Herr Folini, wer die Medien verfolgt, gewinnt den Eindruck, digitale Kriminalität sei allgegenwärtig. Wie sieht die Realität für Schweizer KMU aus?
Grundsätzlich: Wir sind daran, Gesellschaft, Staat und Wirtschaft zu digitalisieren. Auch KMU funktionieren immer digitaler und damit werden sie immer stärker den Gefahren ausgesetzt. Die Zahlen nehmen also nur schon deshalb zu, weil der Digitalisierungprozess noch längst nicht abgeschlossen ist. Die Angriffsfläche wird schlicht laufend grösser. Wo früher, in der analogen Welt, Waren und Dienstleistungen grösstenteils physisch vor Ort geschaffen wurden, steht heute ein Unternehmen mit seiner ganzen Produktionsstrasse mehr oder weniger vollständig im Netz. Egal, welches Verbrechen begangen wird, es hat heute fast immer eine Cyber-Komponente.
Das erklärt aber vermutlich noch nicht alles?
Nein, zwei weitere Aspekte sind von Bedeutung. Zum einen nehmen auch die Kompetenzen im Umgang mit der Problematik zu. Dies trifft sowohl auf die Nutzer als auch auf die Behörden zu. Vor zehn Jahren wurde man auf vielen Polizeiposten noch mit grossen Augen angeschaut, wenn man ein digitales Verbrechen zur Anzeige bringen wollte. Das hat sich glücklicherweise stark geändert. Einen weiteren Aspekt sehe ich durchaus kritisch: Die Branche operiert sehr gerne mit grossen Zahlen. Swisscom-CEO Christoph Aeschlimann behauptete letztes Jahr in einem Interview mit der NZZ, seine Firma verzeichne monatlich 200 Millionen Cyberangriffe. Nun, diese Zahl ist entweder viel zu klein, wenn man jedes einzelne IP-Päckchen zählt, oder viel zu gross, wenn gezielt gestartete Aktionen gemeint sind. Die Zahl sollte wohl vor allem beeindrucken. Die Branche braucht gewissermassen so eindrückliche Werte: Sicherheit ist ja auch ein Geschäftsmodell.
Also ist jenseits der Schlagzeilen alles halb so wild?
Das dann doch eher nicht. Für einige cyberkriminelle Strategien wie etwa den Bereich der Ransomware-Angriffe gehe ich zwar davon aus, dass die Aktivitäten langsam ein Plateau erreicht haben. Worauf aber jetzt wirklich jedes KMU allergrösste Aufmerksamkeit richten muss, sind sogenannte Deepfakes, also manipulierte Aufnahmen. Die neusten KI-Modelle fälschen Stimmen, Bilder, Videos fraglos täuschend echt. Und das macht Deepfakes gerade für KMU besonders gefährlich. Besonders dann, wenn Prozesse oft nicht exakt definiert sind oder das Vier-Augen-Prinzip nicht sakrosankt ist. Was tut der Angestellte, wenn kurz vor Feierabend der vermeintliche Chef aus den Ferien anruft und eine dringende Überweisung verlangt?
Er macht vermutlich genau das, was ihm aufgetragen wird …
Ohne Vier-Augen-Prinzip droht genau das. Und da ist ja nicht nur die täuschend echte Stimme allein. KI ist Kriminellen auch zunehmend behilflich, die Schwachstellen der Firma zu analysieren. Es werden Profile des Chefs oder von Kaderleuten erstellt. Deren Hobbys, Interessen und Pläne werden ermittelt. Es sind diese Informationen, welche den Deepfakes fatale Glaubwürdigkeit verleihen. Was früher eine aufwendige Recherche nötig machte, erledigt heute ein Computer von A bis Z. Damit lassen sich Angriffe skalieren. Noch bis vor Kurzem war dazu jemand nötig, der Deutsch liest, spricht und versteht; jemand, der sich in der spezifischen KMU-Welt auskennt. Doch diese Arbeit haben inzwischen digitale Helfer übernommen.
Jüngst machte die US-Firma Anthropic damit Schlagzeilen, dass ihr neustes KI-Modell «Claude Mythos» potenziell so mächtig und gefährlich sei, dass es nur noch ausgewählte Kunden überhaupt erhalten sollen. Droht uns der Kontrollverlust?
Der Angreifer ist immer der Treiber, auf den es zu reagieren gilt. Das war schon immer so. Richtig gefährlich wird es, wenn der Angreifer zu weit voraus ist. Deshalb ist es für Unternehmen so wichtig, am Ball zu bleiben. Bis vor Kurzem wurde – gerade hier in der Schweiz – noch gerne über ungelenke Phishing-Versuche gelacht: Holprige Formulierungen, unzulängliches Deutsch, handwerkliche Fehler. Jetzt erhältst du einen Telefonanruf mit KI-generierter Stimme in perfektem Schweizerdeutsch. Du hast kaum noch eine Chance, den Betrug zu erkennen. Das ist neu – und macht es brisant.
Hat Sie das Tempo der Entwicklung überrascht?
