Mensch & Arbeit

Arbeitsorganisatorische Gefährdungen

Die Arbeitsbedingungen dem Wandel der Arbeitsplätze anpassen

Arbeitsorganisatorische Gefährdungen existieren in allen Branchen. In Dienstleistungsbetrieben sind sie jedoch besonders aktuell, und die Anzahl dieser Betriebe ist im Zunehmen begriffen. Die in diesem Beitrag behandelten arbeitsorganisatorischen Gefährdungen sind denn auch nicht abschliessend, stehen jedoch zuoberst auf der «Hitliste».
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Es sind im Wesentlichen die folgenden Gefährdungen: «Flexibilisierung» der Arbeitszeiten, neue physische Risiken, Muskel- und Skeletterkrankungen, Mobbing, Stress, Burn­out, falsche Ernährung und Gewalt am Arbeitsplatz.

1. Arbeitszeitgestaltung

Betriebsbesuche der Kantonalen Arbeitsinspektorate zeigen klar eine Tendenz: Die gesetzlichen Arbeitszeitvorschriften sind bei Kader und Mitarbeitenden vielfach unbekannt. Obwohl die Arbeitszeitaufzeichnung gesetzlich vorgeschrieben ist, verschwinden Stempeluhren und Stempelkarten immer mehr, Arbeitszeiten werden «flexibilisiert». Eine Vermutung aber bleibt: Übermüdete Mitarbeitende «produzieren» mehr Arbeitsunfälle als erholte. Deshalb ist die Einhaltung der für die Betriebe minimal vorgeschriebenen gesetzlichen Arbeitszeitvorschriften nicht nur Pflicht, sondern präventives Element eines Betriebskonzepts für effiziente Arbeitssicherheit sowie nachhaltigen Gesundheitsschutz und bedeutet auch Prävention gegen Stress und Burnout. Dazu später mehr.

Auch die steigende Zahl atypischer Arbeitsverhältnisse ist beeindruckend. Sie weichen in einer oder mehreren Eigenschaften vom herkömmlichen Arbeitsverhältnis ab. Viele dieser Beschäftigungsformen sind nicht neu, sondern existieren als atypische Erwerbsformen schon seit längerem. Neu ist jedoch die zahlenmässige Zunahme, und neu ist vermutlich auch, dass verschiedene atypische Erwerbsformen immer häufiger miteinander kombiniert oder nebeneinander ausgeübt werden. Trotzdem haben Öffentlichkeit, Politik und Arbeitsrecht noch immer hauptsächlich das Normalarbeitsverhältnis im Auge, wenn es um Erwerbsarbeit geht.

Das ist sachlich nicht mehr gerechtfertigt angesichts der neuen Arbeitswelten, in der teilzeitlich, befristet, nur gelegentlich, mobil, flexibel, auf Abruf, dezentral, temporär, international, in der Nacht und am Sonntag, an immer wieder neuen Arbeitsplätzen zu immer wieder anderen Arbeitszeiten, mit variablem und zunehmend leistungsorientiertem Lohn, als Freelancer oder in Scheinselbstständigkeit gearbeitet wird.

Fern vom Arbeitsrecht

Dort wo den Vertragsparteien, insbesondere natürlich den Arbeitgebenden, die arbeitsrechtlichen Einengungen der Gestaltungsfreiheit zu stark sind, wird zum Teil versucht, diesem Zwang zu entgehen, indem die Leistung von abhängiger Arbeit nicht mit einem Arbeitsvertrag, sondern im Rahmen eines für Selbstständigerwerbende typischen Dienstleistungsvertrags (insbesondere dem Auftrag, Werkvertrag und den Innominatkontrakten) vereinbart wird. Das ist dann problematisch, wenn die dienstleistende Person zum Dienstleistungsempfänger in ähnlicher oder gar gleich starker Abhängigkeit steht wie Arbeitnehmende (sogenannte Scheinselbstständigkeit). Damit kann allein durch Wahl des Vertragstypus der gesetzliche Sozialschutz unterlaufen werden, den der Gesetzgeber mit dem Erlass des Arbeitsrechts für Arbeitnehmende garantieren wollte. Die Flexibilisierung abhängiger Erwerbsarbeit durch Auslagerung aus dem Arbeitsvertrag in die selbstständige Erwerbstätigkeit kann also einer Flucht aus dem Arbeitsrecht gleichkommen. Diese flexibilisierten Arbeitsformen sind auch anfälliger für vermehrte Berufsunfälle und vernachlässigten Gesundheitsschutz.

