Forschung & Entwicklung

Green Transformation

Wie Unternehmen von den Organisationsprinzipien der Natur lernen können

Mit der Übertragung von Orientierungsmustern zu Organisationsprinzipien der lebenden Natur auf Unternehmensstrukturen ist es möglich, den Entwicklungsstand des Unternehmens zu bestimmen, zukunftsorientierte Entwicklungsrichtungen einzuschlagen und weitere Entwicklungsreserven aufzu­decken.
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Die lebende Natur hat im Verlauf von vielen Millionen Jahren effiziente Organisationsprinzipien wie Symbiose, Nischen­bildung, Metamorphose, Differenzierung, Adaption u.a. hervorgebracht, die sich auch durch Abstraktion und Modellbildung auf den aktuellen Entwicklungsstand eines Unternehmens übertragen lassen, um daraus wirkungsvolle Innovationsstrategien zu generieren. Gerade in einer Zeit der Krisen und des Wandels stellen die Organisationsmuster des Lebendigen eine wichtige Innovationsquelle für das rasche Anpassungsvermögen der Unternehmen dar. Wer diese Orientierungsmuster für die strategische Zielbestimmung und Richtungsfindung seines Unternehmens nutzt, wird langfristig Wettbewerbsvorteile erzielen.

Permanente Vorausschau

Green-Transformation ist ein ganzheitlicher strategischer Innovationsansatz, der durch Naturorientierung eine bewusste Entscheidung zur zielgerichteten und grundlegenden Veränderung im Unternehmen ermöglicht. Green-Transformation ist gleichzeitig auch vorausschauende Entwicklung und verlangt neue Wege im Unternehmen zu gehen, die durch die globalen Rahmenbedingungen Klimawandel und Ressourcenknappheit geprägt sind. Diese Rahmenbedingungen haben tief greifende Auswirkungen auf die Wertschöpfungskette im Unternehmen. Dabei kommt es darauf an, im Unternehmen einen Prozess permanenter Vorausschau zu organisieren, zukünftige Entwicklungen zu antizipieren und die dabei gewonnenen Erkenntnisse für den Veränderungsprozess zu nutzen.

So ist es eine bekannte Tatsache, dass globale Probleme lokale Auswirkungen auf die Unternehmen haben. Dabei ist das Grundproblem durch schwindende Ressourcen, wachsende Weltbevölkerung und gravierende Umweltbelastungen gekennzeichnet. Das führt u.a. zur Verknappung der Rohstoffe und dadurch zu steigenden Rohstoffpreisen und zu rasantem Anstieg des Energiebedarfs in unserer wachstumsorientierten Gesellschaft. Diese Probleme führen wiederum zu Krisen, die zwar negative Auswirkungen auf alle Bereiche der menschlichen Gesellschaft haben, aber sie besitzen auch eine positive Seite. Die positive Seite besteht in der Gelegenheit zur Veränderung, um eine neue Evolutionsebene zu erreichen.

Herausforderungen meistern

So steht die menschliche Gesellschaft vor gewaltigen existenziellen Herausforderungen, den zunehmend eskalierenden, exponentiellen Wachstumsprozessen durch geeignete Massnahmen wie die Green-Transformation zu begegnen. So ist es auch eine Tatsache, dass exponentielles Wachstum keinesfalls ständig möglich ist, da es die Umweltkapazitäten nicht zulassen. Die Umwelt ist daher unfähig, unaufhörliches Wachstum zu verkraften. Die Wachstumsrate beginnt sich zu verlangsamen und die Kurve verläuft dann nach unten – bei einem solchen S-förmigen Verlauf – sprechen wir von einem logistischen Wachstum.

Deshalb stehen wir am Beginn der ersten Phase dieses Transformationsprozesses, in einer Phase beschleunigender technologischer, ökonomischer, ökologischer und sozialer Veränderungen. Kern dieser Veränderung ist die Verwirklichung der Vision, trotz sinkendem Ressourcen- und Energieverbrauch den Wohlstand der menschlichen Gesellschaft weiter zu steigern.

