Nicht jeder KMU-Unternehmer hat sich bis dato die Mühe gemacht, einmal genau zu erfassen, was eigentlich sinnvollerweise seine Aufgaben sind und für was er genau verantwortlich ist. Anhand eines detaillierten Aufgaben- und Verantwortlichkeitsprofils kann der gewiefte Unternehmer nämlich erkennen, für was er seine Zeit und Energie einsetzen sollte. Wenn er sich dann die Mühe macht, sein Profil mit der Realität abzugleichen, wird er in den meisten Fällen herausfinden, dass er einige zeitraubende Tätigkeiten ausübt, die andere ebenso gut könnten und welche er deshalb schon längst hätte delegieren können.
Anforderungsprofil erstellen
Ein gutes Anforderungsprofil zeigt nicht nur auf, was der Unternehmer im Moment genau tut, es zeigt vor allem auf, welche Aufgaben er in nächster Zukunft wahrnehmen und worauf er sich fokussieren sollte (sogenannte undelegierbare Aufgaben). Es vermittelt auch ein klares Bild, wie viel seiner kostbaren Zeit er für was genau verwendet. Alles, was ausserhalb eines zumutbaren Rahmens liegt, sollte er konsequent an andere fähige Führungskräfte oder Mitarbeiter delegieren. Dies nicht nur zu seiner Entlastung, sondern auch zur Förderung und Entwicklung von motivierten Nachwuchskräften. Gerade im Falle einer bevorstehenden Nachfolgeregelung hilft es, ein klares Bild zu erhalten, was ein potenzieller Kandidat denn überhaupt leisten und können muss, um diese Verantwortung wahrnehmen zu können.
Die Darstellung (Abbildung 1) vermittelt einen Überblick über die wesentlichen Voraussetzungen, die ein Nachfolgekandidat mitbringen sollte. Diese gilt es in jedem Fall seriös zu überprüfen und sich ein ehrliches Bild über den Kandidaten und seine Fähigkeiten zu machen. Es dient weder der Sache noch den beteiligten Menschen, wenn man sich hier etwas vormacht und beide Augen zudrückt, nur weil es sich vielleicht um seinen Wunschkandidaten handelt.
Fakt ist, dass sehr viele Nachfolgeregelungen scheitern, weil sich in der Übergangsphase eines Management-Buy-in (MBI) oder im Aufbau eines internen Nachfolgeprozesses die Vorstellungen des Inhabers nicht mit der Realität decken. Sei es, dass durch die Übernahme von zusätzlichen Aufgaben und Verantwortung die Grenzen des Kandidaten aufgezeigt werden oder sei es auch nur, dass der Betroffene die Dinge anders macht, als dies der Inhaber bisher getan hat. Hier haben wir es übrigens mit einem häufigen Grund des Scheiterns zu tun. Dieser Aspekt wurde ausführlich im Beitrag «Übergabe regeln und loslassen lernen» beschrieben (siehe dazu «KMU-Magazin» 10 /15, Seite 52).
Wissen
Darunter ist nicht nur das reine Fachwissen zu verstehen, sondern die gesamte Professionalität und das Know-how, die es dem Kandidaten erlaubt, seine Mitarbeitenden und damit das Unternehmen weiterzubringen. Diese Voraussetzung ist für eine erfolgreiche Nachfolge unabdingbar.
Können
Hier ist der potenzielle Nachfolger auf seine Fähigkeit zu prüfen, sein vorhandenes Wissen auch in seiner Funktion wirksam umzusetzen. Kann er dieses Wissen vermitteln, kann er die Mitarbeitenden damit fördern und weiterentwickeln? In einem Auswahlverfahren werden vor allem seine Sozial- und Führungskompetenz geprüft – also seine Fähigkeiten mit Dritten umzugehen und auf Dritte zu wirken. Darunter fällt beispielsweise seine Kommunikationsfähigkeit, seine Menschenorientierung (bei Kunden und Mitarbeitenden), sein unternehmerisches Flair, seine Fähigkeit der Mitarbeiterführung, seine Überzeugungs- und Motivationsfähigkeit sowie seine Entscheidungsfähigkeit.
Wollen
Die Übernahme eines Betriebs heisst, als Unternehmer alles dem Unternehmen unterzuordnen, damit dieses erfolgreich ist. Bei allem Wissen und Können stellt sich hier für jeden Kandidaten die Frage, ob er sich über diese einschneidende Veränderung in seinem Leben wirklich bewusst ist, ob sich auch seine Familie dessen bewusst ist und ob er dies wirklich so will. Um dies herauszufinden, kann schon ein Gespräch in ungezwungenem Rahmen (z. B. ein gemeinsames Essen mit Partner) sehr hilf- und aufschlussreich sein. Es empfiehlt sich, diese sehr bald zu einem Rundgang und /oder einem Gespräch im Betrieb einzuladen. Abschliessend kann festgehalten werden, dass ein möglicher Nachfolger eine starke, gefestigte Persönlichkeit sein sollte. Dies setzt eine hohe Eigenständigkeit und Selbstsicherheit voraus, aber auch starke kognitive Fähigkeiten sowie auch die psychischen und physischen Voraussetzungen, um einer andauernd hohen beruflichen Belastung standzuhalten.

