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Online-Kommunikation

KI-Agenten und -Klone im Einsatz für digitale Barrierefreiheit

Der EU-weite European Accessibility Act (EAA), der mehr digitale Barrierefreiheit vorschreibt, gilt auch für Schweizer Unternehmungen, die ihre Produkte und Dienstleistungen in der EU anbieten. Der Beitrag beschreibt, wie sie barrierefreie Kommunikation nutzerorientiert umsetzen können.
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Viele Schweizer Unternehmungen nutzen Bank-, E-Commerce- oder Telekommunikationsdienste, um mit Verbrauchern über das Internet zu kommunizieren oder Geschäfte abzuschliessen. Am 28. Juni 2025 trat der EU-weite European Accessibility Act (EAA) in Kraft, der für solche Unternehmungen mehr digitale Barrierefreiheit vorschreibt. 

Demnach müssen auch Schweizer Un­ternehmungen, die ihre Produkte und Dienstleistungen in der EU anbieten, die gesetzlichen Vorgaben erfüllen und barrierefrei kommunizieren. Besonders davon betroffen sind Schweizer Banken, Finanzdienstleister und Onlineshops, die sich an Endverbraucher in der EU wenden. Rund 35 000 Organisationen in der Schweiz müssen ihre Apps, Onlineshops und Webseiten barrierefrei ge­stalten. 

Anforderungen

Für die Umsetzung der bestehenden Kommunikation muss der Code für as­sistive Technologien auslesbar sein oder es können KI-Technologien wie Screenreader, Text-to-Speech, Speech-to-Text sowie Systeme zur KI-gestützten Text- und Bildgenerierung eingesetzt werden. Um barrierefreie Kommunikation da­rüber hinaus zukunftsfähig zu machen, können aber auch neue spannende Technologien wie KI-Agenten und KI-Klone zum Einsatz kommen. 

Für betroffene Organisationen gilt: Sie können die vom Gesetz vorgeschriebenen Mindestanforderungen an digitale Bar­rierefreiheit umsetzen. Oder sie nutzen die Barrierefreiheitsanforderungen, um ihre Kommunikation neu zu überdenken und zukunftsfähig zu machen. Die multimodalen, grossen Sprachmodelle wie Chat GPT, Claude oder Gemini, mit denen man inzwischen nicht nur über Text-, sondern auch über Bild- und Spracheingabe kommunizieren kann, bieten ganz neue Möglichkeiten zur Automatisierung und zum Einsatz neuer spannender Kommunikationskanäle und -Strategien.

Die KI-Agenten

In den letzten Jahren haben viele Unternehmen verschiedene generative KI-Modelle beobachtet, getestet und auch eingesetzt: zum Beispiel KI-Textgenerierung, KI-Bilderzeugung, KI-Videoerstellung. Je nachdem, was eine künstliche Intelligenz generieren soll, wird ein bestimmter Algorithmus, maschinelles Lernen oder ein neuronales Netz eingesetzt. So kann eine KI die spezifische Aufgabe schneller er­ledigen als jeder Mensch. Aber eben nur diese eine spezifische Aufgabe.

Eine andere Aufgabe erfordert einen anderen spezifischen Algorithmus, maschinelles Lernen oder ein neuronales Netz. KI-Agenten kombinieren nun verschiedene KI-Technologien. So können KI-Agenten eine ganze Reihe unterschied­licher Aufgaben in der richtigen Abfolge erledigen. 

KI-Agenten im Einsatz 

Wenn auf einer Website oder in einem Onlineshop beispielsweise nicht von Anfang an die Alternativtexte für Bilder (Alt-Tags) gepflegt wurden, kann das nachträgliche Einfügen für die Herstellung von digitaler Barrierefreiheit sehr aufwendig werden. Das KI-Agentensystem ChatGPT Operator von OpenAI ist in der Lage, selbstständig einen Browser zu steuern und Aufgaben wie Content-Optimierung, SEO-Anpassungen oder sogar die Pflege von Webseiten zu übernehmen.

So kann der KI-Agent sich an der eigenen Website anmelden, eine Bilddatei öffnen, einen Alternativtext erstellen, den Alt-Tag einfügen, die Datei speichern und dann die nächste Bilddatei öffnen. Der Prozess wird durch einen Prompt ange­stossen und läuft im Hintergrund, sodass man gegebenenfalls jederzeit eingreifen kann. ChatGPT Operator soll noch in 2025 auch für die deutschsprachigen Länder verfügbar werden. Andere An­bieter arbeiten ebenfalls an solchen Automatisierungslösungen und sogar ganzen Marktplätzen für KI-Agenten.