Natürliches Minimax-Prinzip

Eine Möglichkeit zur Verwirklichung dieser Vision bietet die Naturorientierung. In der lebenden Natur und ihrer Evolution herrscht ein universelles Grundprinzip, das Minimum-Maximum-Prinzip. Es besagt, dass mit einem Minimum an Material und Energie ein Maximum an Stabilität der Lebensfunktionen erreicht werden kann. Ebenso wie im Unternehmen geht es in der lebenden Natur darum, möglichst optimal mit den vorhandenen Ressourcen zu wirtschaften. Daher bilden biologische Systeme mit ihren effizienten Funktions-, Struktur- und Organisationsprinzipien eine nahezu unversiegbare Innovationsquelle für qualitatives Wachstum.

Gerade die Neubewertung der Natur spielt eine Schlüsselrolle bei der Zukunftsgestaltung. Bildet die Natur gegenwärtig den Produktionsfaktor, so wird sie in Zukunft immer mehr zur Inspirations- und Innovationsquelle. Biostrukturen erfüllen bei der Naturorientierung zwei grundsätzliche Funktionen. Einerseits sind sie Verständnismittel zum Analogie-orientierten Begreifen unternehmerischer Probleme und anderseits fungieren sie als Lösungsquelle zur Ideenfindung. Die Transformation zum naturorientierten Unternehmen ist ein evolutionärer Prozess, der niemals abgeschlossen ist und stets auf einer nächsthöheren Stufe bzw. Etappe fortgeführt wird. Um in eine nächsthöhere Etappe zu gelangen, sind methodische Mittel in Form von Orientierungsmodellen notwendig. Ihre Übertragung auf den gegenwärtigen Entwicklungsstand (Unternehmen und Produkt), führt zunächst zur Bestimmung des Entwicklungsstandes und damit zur Aufdeckung von Entwicklungsreserven sowie zur Bestimmung der idealen Entwicklungsrichtung.

Zu den Evolutionsgesetzmässigkeiten gehören beispielsweise Evolutionstrends. Zu den Megatrends gehören u.a. der Klimawandel und die Ressourcenknappheit, die in den nächsten Jahrzehnten die ökologischen und ökonomischen Bedingungen grundlegend bestimmen werden. Jedes Unternehmen sollte deshalb die Auswirkungen dieser Megatrends auf das Geschäftsmodell untersuchen und mithilfe von Orientierungsmodellen zu Evolutionsgesetzmässigkeiten und Organisationsprinzipien zur Zielbestimmung und Richtungsfindung sowie zu Biostrukturen zur Lösungsfindung die geeignete Unternehmensstrategie generieren.

Kein Unternehmen sollte die Megatrends und speziellen Trends ignorieren, da künftiges Wachstum aus einer Schnittmenge von Ökonomie und Ökologie sowie von sozialer Verantwortung entsteht.

Diejenigen Unternehmen, die ihre Produkte heute schon nach diesen Trends ausrichten, können sich am Markt differenzieren und haben dadurch einen klaren Marktvorsprung sowie enorme Wettbewerbsvorteile.

Unternehmen als Organismus

Bezugnehmend auf die sog. «Gaia-Hypothese» von James Levelock, dass die Erde als lebendiges Wesen mit der Fähigkeit zur Selbstregulation betrachtet wird, so kann auch ein Unternehmen als Modell eines lebenden Organismus auf­gefasst werden. Bei beiden Systemen gelten zwar andere Bedingungen und Regeln, aber es gibt in bestimmter Ab­straktionsebene gemeinsame Muster, die als «unscharfe», d.h. heuristische Prinzipien genutzt werden können. Ein Unternehmen sollte sich ausserdem als Teil eines grösseren Ganzen begreifen, welches sich in ständiger Veränderung befindet. Unternehmen sind daher wie lebende Systeme instabil. Hauptaspekt dabei ist, dass das Unternehmen in seiner Modellierung als lebendes Wesen stets eine zielgerichtete Metamorphose, also eine immerwährende Verwandlung in Form einer Anpassung an ständig veränderte Umweltbedingungen in Gang setzt.

