ICT & Technik

Lieferkettenmanagement

Vom Pflichtprogramm zum digitalen Vorreiter

Steigende regulatorische Anforderungen rücken Lieferketten stärker in den Fokus. SRM, Supplier Relationship Management, ermöglicht mehr Transparenz und effizientere Zusammenarbeit. Unternehmen, die ihre Lieferantenkommunikation digital und standardisiert gestalten, rüsten sich rechtzeitig für die Lieferketten von morgen.
PDF Kaufen

Gerade an der Schnittstelle zwischen Technik und Einkauf zeigt sich, wie entscheidend eine belastbare digitale Grundlage ist. Einkäufer müssen heute in der Lage sein, Lieferantendaten nicht nur zu erfassen, sondern sie auch eindeutig zu interpretieren, weiterzugeben und für Reporting-, Compliance- und Analyse-Zwecke zu nutzen. Klassische Excel-Formate, individuelle Attributdefinitionen oder proprietäre Schnittstellen stossen hier schnell an ihre Grenzen. Sie erzeugen Medienbrüche, hohen Abstimmungsaufwand und im schlimmsten Fall regulatorische Risiken.

Digitale Nachverfolgbarkeit

Digitale Nachverfolgbarkeit wird damit zum zentralen Erfolgsfaktor im modernen Supplier Relationship Management. Unternehmen müssen nachvollziehen können, woher Materialien stammen, wie Produkte verarbeitet wurden und welche Eigenschaften oder Nachweise sie mitbringen. Gleichzeitig erwarten Kunden und Behörden genau diese Informationen in strukturierter, maschinenlesbarer Form. SRM wird damit untrennbar mit standardkonformer Lieferantenkom­munikation verbunden.

EPCIS 2.0 bringt Transparenz

Hier setzt EPCIS (Electronic Product Code Information Services) an, ein international etablierter Standard zur ereignisbasierten Erfassung von Lieferketteninformationen. Jeder relevante Schritt entlang der Lieferkette – Wareneingang, Produktion, Lagerung, Transport – wird als Ereignis erfasst: Was ist passiert? Wann? Wo? Durch wen? EPCIS macht diese Informationen maschinenlesbar und auditfähig, ohne dass Unternehmen ihre bestehende IT-Landschaft komplett umbauen müssen. Mit EPCIS 2.0 verschiebt sich der Fokus von der reinen Dokumentation weiter zur aktiven Nutzung von Daten. Ereignisse lassen sich um zusätzliche Messwerte ergänzen – etwa zu CO₂-Emissionen, Energieverbrauch, Temperatur oder Qualität.

So kann ein Fleischproduzent anhand der EPCIS-Daten beispielsweise nachvollziehen, welcher Zulieferer regionale Produkte liefert oder Tierwohlstandards erfüllt. Ein Konsumgüterhersteller kann Lieferanten nicht nur nach Preis, sondern auch nach Prozessqualität, Nachhaltigkeit und CO₂-Fussabdruck vergleichen. Auf dieser Grundlage lassen sich datengetriebene Entscheidungen treffen, die über reine Kostenbetrachtung hinausgehen und strategische Vorteile schaffen.

Gleichzeitig gewinnen Betriebe damit entscheidungsfähige, belastbare Daten, statt nur regulatorische Nachweise zu sammeln. EPCIS 2.0 macht Transparenz so zum Werkzeug für operative und strategische Steuerung.

Globale Standards nutzen

Das GS1 Web Vocabulary ergänzt EPCIS 2.0 um die entscheidende semantische Ebene. Es definiert eindeutig, was einzelne Datenattribute bedeuten und wie sie zu interpretieren sind. Produktmerkmale, Organisationsdaten, Herkunftsinformationen oder Zertifikate basieren damit auf einer gemeinsamen, international anerkannten Ontologie. So erkennt ein Konsumgüterhersteller beispielsweise sofort, dass «Bio-Zertifikat EU» und «Organic EU» in verschiedenen Lieferantensystemen dasselbe bedeuten. Für Fleischproduzenten lassen sich durch diesen internationalen Standard sowohl Herkunft als auch Tierwohlstandards weltweit konsistent vergleichen. Insgesamt bedeutet das für den Einkauf: Daten müssen nicht jedes Mal neu erklärt, gemappt oder interpretiert werden – ihre Bedeutung ist eindeutig festgelegt, für Menschen ebenso wie für IT-Systeme.

Flexibel umstellen

Die grössten Vorteile entstehen, wenn Unternehmen die Chancen des digitalen SRM systematisch nutzen: Wer frühzeitig auf standardisierte, digitale Prozesse setzt, legt den Grundstein für nachhaltige Effizienz, belastbare Datenqualität und langfristige Compliance. Auf diese Weise können Unternehmen eine Vorreiterrolle einnehmen, wenn sie ihre Lieferantenkommunikation konsequent modernisieren und auf etablierte, international anerkannte Standards wie EPCIS ausrichten.

Der entscheidende Vorteil liegt darin, dass unterschiedliche Datenformate miteinander kompatibel gemacht werden können, ohne dass alle Beteiligten ihre Systeme gleichzeitig umstellen müssen. Damit können interne Daten bereits für Reporting, Compliance und strategische Entscheidungen genutzt werden, während Partner ihre eigenen Systeme weiterbetreiben.

Diese Flexibilität reduziert Reibung, erhöht zudem die Akzeptanz in der Lieferkette und macht die digitale Transformation nachhaltig.

So vermeiden Unternehmen die Altlasten von morgen, schaffen eine Architektur, die mit zukünftigen regulatorischen Anforderungen wächst, und sichern sich damit einen strategischen Vorsprung, ohne jede neue Technologie unüberlegt auszuprobieren. Zudem sinkt der Aufwand für die Anbindung neuer Lieferanten erheblich. Daten können systemübergreifend genutzt werden, Reporting- und Compliance-Anforderungen schneller erfüllt werden, und die Datenqualität steigt, da Validierungsmechanismen sicherstellen, dass Lieferanteninformationen den definierten Standards entsprechen.

SRM als Wettbewerbsvorteil

Unternehmen wie Konsumgüterhersteller oder industrielle Verarbeiter stehen unter doppeltem Druck: regulatorische Anforderungen erfüllen und gleichzeitig Kundenanforderungen bedienen. Ein standardbasiertes SRM mit EPCIS 2.0 und GS1 Web Vocabulary verwandelt diesen Druck in einen strategischen Vorteil. Daten werden nicht nur gesammelt, sondern aktiv nutzbar gemacht – für Steuerung, Optimierung und Differenzierung. Supplier Relationship Management wird vom reaktiven Verwaltungsprozess zur aktiven Steuerungsfunktion. Einkäufer gewinnen Transparenz, Technik gewinnt Struktur und das Unternehmen insgesamt gewinnt Handlungsfähigkeit. Wer diesen Schritt heute geht, positioniert sich klar als Vorreiter – mit Blick auf die Lieferketten von morgen.

Porträt