Der Begriff «Minergie» tauchte erstmals Mitte der neunziger Jahre auf. Das Konzept Minergie wurde von zwei Zürchern entwickelt. Urheber des Minergie-Denkens waren Ruedi Kriesi und Heinz Uebersax. Kriesi, damals Leiter der Energiefachstelle des Kantons Zürich, brachte seine grosse Erfahrung aus dem Gebäudebereich ein. Der 2010 verstorbene Heinz Uebersax war Unternehmensberater.
Dynamische Idee
1995 wurden im Kanton Zürich die ersten Häuser nach Minergie-Standard zertifiziert. Drei Jahre später, 1998, erfolgte die Gründung des Vereins Minergie, der die Minergie-Idee «zum Fliegen» brachte. Der Aufbau unter der Leitung des Autors erfolgte zügig. Innert kurzer Zeit konnten alle Kantone als Vereinsmitglieder gewonnen werden. Das schaffte die Basis für die schweizweite Akzeptanz. Es folgten Industrie und Gewerbe. Heute hat der Verein Minergie über 500 Mitglieder und mehr als 1300 Fachpartner. Fachpartner sind etwa Architekten, Planer, Energieberater, Heizungsinstallateure, usw., also Vertreter des klassischen Bau- und Baunebengewerbes. Unter den Firmenmitgliedern finden sich Banken, Rückversicherer, Unternehmen aus der Bauindustrie usw. Mitglieder aus dem Immobilien-Business sind Wohnbaugenossenschaften, Institutionelle Investoren wie Migros und Coop. Die Entwicklung der Minergie-Idee verlief seither sehr erfolgreich und dynamisch. In den ersten Jahren wurden pro Jahr ein paar Hundert Gebäude zertifiziert, heute sind es pro Jahr zwischen 4000 und 5000 Gebäude. Insgesamt wurden bisher rund 24 000 Gebäude im In- und Ausland zertifiziert. Das entspricht flächenmässig etwa 24 Mio. Quadratmetern. International gesehen nimmt die Schweiz im Sektor Minergie eine Pionierrolle ein. Minergie ist im Verhältnis zur Bautätigkeit und zur Bevölkerungszahl der mit Abstand erfolgreichste Baustandard weltweit.
Gültige Standards
Der Minergie-Standard ist ein freiwilliger Baustandard, der den rationellen Energieeinsatz und die breite Nutzung erneuerbarer Energien bei gleichzeitiger Verbesserung der Lebensqualität, Sicherung der Konkurrenzfähigkeit und Senkung der Umweltbelastung ermöglicht. Die folgenden Anforderungen müssen eingehalten werden: Primäranforderung an die Gebäudehülle, ganzjährig kontrollierbarer Luftwechsel, Minergie-Grenzwert (gewichtete Energiekennzahl), Nachweis über den thermischen Komfort im Sommer, Zusatzanforderungen je nach Gebäudekategorie betreffend Beleuchtung, gewerbliche Kälte und Wärmeerzeugung, Begrenzung der Mehrkosten gegenüber konventionellen Vergleichsobjekten auf maximal zehn Prozent. Bei Minergie wird das Ziel als Grenzwert im Energieverbrauch definiert. Die Wege dazu sind vielfältig. Wichtig ist, dass das ganze Gebäude als integrales System betrachtet wird, die Gebäudehülle zusammen mit der Haustechnik. Bei der Haustechnik mit Heizung, Lüftung und Warmwasseraufbereitung sind weniger Additionen, sondern sinnvolle Kombinationen gefragt. In Minergie-Gebäuden mit minimalem Heizenergieverbrauch spielt der Energieträger für die Heizung eine untergeordnete Rolle. Der Warmwasserverbrauch dagegen wird in der Energiebilanz verhältnismässig wichtig. Lösungen mit erneuerbaren Energien (z. B. Sonnenkollektoren) bieten sich hier an. Die heute gültigen Standards sind Minergie, Minergie-P und Minergie-A (vgl. Abbildung).
Überwiegend akzeptiert
Voll hinter dem Minergie-Konzept stehen die politischen Behörden, vorab natürlich die Baudirektoren der Kantone, das Bundesamt für Energie und das Bundesamt für Bauten und Logistik BBL. Die entsprechenden Förderprogramme mit Subventionen für Minergie- oder Minergie-P-Bauten sind der Tatbeweis dafür. Seitens der Bauherrschaft ist die Akzeptanz ausgesprochen gut. Wir haben heute in der Schweiz in der Gebäudekategorie «Wohnen Neubau» einen Marktanteil von ca. 25 Prozent. Im Kanton Zürich sind es sogar 50 Prozent. Sehr unterschiedlich ist der Zuspruch von den Bauunternehmern. Grundsätzlich müssten die Bauunternehmer für Minergie sein, denn sie generiert ihnen im Vergleich zur Standard-Technik eine höhere Wertschöpfung. Da aber im Baugewerbe immer noch eine eher konservative Haltung vorherrscht, werden die Vorteile von Minergie noch nicht von allen Unternehmern eingesehen. Sie bauen nach Stand der Technik ohne Minergie. Dagegen ist es aber der Tendenz nach so, dass die grösseren Bauunternehmen, insbesondere auch die grossen Generalunternehmen auf Minergie setzen.