Äussere Einflüsse auf das Unternehmen wie Rohstoffpreise, neue Kundenbedürfnisse, Absatzrückgang usw. können zu Instabilitäten und damit zu einem zeitweiligen Chaos führen. Wie die Allgemeine Systemtheorie aufzeigt, können sich nur in einem vorübergehenden instabilen Systemzustand in Abhängigkeit von der Zeit geordnete, differenziertere Strukturen bilden. In der Natur sind daher lebende Wesen instabile Systeme. Diese Fähigkeit, sich trotz verändernder Umweltbedingungen einen hohen Grad von innerer Ordnung zu bewahren, trifft verallgemeinert auch für ein Unternehmen zu. Diese scheinbare Stabilität erhalten diese Systeme durch ihre Flexibilität, mit einem dynamischen Ausbalancieren durch ständige Umsetzung von Stoff, Energie und Information.

Diese Systemeigenschaft wird auch als dynamisches Fliessgleichgewicht bezeichnet, die offenen Systemen eigen ist. So muss ein Unternehmen stets offen sein für Neues und die äusseren Systembedingungen (neue Technologien, veränderte Kundenbedürfnisse usw.) einbeziehen. Die Analogie «lebender Organismus- Unternehmen» ist ein Verständnismodell, welches tiefere Einblicke in das Wesen evolutionärer Veränderungen ermöglicht. Wie in der biologischen Evolution werden die Überlebens- und Wettbewerbsfähigkeit im Unternehmen davon abhängen, wie schnell und flexibel es auf Veränderungen der Umwelt reagiert. In der biologischen Evolution geht es u.a. darum, bei den Organismen durch Hervorbringung effizienter Strukturen die Fähigkeit zum Wettbewerb um begrenzte Ressourcen auszuprägen und zu optimieren. So muss das künftige Entwicklungsverständnis davon geprägt sein, dass Wettbewerbsfähigkeit auch Wandlungsfähigkeit erfordert. Die Entwicklungsreserve eines Unternehmens für dessen Zukunftsfähigkeit ist die permanente Veränderung.

Produktionsfaktor Wissen

Die Unternehmen benötigen dringend das Grundwissen zur «Naturorientierung» als Green-Technologie in einer komplexen Welt des Umbruchs und Wandels, um die ständig wachsenden Anforderungen an ihre Anpassungsfähigkeit zu gewährleisten. Wissen wird damit zu einem Produktionsfaktor, da der Umgang mit Wissen zu einer Kernkompetenz in unserer Wissensgesellschaft geworden ist. Die Basis dieses Orientierungswissens bilden dabei die neuen Wissenschaften wie die Systemik, Kybernetik, Bionik und Synergetik.

In diesem Zusammenhang muss die Green-Transformation mit ihrer Naturorientierung zunächst zum zentralen Anliegen der Weiterbildung aller Mitarbeiter im Unternehmen werden. Jeder einzelne Mitarbeiter ist eine «Zelle» im Organismus Unternehmen. Daher ist auch ohne ausgeprägte Naturorientierung der Mitarbeiter kein erfolgreicher Wandel möglich. In unserer Wissensgesellschaft besteht die Notwendigkeit einer ständigen Weiterqualifizierung, um die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Unternehmen umzusetzen und für den Unternehmenserfolg zu nutzen. Genauso wie das Unternehmen sich ständig weiterentwickeln muss, um auf dem hart umkämpften Markt mit innovativen Produkten präsent zu sein, so muss sich auch jeder Mitarbeiter weiterentwickeln, um das neu erworbene Wissen, gepaart mit Kreativität anzuwenden.