fachkompetenzen betreffende Bereiche auf, lässt zielgerichtete Detailinformationen gewinnen und kann Einstellungsentscheide so breit, ausgewogen und in die Tiefe gehend absichern.