Forschung & Entwicklung

Wissensmanagement

Wie KMU ihren Umgang mit Wissen prüfen können

Wissen nicht nur aufzubauen, sondern auch zu sichern, ist gerade für kleinere Unternehmen keine einfache Aufgabe. Denn häufig fehlen dazu die nötigen Kapazitäten. Studierende der FHS St.Gallen haben ein Modell entwickelt, mit dem auch kleinere Unternehmen ihr Wissensmanagement untersuchen und verbessern können.
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Besonders, wenn erfahrene Mitarbeitende ein Unternehmen verlassen, besteht die Gefahr, dass viel Wissen verloren geht. Deshalb ist es wichtig, das vorhandene Wissen professionell zu dokumentieren und zu managen. Das ist zwar nichts Neues und den Unternehmen stehen ausgereifte Wissensmanagement-Modelle zur Verfügung.

Doch die meisten Wissensmanagement-Ansätze sind sehr komplex. Für kleinere Unternehmungen mit höchstens 50 Mitarbeitenden ist es oft zu aufwendig und zu teuer, diese klassischen Vorgehensweisen zu verfolgen. Es fehlen ihnen die strukturellen Voraussetzungen, und das Engagement von externen Beratern ist zu kostspielig. Die personellen Ressourcen in kleineren Unternehmen sind eingeschränkt und das Alltagsgeschäft nimmt fast alle Zeit in Anspruch.

Zusätzliche Aufgaben und Prozesse stos­sen bei den Mitarbeitenden häufig auf Widerstand. Zudem ist der Formalisierungs- und Systematisierungsgrad weniger hoch als in mittleren und grossen Unternehmen. Ist Wissensmanagement also nur ein Thema für Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitenden? Oder gibt es alternative Möglichkeiten für kleinere Unternehmen? Wo besteht Handlungsbedarf? Und wie können kleinere Unternehmen ihren Umgang mit Wissen untersuchen und optimieren? Antworten auf diese Fragen gibt es in einer Masterarbeit, die im Rahmen des MAS in Business Process Engineering am Management-Weiterbildungszentrum der FHS St.Gallen verfasst worden ist.

Der Praxistest

Die Autoren haben ein Modell entwickelt, mit dem kleinere Unternehmen ihr Wissensmanagement untersuchen können. Sie haben dafür grundlegende Elemente von bestehenden Modellen entsprechend angepasst und ergänzt. Das Resultat ist das sogenannte «Frauenfelder Modell». Ob es auch praxistauglich ist, konnten die Erfinder in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Unternehmen pebe AG ermitteln. Der Softwarehersteller mit 25 Mitarbeitenden nahm mithilfe des neuen Modells sein Wissensmanagement unter die Lupe.

Fragebogen für erste Analyse

Zuerst erhielten alle Mitarbeitenden der pebe AG auf elektronischem Weg einen Fragebogen. Und in einem Begleitschreiben wurden sie für das Thema Wissensmanagement sensibilisiert. Es ist empfehlenswert, dass die Geschäftsleitung ihre Mitarbeitenden ausführlich über ein solches Projekt informiert. Der Fragebogen des Frauenfelder Modells beschäftigt sich mit dem Umgang und der Qualität des Wissens in einem Unternehmen. Unter anderem beinhaltet er folgende Fragen: Ist unser benötigtes Wissen auf dem Markt erhältlich? Werden Innovationen und Neuerungen gefördert? Überprüfen wir unser Wissen regelmässig auf Aktualität? Führen wir regelmässig interne Schulungen durch? Mit diesen und weiteren Fragen kann ein Unternehmen seinen Wissensaufbau (Zugänglichkeit des Wissens und Abhängigkeit eines Unternehmens von Wissen), seine Wissenserhaltung, seine Wissensnutzung, seinen Wissenstransfer und weitere Aspekte zum Wissensmanagement erfassen.