2. Neue physische Risiken

Aufgrund des Einflusses neuer Technologien und des Wandels der wirtschaftlichen, sozialen und demografischen Bedingungen ist die Arbeitsumgebung ständigen Veränderungen unterworfen. Mit diesem Wandel treten neue Risiken auf, die im Folgenden kurz beleuchtet werden und viel mit Arbeitsorganisation zu tun haben. Die wichtigsten in einer Erhebung herausgestellten, neu auftretenden physischen Risiken sind: Mangelnde körperliche Tätigkeit, Zusammen-treffen von Vibrationen und ungünstigen Arbeitshaltungen, mangelndes Gefahren-bewusstsein bei Arbeitnehmendengruppen mit niedrigem sozialem Status, die ungünstigen thermischen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind, multifaktorielle Risiken, Zusammentreffen von Muskel-Skelett-Erkrankungen und psychosozialen Risikofaktoren, thermisches Unbehagen am Arbeitsplatz, Zusammentreffen von manueller Arbeit mit Vibrationen, Komplexität der neuen Technologien, der Arbeitsprozesse und der Mensch-Maschine-Schnittstellen, ungenügender Schutz von Hochrisikogruppen gegen lang andauernde Risiken und die all-gemeine Zunahme der Gefährdung durch ultraviolette Strahlen.

Mangelnde körperliche Tätigkeit

Als Ursachen wurden erkannt: Die zunehmende Verwendung von Bildschirmgeräten und automatisierten Systemen, was ein langes Sitzen am Arbeitsplatz zur Folge hat, sowie die Zunahme der Zeit, die auf Dienstreisen sitzend verbracht wird. Arbeitsplätze, die ein langes Stehen erforderlich machen, sind jedoch auch problematisch. Die gesundheitlichen Auswirkungen umfassen Muskel-Skelett-Erkrankungen der oberen Gliedmassen und des Rückens, Krampfadern und Thrombosen der tief liegenden Venen, Fettleibigkeit und verschiedene Arten von Krebs.

Stressprophylaxe

Die wichtigste Frage ist, ob man in einem «stressigen Lebensstil» bleiben will oder ob man bereit ist, sein Verhalten zu ändern und angelernte Muster umzugestalten. Grundsätzlich geht es um zwei Kriterien, die zu beachten sind:

  1. Stärken und Fördern des Gesunden, des Schönen, der Freude am Leben, der Lust am Gestalten und am Vergnügen.
  2. Vermeiden von krank Machendem, von Spannung, Druck und Überforderung.

Was ist Burnout?

Immer mehr Beschäftigte leiden unter dem sogenannten Burnout-Syndrom. Mit der Begründung des Rücktritts von Ständerat Rolf Schweiger als FDP-Präsident ist «Burnout» salonfähig geworden und findet die notwendige Beachtung. Der Begriff Burnout wird meist thematisch im Zusammenhang mit Stress und nicht als eigenes Phänomen betrachtet. Tatsache ist, dass immer mehr Menschen unter den typischen Burnout-Symptomen leiden. Allgemein wird Burnout als Gefühlszustand der Erschöpfung verstanden, der von zu viel Arbeit und Stress und zu wenig Erholung herrührt. Druck, Frustrationen, Angst um den Job, Vereinsamung aufgrund der Arbeitsüberforderung, der Wunsch nach Erholung, Geselligkeit und Zeit für sich selber werden so lange ignoriert, bis es schliesslich zum psychischen und physischen Zusammenbruch kommt.

