Interviews

Interview mit Reto Grob

«Mixed Reality und die KI werden sich immer mehr ergänzen.»

Reto Grob, Gründer und CEO der Augment IT AG, über innovative Lösungen für IT-Anwendungen, «Mixed Reality» als Verbindung zwischen echter und virtueller Realität und das Potenzial von Mobiltechnologie.
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Herr Grob, Sie haben im Jahr 2023 die Augment IT AG gegründet, ein Spin-off des Software-­Unter­nehmens Netcetera. Augment IT ist spezialisiert auf Mixed- und Augmented-Reality-Unterneh­menslösungen. Was hat Sie zu dieser Gründung ­bewogen?

Durch meine Tätigkeit im Ausland habe ich erfahren, dass die Mobiltechnologie Potenzial hat. Ich finde es sehr spannend, diese Potenziale zu erforschen und auch neue Produkte zu entwickeln wie zum Beispiel die Lösung «Paraverse». Diese hilft Paraplegikern, mit Augensteuerung Kontakt zum Internet zu bekommen. Um diese zu nutzen, arbeiten wir intensiv mit dem Paraplegiker-Zentrum in Nottwil zusammen. Da kommen Paraplegiker und Tetraplegiker hin und haben eine sehr schwere Zeit. Sie können sich fast nicht bewegen und kaum aktiv handeln. So geben wir ihnen die Verbindung zu ihren Angehörigen und zur Welt. Zu diesem Zweck arbeiten wir natürlich auch mit Partnerfirmen zusammen.

Mit welchen?

Wie erwähnt mit dem Paraplegiker-Zentrum, diese Verbindung wollen wir pflegen und ausbauen. Weiter mit dem Kinderspital Zürich und mit dem Inselspital Bern.

«Paraverse» soll auch für andere Patienten nützlich sein. Was ist da möglich?

Wir können nicht das ganze Spektrum abdecken, deswegen konzentrieren wir uns auf Kernbereiche. Leute, die wieder zu Hause wohnen, können mit einem solchen Gerät bestimmte Dinge steuern, zum Beispiel Türen öffnen. Wir haben uns aber deswegen auf Tetraplegiker konzentriert, weil diese die meisten Einschränkungen haben.

Wer produziert die Geräte?

Die Hardware wird natürlich nicht von uns produziert. Wir sehen uns auf dem Markt um, wer die Hardware anbietet, die sich am besten eignet. Häufig sind die Standardapplikationen kompliziert. Wir haben darum eine eigene Software so gestaltet, dass sie einfach zu nutzen ist. Man kann damit im Internet surfen, Filme ansehen, Nachrichten verschicken usw.

Wo und wie verkaufen Sie Ihre Geräte?

Das ist keine Anwendung, für die man Publikumswerbung macht, sondern für eine spezielle Zielgruppe. Wir suchen das Gespräch mit den Klinikvertretern, zum Beispiel in Deutschland. Auch die Awards, die wir unter anderem von der Schweizerischen Gesellschaft für Ideen- und Innovations-Management «Idee-Suisse» bekommen haben, helfen uns weiter. So können wir das Gerät auch weiteren Kreisen zugänglich machen, was auch der Wunsch der Vertreter des Paraplegiker-Zentrums ist. Es ist ein Nischenprodukt und deswegen kann man es auch sehr gezielt verkaufen.

Wie sieht Ihr Konkurrenzumfeld aus?

Es gibt natürlich schon Konkurrenz, aber eine deckungsgleiche Lösung haben wir bisher nicht identifiziert. Es gibt zum Beispiel eine Firma, die generell Systeme anbietet für normale Patienten, aber nicht spezifisch für Spezialfälle. Oder es gibt in Deutschland ein Start-up, das Geräte für Reha-Patienten anbietet, aber nicht so spezifiziert wie wir.

Planen Sie die Zusammenarbeit mit einem von diesen Unternehmen?