Aussagekräftiges Ergebnis

Die Bereitschaft, den Fragebogen auszufüllen, war bei den Mitarbeitenden der pebe AG überaus hoch. Nachdem sie die Antworten erhalten hatten, machten sich die Erfinder des Frauenfelder Modells an die Auswertung. Zur Gewichtung der einzelnen Fragen benutzten sie einen spezifischen Multiplikator. Er berücksichtigt die Bedeutung der einzelnen Wissensthemen für eine Firma und zeichnet so ein möglichst genaues Bild des aktuellen Wissensmanagements. Die Befragung lässt sich auf ein ganzes Unternehmen oder auch auf einzelne Abteilungen anwenden, je nach Bedürfnis. Der Praxistest bei der pebe AG hat bestätigt, dass der Fragebogen des Frauenfelder Modells in der Praxis gut funktioniert. Besonders bewährt hat sich die unkomplizierte Anwendbarkeit auf die pebe AG. So war die Umfrage im ganzen Unternehmen schnell und ohne Vorbereitung durchführbar und die Auswertung erfolgte rasch dank vorgefertigten Handlungsoptionen. Weiter war eine automatische Auswertung möglich und die kostengünstige Befragung führte zu einem aussagekräftigen Ergebnis. Das Resultat zeigte auf, wo beim Wissensmanagement der pebe AG noch Handlungsbedarf besteht.

Details mit Interviews erfassen

Um die Resultate der Umfrage zu vertiefen, beinhaltet das Frauenfelder Modell ein optionales Gespräch mit ausgewählten Mitarbeitenden, wobei alle Bereiche berücksichtigt werden sollten. Auch diesen Schritt führten die Erfinder des Modells mit den Angestellten der pebe AG durch. Er bot den Einzelnen die Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge einzubringen. Das Interview fand aber nicht in klassischer Frageform statt, sondern die Mitarbeitenden wurden mit Aussagen zum Thema konfrontiert. Das hat sie zu ganzheitlichem Denken veranlasst. Und anstatt Lösungen mussten die Teilnehmenden Handlungsoptionen vorschlagen. Das hat nach Meinung der Erfinder des Frauenfelder Modells dazu beigetragen, dass der Blick der Einzelnen von ihrem Arbeitsbereich weg auf das gesamte Unternehmen hin gelenkt wurde.

Weiter hat sich am Beispiel der pebe AG gezeigt, dass die Gespräche einen spannenden Einblick in die Befindlichkeit der Befragten geben. So kamen Ängste über mögliche Veränderungen zum Vorschein und anderes mehr. Solche Informationen sind vor allem in einem späteren Schritt für die Umsetzung von Projekten und Massnahmen relevant.

Der Aufwand für diese Befragung betrug etwa eine Stunde pro Mitarbeiter. Wichtig: Eine Fachperson mit Know-how in Wissensmanagement sollte das Interview führen. Denn das Interview ist nicht selbsterklärend, die verantwortliche Person muss die Vorgehensweise und die Aussagen erklären.

Klare Handlungsoptionen formuliert

Das Ziel des Frauenfelder Modells wurde klar erreicht. Seine Entwickler konnten aus den Resultaten der Umfrage und des Interviews klare Handlungsoptionen für die pebe AG formulieren. Die Sofortmassnahmen lassen sich ohne vertiefte konzeptionelle Arbeiten umsetzen. Dazu gehören zum Beispiel «Kundenverzeichnisse neu aufbauen und vereinheitlichen» und «vorhandene Prozessdokumentationen zugänglich zu machen und zu schulen». Für die mittel- und langfristigen Massnahmen schafft die pebe AG eine Projekt-Controlling-Instanz. Sie ist verantwortlich für die Initiation und Umsetzung der Massnahmen. Das Projektteam untersteht direkt der Geschäftsleitung. Es erarbeitet Massnahmen wie «Mitarbeiterschulungen organisieren», «Aufbau einer Extranet-Plattform zum Austausch von Informationen und Kollaboration von und mit Kunden» und «Wissensziele mit der Geschäftsleitung definieren».

Der Einsatz in der Praxis hat gezeigt: Das Frauenfelder Modell ist auf jede Branche und jede Betriebsgrösse anwendbar, denn es ist in dieser Hinsicht neutral formuliert und aufgebaut. Als Nachteile haben sich herausgestellt: Der Fragebogen konnte nicht ganz alle Aspekte des Wissensmanagements erfassen und die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Abteilungen liessen sich nicht vollständig berücksichtigen. Zudem muss das Interview von einer Fachperson mit Know-how in Wissensmanagement durchgeführt werden. Insgesamt jedoch hat sich das Frauenfelder Modell bewährt. Vor allem über die aussagekräftigen Resultate und die einfache Anwendbarkeit haben sich die Erfinder des Modells gefreut. «

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