Ursachen und Prävention

Stressfaktoren wie Leistungsdruck und Wettbewerb, ein besonders hohes individuelles Leistungsideal sowie berufliche Selbstständigkeit – das alles sind Faktoren, die den Burnout begünstigen können. Die Gefahr eines Burnouts ist besonders gross, wo Menschen bei ständigem hohem Einsatz nur wenige Erfolge der eigenen Arbeit sehen oder wo es keine Anerkennung für den geleisteten Einsatz gibt. Burnout erleiden Personen, die bei der Arbeit besonders hohe Ansprüche an sich stellen, die zum Perfektionismus neigen und sich übermässig engagieren.

Ist der Burnout erst einmal eingetreten, hilft nur noch eine grundlegende Lebensumstellung. Sinnvolle Strategien:

  • Erst einmal den Körperbedürfnissen Rechnung tragen, ausreichend schlafen, gesund essen und sich Zeit fürs Essen, für Körperpflege gönnen, vielleicht auch mal wieder mehr Zeit für Bewegung nehmen.
  • Regelmässig am Tag kleinere Pausen einlegen, jede Woche grössere Pausen ohne Anstrengung fest einplanen, Urlaub machen ohne erneuten Freizeitstress.
  • «Nein» sagen lernen ohne Schuldgefühle.
  • Anderen Arbeit und Aufgaben delegieren, auch wenn andere Personen das «nur halb so gut machen» wie man selbst.
  • Nicht alles perfekt machen müssen, nur «einfach eben so erledigt», auch mit Fehlern, reicht öfter aus, als man denkt.
  • Seiner eigenen Person selbst Wertschätzung entgegenbringen, nicht nur Anerkennung durch andere suchen.
  • Gezielte Entspannungstechniken lernen, zum Beispiel Yoga oder Autogenes Training.
  • Mit einem Arzt gezielt über dieses Problem sprechen, sich in fachliche psychotherapeutische Behandlung trauen.

5. Richtige Ernährung

Experten schätzen, dass rund ein Viertel aller Erwerbstätigen nicht zuletzt wegen mangelhaften Ess- und Trinkgewohnheiten im Büroalltag Schwierigkeiten haben, eine hektische Arbeitswoche durchzustehen. Konstant hohe Leistungen verlangen nach einer richtigen Flüssigkeits- und Energiezufuhr. Das Bewusstsein dafür bedingt eine entsprechende Verhaltensanpassung. Fachkompetenz und fundierte Berufserfahrung reichen allein nicht mehr aus, um komplexe Aufgaben im heutigen Berufsalltag zu bewältigen.

Ausgewogene Ernährung kommt am Arbeitsplatz oft zu kurz. Viele Menschen wissen gar nicht, wie sehr sie sich durch schlechte Essgewohnheiten schaden. Durch das Weglassen von Frühstück und Zwischenmahlzeiten sinkt die Leistungskurve viel rascher ab. Zu Mittag oder abends werden meist grosse Portionen gegessen, die den Verdauungstrakt mehr belasten als mehrere kleine Mahlzeiten. Zur Aufrechterhaltung der täglichen Leistungsfähigkeit sind regelmässige Pausen während der Arbeitszeit genauso wichtig wie eine vielseitige, ausgewogene Ernährung.

Durch eine geschickte Verteilung der Mahlzeiten über den Tag können grosse Schwankungen in der Leistungsfähigkeit vermieden werden. Folgendes ist bei der Ernährung zu beachten:

  • Eine ausgewogene Zusammenstellung des Frühstücks
  • Kleine Zwischenmahlzeiten
  • Ein fettarmes Mittagessen
  • Fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag
  • Bewegung, Bewegung, Bewegung
  • Viel Flüssigkeit
  • Schicht- und Nachtarbeit verlangt eine besondere Ernährungsweise

6. Gewalt am Arbeitsplatz

Die Gewalt «von aussen» beinhaltet in der Regel physische Gewalt sowie verbale Beleidigungen, Bedrohungen, die von Aussenstehenden (z.B. Kunden) gegenüber Personen bei der Arbeit ausgesprochen bzw. ausgeübt werden, wobei Gesundheit, Sicherheit oder Wohlbefinden der Beschäftigten gefährdet wird. Die Gewalt kann auch einen rassistischen oder sexuellen Aspekt haben. Aggressive oder gewalttätige Handlungen nehmen folgende Formen an:

  • Unhöfliches Verhalten: mangelnder Respekt gegenüber anderen
  • Körperliche oder verbale Gewalt: Absicht, jemanden zu verletzen
  • Überfälle, Übergriffe Dritte: Absicht, jemanden zu schädigen.

