Mensch & Arbeit

Supported Employment

Der Weg zu einer erfolgreichen Eingliederung

40 Prozent der Invalidenrenten haben psychische Ursachen. Häufig haben psychisch kranke Menschen eine sehr gute Ausbildung, bringen damit also ein grosses Potenzial mit. Ihre Eingliederung in den Betrieb ist bei allen damit verbundenen Schwierigkeiten sinnvoll – sowohl für das Unternehmen wie auch die Betroffenen.
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Im März haben die eidgenössischen Räte das erste Massnahmenpaket der 6. IVG-Revision zur Sanierung der Invalidenversicherung verabschiedet. 17 000 IV-Rentnerinnen und Rentner sollen innerhalb von sechs Jahren eingegliedert und ihre Renten gestrichen werden. Die vorgeschlagene Quotenregelung, welche die Unternehmen in die Pflicht genommen hätte, wurde vom Parlament abgelehnt. Trotzdem braucht es die Unternehmen. Der vorliegende Artikel zeigt auf, wie Eingliederung gelingen kann.

Die Schieflage der IV ist zu einem grossen Teil auf eine massive Zunahme von psychisch kranken IV-Rentnerinnen und -Rentnern zurückzuführen. In den letzten 20 Jahren hat sich ihre Zahl mehr als verdreifacht, heute werden 40 Prozent der Invalidenrenten aus psychischen Gründen ausgerichtet. Deshalb wird in diesem Bereich auch das grösste Potenzial für die Sanierung der IV geortet.

Psychisch kranke Menschen sind teilweise ausgezeichnet ausgebildet und bringen viel Potenzial mit. Andererseits zeigen Untersuchen, dass die Erfahrungen mit psychisch kranken Menschen in mehr als zwei Dritteln der Fälle schlecht bis sogar sehr schlecht sind. Die Vorbehalte sind also nicht ganz unbegründet. Wiederum ist wichtig zu realisieren, dass fast jede zweite Person im Verlauf ihres Lebens selber von einer psychischen Störung betroffen ist.

Deshalb stellen sich folgende Fragen: Wie können solche schlechten Erfahrungen vermieden werden? Gibt es Methoden, die eine erfolgreiche Eingliederung garantieren? Die Antwort sei vorweggenommen: Es gibt Ansätze, die zu deutlich besseren Ergebnissen führen, aber es gibt keine Erfolgsgarantien.

Im Folgenden soll der Ansatz «Supported Employment» oder «Unterstützte Beschäftigung» näher vorgestellt werden.

Was ist Supported Employment?

Unter Supported Employment versteht man die Begleitung und das Coaching einer gesundheitlich herausgeforderten Person, der Vorgesetzten und des unmittelbaren Umfeldes am Arbeitsplatz eines Betriebs der allgemeinen Wirtschaft durch einen qualifizierten Integrationsberater. Das Ziel ist, ein Arbeitsverhältnis aufrechtzuerhalten oder zu etablieren.

Supported Employment wurde Ende der 70er- anfangs 80er-Jahre in den USA entwickelt und schwappte anfangs der 90er-Jahre nach Europa über. Kurz nach der Jahrtausendwende starteten auch in der Schweiz erste Pilotprojekte.

Beim Supported Employment gilt als neues Paradigma «erst platzieren, dann trainieren» anstatt wie sonst üblich «erst trainieren, dann platzieren». Der Grund für diesen Paradigmenwechsel liegt in der Feststellung, dass Personen, die im Eingliederungsprozess im besonderen Arbeitsmarkt einsteigen, meistens dort hängen bleiben und den Schritt zurück in den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr schaffen.

In der Schweiz wird dieses Paradigma nicht konsequent umgesetzt. Die Eingliederungsfirmen versuchen, die Durchlässigkeit zum allgemeinen Arbeitsmarkt deutlich zu verbessern und wenden dabei Supported Employment als wirksame Ergänzung in ihrer breiten Palette von Eingliederungsprogrammen sehr individuell und situativ an.

Die Arbeitserprobung

Das Praktikum als Arbeitserprobung ist eine ausgezeichnete Möglichkeit für einen Arbeitgeber, eine erste konkrete Erfahrung zu machen und dabei nur ein sehr geringes Risiko einzugehen:

  • keine Lohnkosten
  • keine Versicherungspflichten
  • zeitlich limitiert: in der Regel 3 Monate (min. 1 Monat, max. 6 Monate)
  • bei Schwierigkeiten sofortiger Abbruch möglich
  • Integrationsberaterin kennt Stärken und Schwächen bereits aus der Aufbauphase
  • Chance, einen loyalen, motivierten Arbeitnehmer kennenzulernen

Wir empfehlen jeder Arbeitgeberin, für einen entsprechenden Versuch Hand zu bieten. Die auftretenden Probleme (siehe Grafik 4 ) können durch die professionelle Unterstützung in der Regel gut aufgefangen werden.

Prozess klar definieren

Den Prozess haben die Autoren in ihrem Betrieb folgendermassen definiert, wobei das Vorgehen je nach Integrationsbetrieb abweichen kann.

Entscheidungsfindung

Sind die Voraussetzungen für eine Arbeitserprobung erfüllt?

Kriterien: Belastbarkeit, Stabilität, Präsenz, Leistungsfähigkeit, Sozialkompetenz

Profil erstellen

Einerseits das Kompetenzprofil des Mitarbeitenden und andererseits das gewünschte Stellenprofil für das Praktikum erarbeiten. Wichtig ist, das Praktikum in einem Bereich durchzuführen, wo eine spätere Eingliederung denkbar ist.

Suche Praktikumsstelle

Meist telefonische Anfrage von potenziell geeigneten Praktikumsbetrieben. Vereinbaren eines Vorstellungstermins. Klären der gegenseitigen Erwartungen.

Praktikumsvereinbarung abschliessen

Alle wichtigen Abmachungen werden in einer Praktikumsvereinbarung schriftlich festgehalten. Diese wird vom Praktikumsbetrieb, der betroffenen Person und der Integrationsberaterin unterzeichnet.

Praktikum durchführen

Während des Praktikums pflegt die Integrationsberaterin regelmässigen Kontakt mit dem Praktikanten und dem Praktikumsbetrieb. Die Beraterin unterstützt und koordiniert an den jeweiligen Schnittstellen zwischen Praktikumsbetrieb, Institution, IV und allfälligen weiteren Stellen (zum Beispiel Psychiater, Angehörige, Sozialdienst oder Berufsschule, usw.).

Praktikum auswerten

Ungefähr drei Wochen vor Ende des Praktikums findet eine differenzierte Auswertung der gemachten Erfahrungen statt. Die Rückmeldungen und Beurteilungen des Praktikumsbetriebs sind dabei sehr wichtig.

Weitere Eingliederungsschritte planen

Aufgrund der Ergebnisse werden die weiteren Eingliederungsschritte geplant. Im Idealfall bietet der Praktikumsbetrieb dem Praktikanten gleich eine Festanstellung an. Manchmal zeigen sich Lücken, die mit einem gezielten Training geschlossen werden müssen.

Fazit

Die Ziele der 6. IVG-Revision können nur mit einem Engagement der Unternehmungen erreicht werden. Vorwürfe mangelnder Solidarität oder Appelle ans soziale Gewissen greifen jedoch zu kurz. Die Unternehmungen brauchen professionelle Unterstützung und positive Erfahrungen. So entsteht ein tragfähiger Boden, der auch mal ein gewagteres Experiment erlaubt.