Am Anfang war die Pizza
Eines der ersten Produkte, das übers Internet verkauft wurde, war eine Pizza. Das war im Jahr 1994, der Anbieter: eine internationale Restaurantkette namens Pizza Hut. Ein Jahr später griff Jeff Bezos die Idee des Online-Handels erneut auf. Auf amazon.com pries er die ersten Bücher online an. Die Skepsis gegenüber dem neuen Vertriebskanal war gross. Wer sollte Bücher online bestellen, wenn sie doch im Laden zu kaufen waren?
15 Jahre später wissen wir: viele und immer mehr. Ein vergleichsweise junges Trio aus Apple, Google und Amazon macht sich gerade daran, der 500-jährigen Buchdruckerkunst und deren Vertriebskanälen neue Geschäftsmodelle aufzuzwingen. Eine Entwicklung, die in der Musikbranche schon im vollen Gange ist und Potenzial hat, den herkömmlichen Handel zu erschrecken. Der Siegeszug des Internets und des E-Commerce verändert die Art, wie die Welt sich informiert, wie sie sich austauscht, wie sie einkauft. Nichts deutet darauf hin, dass sich an dieser Dynamik in Zukunft etwas ändern könnte. Seit den Tagen Mitte der Neunzigerjahre, als funktionsfreundliche Internet-Browser und danach immer günstigere und leistungsfähigere Endgeräte auf den Markt kamen, muss die Geschichte des Einkaufs neu geschrieben werden. Am Laden vorbei.
Den Laden neu erdenken
«Unstoring» bedeutet eine Entwicklung, die den klassischen Händler umgeht. Eine Zukunft, die den Laden – so er beim Bestehenden verharrt – überflüssig machen könnte. Denn: Digitale Techniken wachsen in die reale Welt hinein. Statt einer klaren Trennung zwischen Online- und realer Welt verschmelzen die beiden Universen. Was aber wird aus dem herkömmlichen Laden, wenn künftig der (virtuelle) Pixel-Shopping-Cart stärker genutzt wird als der herkömmliche (reale) Drahtwagen? Wenn der Umsatz aus dem Verkaufslokal wandert, muss der Laden neu erdacht werden.
Wer die Zukunft des Ladens verstehen will, darf die Vergangenheit nicht ausblenden, in der dem stationären Handel von jeher eine Rolle des gesellschaftlichen Treffpunkts und der sozialen Kontakte zugedacht war. Und man muss die Vorgegenwart lesen können: Erste Unstoring-Tendenzen zeigten sich schon, als global agierende Brands wie Nike oder Samsung begannen, eigentliche Flaggschiff-Läden so zu positionieren, dass das Erlebnis wichtiger wurde als Abverkauf und Quadratmeter-Produktivität. Seither wird die Welt des Ladens ständig neu erdacht und umgesetzt. Wenn Online-Händler danach streben, in der «realen» Welt eine Präsenz zu errichten. Wenn sich herkömmliche stationäre Formate von der Einkaufsstrasse verabschieden und stattdessen nur noch im Cyberspace siedeln. Wenn sich Verkaufsformen vermischen, sogenannt hyperlokal auf tatsächliche Theken setzen, die aber internetmässig unterfüttert sind: Wer weiss da noch, wofür ein Laden heute steht? Und morgen?
Klar ist: Reale und virtuelle Welt kommen sich immer näher, ergänzen und umgarnen sich. Wohl wird der Mensch immer ein Haptiker bleiben, auch ein dem Geruchs- und Gehörsinn verhafteter Konsument. Doch er will eben auch die Neuerungen nutzen, die ihm internetbasierte Technik bietet: Preise schon zu Hause vergleichen; Produkte visualisieren und auf individuelle Vorlieben hin anpassen; Folgekosten durchrechnen; Servicepläne checken; Erfahrungen und Meinungen anderer Konsumenten einholen.