Ein gefährliches Umfeld findet sich grösstenteils im Dienstleistungssektor und insbesondere in Betrieben des Gesundheits-, Verkehrs-, Einzelhandels-, Finanz- und Bildungssektors sowie der Verwaltungen. Der Kontakt mit «Kunden» erhöht das Risiko, Gewalt ausgesetzt zu sein. Das Gesundheitswesen und der Einzelhandel sind nach Angaben der EU die am meisten gefährdeten Branchen.

Was sind die Risikofaktoren?

Spezifische gewalttätige Handlungen sind vielleicht unvorhersehbar. Die Situationen, in denen Gewalt auftreten kann, hingegen nicht. Zu den häufigsten Risikofaktoren für Beschäftigte gehören:

  • Der Umgang mit Waren, Bargeld und Wertsachen
  • Einzelarbeitsplätze
  • Inspektion, Kontrolle und allgemeine «Autoritätsfunktionen»
  • Der Kontakt mit bestimmten Kunden – Personen, die einen Kredit beantragen, Arbeit suchen, Patienten mit einer Anamnese, die Gewalt oder Krankheiten aufweist, die bekanntermassen mit Gewalt einhergehen, unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen stehende Personen.
  • Schlecht organisierte Unternehmen und Behörden, denn sie können die Aggression bei den Kunden erhöhen: Beispiele sind Rechnungsfehler, Abweichung der Produkte von der Werbung oder unan-
    gemessene Lagerbestände und Personalressourcen.

Gewalt verhindern

Gewalt bei der Arbeit lässt sich verhindern. Einige Beispiele für ergriffene Massnahmen:

  • Krankenhäuser: Qualifizierung des Personals, Ausbildung im Umgang mit gewalttätigen Patienten.
  • Banken: Ersetzen der Schalter durch Geldautomaten.
  • Postämter: Einrichtung von «Führungsvorrichtungen für Warteschlangen», Bodenmarkierungen, um vertrauliche Atmosphäre zu gewährleisten.
  • Verkaufsstellen: Einsatz einer pneumatischen Station zum regelmässigen Transfer von Geld aus der Registrierkasse.
  • Gesundheits- und Verkehrssektor: Durchführung von «Null Toleranz»-Kampagnen. Dabei wird deutlich gemacht, dass gegenüber dem Personal keinerlei Gewalt toleriert wird und gegen alle Täter Schritte unternommen werden.
  • Regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV): Kundenberatungen im Grossraum- oder Gruppenbüro anstatt im Einzelbüro.

Begrenzung der Schäden

Nach gewalttätigen Zwischenfällen gilt es, die Schäden zu begrenzen. Nach den Zwischenfällen ist es wichtig:

  • dass Geschädigte, die Opfer oder Zeugen von Gewalt wurden, in den Stunden nach dem Zwischenfall nicht allein gelassen werden.
  • dass Führungskräfte einbezogen werden, Anteilnahme zeigen und dem Opfer aktiv helfen.
  • dass dem Opfer sofort und später im Falle von posttraumatischem Stress psychologische Hilfe geleistet wird.
  • dass das Opfer bei administrativen und rechtlichen Verfahren unterstützt wird (Berichterstattung, Gerichtsprozess usw.).
  • dass die anderen Beschäftigten unterrichtet werden, um Gerüchten entgegenzuwirken.

Über die Zwischenfälle sollten gründliche Ermittlungen angestellt und Lehren daraus gezogen werden. Dabei darf dem Opfer keine Schuld zugewiesen werden.