Tatsächlich gingen selbst Experten lange davon aus, dass die Kapitalintensität der Branche der qualitativen Verbesserung der KI-Modelle gewisse Grenzen setzt. Dass es ab einem gewissen Zeitpunkt darum gehen würde, auf dem bis dahin erreichten – durchaus beeindruckenden – Intelligenzniveau vor allem die Kosten zu senken. Das ist bisher aber nicht geschehen. Input und Output, also Investitionen und Ergebnisse, nahmen weiter zu. Selbst wenn es in der KI-Branche zu Marktbereinigungen und Konkursen kommen dürfte, wird der heute verfügbare Stand der KI wohl nicht wieder verschwinden.
Müssen wir künftig also allem und jedem misstrauen?
Die Schweiz ist eine Vertrauensgesellschaft. Vertrauen ist ein wichtiger Kitt. Dies gilt gerade auch in unserer Unternehmenskultur. Es wäre ein riesiger Verlust, wenn uns das abhanden käme.
Wie lässt sich das konkret verhindern?
Wer Zahlungen nur mit dem bereits erwähnten Vier-Augen-Prinzip vornimmt und die Prozesse klar definiert, kommt schon relativ weit. Keine einzige Zahlung geht raus, die nicht von zwei Personen autorisiert wurde. Diese Regel gilt ohne Ausnahme, auch für Chefs und Vorgesetzte. Auch wenn es Freitag 18 Uhr ist, respektive gerade dann. Es wird keine Überweisung mehr veranlasst, wenn das zweite Augenpaar schon im Feierabend oder in den Ferien ist.
Schon früher hiess es: Doppelt genäht hält besser.
Die Entsprechung in der digitalen Welt heisst 2-Faktor-Authentifizierung. Das ist die zweite zentrale Sicherheitsmassnahme, die einfach jedes KMU verinnerlicht haben muss. Selbst das bringt nicht die absolute Sicherheit, sorgt aber für markant höhere Hürden bei Angriffsversuchen. Denn so muss man eine Zielperson dazu bringen, neben dem Passwort via PC auch noch einen Handy-Code übers Smartphone preiszugeben.
Stellt grundsätzlich der Mensch oder die Technik das grössere Risiko dar?
Eine gute Frage. Das Tragische ist, dass im Zuge der Digitalisierung viel Verantwortung zum Kunden hin verschoben worden ist. Wir werden gezwungen, unser Banking online abzuwickeln. Wenn es jemandem gelingt, unser Konto leer zu räumen, sind die Geschäftsbedingungen der Bank so formuliert, dass wir so gut wie sicher selbst schuld sind – und der Bank einen Fehler nachweisen müssen. Für Menschen, die diesen virtuellen Schalter nicht wollen, ist überhaupt keine Alternative mehr vorgesehen.
Sehen Sie da regulatorischen Handlungsbedarf?
Ehrlich gesagt, wundere ich mich vielmehr, weshalb der Markt das nicht regelt. Dass keine Bank einen Wettbewerbsvorteil darin sieht, rechtlich weniger Verantwortung auf den Kunden abzuwälzen. Ein Grund ist sicher, dass die meisten Institute sich im Schadensfall einigermassen kulant zeigen. Bis auf die Fälle, bei denen Betrugsopfer auch wirklich sämtliche roten Ampeln überfahren haben. Wer Monat für Monat einen fünfstelligen Betrag an einen Scam-Account überweist, ist dann irgendwann auch wirklich selbst schuld.
Wenn ich heute Opfer eines Cyberangriffs werde: Ist das mehr statistischer Zufall oder gezielte Attacke?
Das ist unterschiedlich. Spam geht grundsätzlich flächen deckend raus und schafft es immer mal wieder durch den Filter. Wer auf so etwas klickt, dürfte auch für künftige Versuche interessant sein. Insgesamt nimmt die Systematik zu: Mit meinem ausländisch klingenden Nachnamen erhalte ich markant mehr Scam-Anrufe als die «Meiers» und «Müllers» um mich herum. Wenn ich Zeit habe, mache ich mir – auch aus beruflichem Interesse – gerne einen Spass daraus, Scam-Anrufer möglichst lange in der Leitung zu halten und ihre Masche auszutesten.
Wie sieht es bei Ransomware-Angriffen aus?
Man geht davon aus, dass heute sehr zielgenau operiert wird. Nur ein paar Strassen entfernt gab es ein gestandenes Informatikunternehmen mit rund 70 Mitarbeitern. Vor zwei Jahren ist es in die Ransomware-Falle getappt. Trotz Cyberversicherung gibt es das Unternehmen heute nicht mehr. Primär, weil zu viel Zeit benötigt wurde, um bei allen Kunden die Informatik wieder zum Laufen zu bringen, und die Regressforderungen nicht beglichen werden konnten. Besonders gefährdet sind Firmen, die zu klein sind für eine aufwendige IT-Sicherheitsarchitektur, aber wirtschaftlich interessant genug, um erpresst zu werden.
Ist bekannt, wie hoch der Anteil der Firmen ist, die bei einem Ransomware-Angriff bezahlen?
Es kommt vor, dass Firmen in Abstimmung mit Experten oder Versicherungen zahlen. Und irgendwie ist es doch verständlich, den Geldhahn zu öffnen, wenn die Existenz von Dutzenden Arbeitsplätzen auf dem Spiel steht.
