Die Notwendigkeit für regelmässige Innovationen steigt weiter und auch der Anspruch der Unternehmen selbst ist hoch. Rund 82 Prozent der Unternehmen sehen sich als Innovationsführer in ihrer Branche. Die Realität sieht jedoch anders aus: Der Umsatz mit Marktneuheiten in Bezug zum Gesamtumsatz ist bei Schweizer Unternehmen aller Industrieklassen – mit Ausnahme der Pharma-Branche – in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Schweizer Industrie-KMU bezeichnen vermehrt Mühe, die hohen Kosten für Forschung und Entwicklung zu tragen. Dieser Effekt ist deutlich spürbar. So hat sich der Anteil der F&E-treibenden Unternehmen in der Schweiz in den letzten 20 Jahren nahezu halbiert.
Hausgemachte Ursachen
Ein zentraler Grund für diese Realität ist die deutlich zu hohe Time-to-market bei Neuentwicklungen: «Wir haben eine durchschnittliche Time-to-market von drei Jahren – mit einer Verzögerung von rund einem Jahr im Schnitt», so einer unserer Kunden. Er ist bei weitem kein Einzelfall. Die Ergebnisse des «Swiss Manufacturing Survey 2021» zeigen, dass die wichtigsten Ziele von Schweizer Unternehmen für die Jahre 2021 bis 2024, die mit entsprechenden Digitalisierungstätigkeiten verfolgt werden, die Steigerung der Fertigungseffizienz sowie der Flexibilität, unter anderem zur Reduktion der Time-to-market, sind.
Die Ursachen einer zu hohen Time-to-market sind weit verbreitet und in der Regel hausgemacht. Zu den häufigsten zählen (1) die überfüllte Projektpipeline, (2) serielles statt paralleles Arbeiten im Entwicklungsprozess, (3) die Nutzung ungenügend reifer Technologien sowie (4) hohe Warte- und Liegezeiten (insbesondere in der F&E-Abteilung) und (5) unzureichendes Anforderungsmanagement. Die notwendige Entwicklung der Unternehmen weg vom reinen Produkt- hin zum Lösungsanbieter bringt nun noch zusätzliche Herausforderungen mit sich, die sich negativ auf die Time-to-market auswirken (Systeme = Hardware, Software, Services …).
Problematik der Verzettelung
Ein weit verbreitetes Symptom in vielen Unternehmen ist eine überfüllte Projektpipeline. In der Regel werden nur selten Projekte gestoppt oder auf den Start neuer Projekte verzichtet, denn zuweilen ergibt jedes Projekt einzeln betrachtet Sinn. Es wird allerdings zu wenig Augenmerk auf das Gesamtportfolio gelegt und somit besteht eine grosse Gefahr, sich zu verzetteln, mit nicht zu unterschätzenden Konsequenzen. Denn die unzureichende Transparenz im Projektportfolio führt zum einen zu lokalen Optimierungen aus einer Einzelproduktperspektive ohne Nutzung von Synergieeffekten, und zum anderen zu erhöhtem Aufwand in der Koordination und Synchronisation des Produkt- und Lösungsportfolios. Die Folgen sind entweder suboptimale, unzureichend abgestimmte Gesamtlösungen oder aufwendige Iterationen und Projektverzögerungen aufgrund von Anforderungsänderungen im laufenden Projekt. Beides schlägt sich negativ auf die Time-to-market nieder.
Auf operativer Ebene lässt sich dies durch aktives Portfoliomanagement verhindern, was das Beispiel von Hilti schön veranschaulicht. Zum Hintergrund: Traditionell entwickelte Hilti den elektrischen Antrieb in den «Time-to-money»-Projekten der entsprechenden Werkzeuge. Um die Time-to-market zu reduzieren, wurde 2015 die Entwicklung von Plattformantrieben eingeführt. Der Plattformprozess enthält ähnliche Phasen wie der «Time-to-money»-Prozess, bezieht sich aber auf die Plattformkomponente.
Der Plattformprozess gliedert sich in drei Phasen. Die erste Phase befasst sich mit Anforderungsmanagement: Die Anforderungen der möglichen Zielprodukte werden gesammelt und analysiert. Darauf aufbauend werden Produktcluster mit einer ausreichenden gemeinsamen Basis abgeleitet, wobei sichergestellt wird, dass die Kompromisse für einzelne Produkte noch akzeptabel sind. In der Konzept- und Entwurfsphase werden die konzeptionellen Eigenschaften definiert und wichtige Konstruktionsparameter festgelegt. Hier ist eine intensive Abstimmung zwischen Plattformprojekt und Werkzeugprojekten erforderlich. Die letzte Phase bezeichnet die Integration und das Einfrieren der Plattform. Nach dem «Einfrieren» von Plattformkomponenten sind Änderungen nicht generell verboten, aber die Hürden werden erhöht. Von diesem Zeitpunkt an sollten Änderungen unter Berücksichtigung der Konsequenzen aus Projekt- und Portfolioperspektive gründlich durchdacht werden.