Die KI-Klone 

Ein digitaler Klon ist ein neuer, innova­tiver Kommunikationskanal. Er eröffnet heute schon die Möglichkeit einer vir­tuellen Interaktion von Internet-Nutzern mit den Inhalten von Websites oder Onlineshops. Ein KI-Klon ist quasi die digitale Version einer realen oder imaginären Person. Der Klon wird individuell trainiert. 

Für das Training werden die eigenen, digitalen Inhalte genutzt – in Form von Text, Bild, Audio oder Video. Zum Training ist der Upload von Word- oder PDF-Dateien, MP3-/MP4-Dateien oder sogar ganzer Webseiten möglich. Das Training passiert mithilfe der grossen Sprach­modelle ChatGPT, Claude und/oder Gemini.

Nutzer können dem digitalen Klon ihre individuellen Fragen stellen – schriftlich oder mündlich, in ihrer Landessprache, ohne spezielle Sprachbefehle zu kennen. Sie erhalten die Antwort als Sprache und/oder Text. Eine der wesentlichen Anforderung des Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), alle Inhalte über zwei Sinneskanäle zugänglich zu machen, ist damit erfüllt. Doch es ergeben sich noch weitere Vorteile für Menschen mit und ohne Behinderungen.

KI-Klone im Einsatz

Menschen sind oft nicht so sehr an strukturiert dargelegten Inhalten interessiert – sie wollen einfach nur schnelle Antworten auf ihre spezifischen Fragen. Was für Menschen ohne permanente Behinderungen gilt, gilt auch für Menschen mit Beeinträchtigungen, für die ein Besuch einer Website oder ein Kauf im Internet immer deutlich länger dauert und leider sehr häufig im Frust endet. 

  • Vorteile für Menschen mit Seh- oder motorischen ­Beeinträchtigungen
    Wenn ein Klon mit den Inhalten einer Website oder eines E-Books trainiert wird, können Nutzer mit Seh- oder auch motorischen Be­einträchtigungen mit der Website interagieren, ohne sich für die gewünschten Informationen durch die gesamte Website navigieren zu müssen oder sich alle Inhalte vorlesen zu lassen. Sie können einfach eine Frage mündlich stellen. Oder sie bekommen Vorschläge für typische Fragen, die sie stellen können, angezeigt oder vor­gelesen. Das verringert den Zeitbedarf für die (potenziellen) Kunden enorm und bietet eine individuelle Customer Journey.
  • Vorteile für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen
    Für Hörbeeinträchtigte kann der digitale Klon mit den Video- und Audio-­Inhalten einer Website oder mit Podcasts und Hörbüchern trainiert werden. Dann brauchen Nutzer beispielsweise nicht ein komplettes Video mit Untertiteln anzusehen oder das Transkript einer Audiodatei zu lesen, um zu ihren gewünschten Informationen zu gelangen. Und die Ausgabe der Antwort kann entweder schriftlich oder sogar durch einen gebärdenden Avatar passieren.
  • Vorteile für Menschen mit kognitiven Einschränkungen
    Wenn ein solches KI-Klon-System mit den Inhalten einer Website, eines E-Books, von Video- oder Audiodateien trainiert wird, können Nutzer und Nutzerinnen mit kognitiven Einschränkungen ihre individuellen Fragen schriftlich oder mündlich stellen und erhalten die Antwort – auf Wunsch – in einfacher Sprache. 

Fazit

Die Anforderungen an digitale Barrierefreiheit sind mithilfe von KI umsetzbar. Und durch den zusätzlichen Einsatz von KI-Agenten lassen sich zukünftig auch die entsprechenden Prozesse automatisieren. Diese Automatisierung durch KI-Agenten wird enorm viel Ressourcen und Zeit sparen.

Der Einsatz von KI-Klonen hat darüber hinaus das Potenzial, die Nutzung von anderen Kommunikationskanälen zu verändern. Denn anders als bei einem simplen Chatbot sind die Antworten beim digitalen Klon nicht vorprogrammiert – er antwortet den Menschen ad hoc, schriftlich und/oder über Sprache. Unternehmen, die die Anziehungskraft und die Faszination nutzen, die von einem digitalen Klon ausgehen, werden als besonders innovativ und kundenfreundlich wahrgenommen. Alle Besucher können einfach mit dem digitalen Klon interagieren, statt sich mühsam durch eine gesamte Website navigieren zu müssen, um die gewünschten Inhalte und Antworten zu finden.

Entscheidend ist nicht, ob eine Organisation rechtlich gesehen unter das BFSG fällt, sondern ob die relevante Zielgruppe der Menschen mit einer dauerhaften, temporären oder auch nur situationsbedingten Beeinträchtigung weiterhin ausgeschlossen werden soll.

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