Allenfalls wäre eine Zusammenarbeit mit einer Schweizer Firma möglich, die auch Systeme für Patienten entwickelt. Das hat den Vorteil, dass wir neue Kunden akquirieren können.

Sie waren oft im Ausland, zum Beispiel in Japan und in den USA. Was hat Sie da besonders inspiriert?

Dort war ich im Jahr 2000 und habe erkannt, dass das Leben und die Innovation in diesen Ländern anders funktionieren. Dort kann man einiges lernen, es gibt viele Konzepte, die in Europa gar nicht bekannt sind. Auch heute weiss man nicht, was in Japan und in China alles abgeht. In Europa hat man versucht, Handys mit Internet zu entwickeln, es hat aber nie funktioniert, bis zum Beispiel Android kam. In Japan hat das aber im Jahr 2000 schon funktioniert, drei Jahre vor Europa. Das hat hier niemand gewusst. Bis 2007 gab es in der Schweiz keine Handy-Apps, aber einige Leute waren schon der Meinung, dass das Handy das Internet überholen wird. Diese Entwicklung dauerte lange, bis etwa 2016. Heute sind mobile Apps schon fast zu dominant. Für mich als IT-Fachmann war das sehr spannend.

Sie bieten auch eine neue KI-Funktion im System «Inspect AR» für die Industrie. Wie funktioniert dieses? In welchen Branchen wird es besonders ­genutzt?

Das Problem ist, dass die Baby-Boomer-Generation ins Pensionsalter kommt. Häufig sind bestimmte Systeme nicht direkt für junge Leute verfügbar, diese müssen eingearbeitet werden. Das Tool dient dazu, dieses Wissen mit Schritt-für-Schritt-Anweisung an die jungen Leute weiterzugeben. Dies wird mittels Videos erklärt, heute erstellt man keine schriftlichen Anweisungen mehr, womöglich mit hundert Seiten. Das kommt sehr gut an.

Ist es heute noch ein Problem, dass man Leute, die ältere Systeme kennen, wegen ihres Alters auf dem Stellenmarkt diskriminiert?

Dabei spielt das Alter nicht die wichtigste Rolle. Mit der Brille können wir einen Pool von Experten, die man nach Bedarf einsetzen kann, bilden. So wird auch die Flexibilisierung von Arbeitszeiten erleichtert. Pensionierte können so in einem Teilzeitpensum arbeiten und ihr Wissen weitergeben. Das hat für die ganze Wirtschaft einen Vorteil.

Sie leiteten den Bereich Augmented and Mixed ­Reality beim Software-Unternehmen Netcetera. Was versteht man genau unter «Mixed Reality»?

Darunter versteht man die Verbindung der echten Realität mit virtuellen dreidimensionalen Objekten im Raum. Das Konzept dazu entstand etwa 2017.

Wie stehen Sie generell zur künstlichen Intelligenz?

Die KI ist eine sehr relevante Innovation, die heute passiert. Man kann noch nicht abschätzen, was alles daraus entsteht. Es gibt mehrere mögliche Szenarien. Einerseits gibt es überhöhte Erwartungen, andererseits auch viel Potenzial, was da alles auf uns zukommt. Noch ist es schwer abzuschätzen, was die wichtigsten Effekte daraus sind – aber vermutlich werden wir weniger repetitive Arbeiten ausführen, dafür mehr kreative Arbeiten.

Ist die KI denn überhaupt eine Intelligenz und nicht nur eine Verarbeitung grosser Datenmengen?

Das ist richtig, aber man kann die Daten immer intelligenter verarbeiten. Die Mixed Reality und die KI werden sich immer mehr ergänzen. Zum Beispiel kann eine Datenbrille dreidimensional zeigen, was in der Umwelt abgeht und das Leben erleichtern.

Wie stark sollte man die KI juristisch regeln?

Da gibt es ein unheimlich komplexes Spannungsfeld: Man muss die positiven Möglichkeiten nutzen und die Gefahren kontrollieren. Wenn wir zu stark regulieren, werden uns andere Nationen dominieren.

Besteht nicht die Gefahr, dass Menschen die echte und die virtuelle Realität verwechseln?

Ja und wir sind sogar schon am Kipppunkt. Wenn die Leute zum Beispiel im Zug unterwegs sind, sehen sie immer auf das Handy. Und mit Geräten wie 360-Grad-Brillen hat man sogar die Möglichkeit der dreidimensionalen Betrachtung.

Was würden Sie dagegen unternehmen?

Besonders der Jugend muss man Möglichkeiten anbieten, sich in der realen Welt zu bewegen, zum Beispiel in Jugendtreffs. Man muss das Publikum informieren, wie man die neuen Möglichkeiten konstruktiv nutzen kann. Man wird ständig gesteuert in der virtuellen Welt und muss erkennen, was dahinter alles abgeht. Es ist wichtig, nicht nur oberflächlich hinzusehen, sondern die Grundprinzipien zu verstehen und das zu lernen, zum Beispiel in der Schule oder anderen Institutionen. Paradebeispiele sind Tiktok oder Instagram, das ist oberflächlich. Aber viel tiefgründiger beeinflusst man, was die Menschen denken.

Es ist wichtig, auf Originalquellen zuzugreifen, aber sogar viele Medienleute sind zu bequem dazu, obwohl man dazu heute dank Internet viel weniger Aufwand braucht als früher. Wie bringt man die Leute dazu, umzudenken?

Man muss das Verständnis dafür entwickeln: Ich weiss, ich kann das nutzen, zum Beispiel als Unterhaltungsmedium, aber ich bin gesteuert. Man kann nicht alle Informationen nur noch über wenige Kanäle beziehen, sonst bleibt man fremdgesteuert. Ich brauche mehrere Medien, um eine neutralere beziehungsweise objektivere Haltung zu bekommen. Je mehr Informationsquellen man benützt, umso weniger stark wird man gesteuert. Gefährlich sind auch diese «Bubbles», die Leute leben nur noch in ihrem Umfeld und treffen nicht mehr auf andere Ansichten oder lassen diese gar nicht zu, statt zu diskutieren. Das ist eine ganz gefährliche Richtung. Es muss doch möglich bleiben, Argumente auszutauschen und den anderen allenfalls auch zu überzeugen.

Überzeugungsarbeit ist wohl auch bei anderen Themen der Digitalisierung gefragt. Ein Beispiel ist die E-ID. Welche Meinung haben Sie dazu?

Generell sehe ich das positiv und in einigen Bereichen hat es grosse Vorteile. Man muss aber aufpassen, dass kein Zwang entsteht. Wer es nicht möchte, soll es nicht verwenden müssen.

Ein kurzer Blick zurück: Wie haben Sie die Coronazeit bewältigt? Haben Sie sich Gedanken gemacht, wie man in solchen Fällen mit IT-Systemen weiterkäme?

Das war keine einfache Zeit für uns alle. Besonders unsere verschiedenen Brillen waren in der Zeit sehr gefragt. Diese dienen in solchen Fällen dazu, mit jemandem zu telefonieren und ihn und seine Umgebung zugleich zu sehen. Das ist für Konferenzen sehr nützlich, wenn zum Beispiel jemand meint, eine Maschine funktioniere nicht, kann der Gesprächspartner sehen, dass beispielsweise ein Kabel falsch eingerichtet ist. So konnte man sogar Arbeiten durchführen, ohne an Ort und Stelle zu sein.

Welche Zukunftspläne haben Sie mit Ihrer Firma?

Natürlich habe ich diese, ich würde gern das Unternehmen weiterentwickeln und neue Systeme erschliessen. Da gibt es noch viele Möglichkeiten. Ich werde auch Leute einbeziehen, die die Firma weiterführen können, wenn ich mal nicht mehr da bin. Das Unternehmen soll nicht an mich gebunden sein.

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