Forschung & Entwicklung

Corporate Social Responsibility (CSR)

Die gesellschaftliche Verantwortung in Ostschweizer KMU

Corporate Social Responsibility (CSR) wird für KMU vermehrt zur Pflichtaufgabe angesichts der zunehmenden Bedeutung verantwortungsvoller Unternehmensführung. Der Beitrag fasst die zentralen Ergebnisse einer Untersuchung zur Relevanz und zum Reifegrad von CSR in Ostschweizer KMU zusammen.
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Gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco, ohne Datum) steht Corporate Social Responsibility (CSR) für die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen in Bezug auf die Auswirkungen ihrer unternehmerischen Tätigkeit auf Gesellschaft und Umwelt. 

Nebst Grossunternehmen sind auch KMU aufgrund der ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ­gefordert, sich eingehend mit der Thematik zu befassen. Sie stehen mit ihren beschränkten Ressourcen vor der Frage, wie eine ganzheitliche und pragmatische Herangehensweise gelingen kann. 

Anhand einer quantitativen Onlinebe­fragung sowie Experteninterviews eva­luierte ein Studierender der OST – Ostschweizer Fachhochschule im Auftrag des IOL Institut für Organisation und Leadership aktuelle Herausforderungen und Entwicklungspotenziale bei Ostschweizer KMU. Etwas mehr als 100 CEOs, Verwaltungsräte und Kaderpersonen be­teiligten sich im Frühling 2022 an der ­Erhebung. Nachfolgend werden einige zentrale Erkenntnisse und Implikationen beschrieben.


Relevanz ist erkannt

Die Resultate zeigen, dass sich Ost­schweizer KMU der Relevanz von CSR ­bewusst sind. 78 Prozent der Befragten gaben an, dass CSR für ihr KMU eher ­relevant oder sehr relevant ist. Bei der Frage, weshalb CSR zu betreiben ist, werden die Übernahme sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung, ökologische Nachhaltigkeit sowie ethische Motive in den Vordergrund gestellt.

In Bezug auf die Auseinandersetzung mit der Thematik gaben 86 Prozent ihre Bereitschaft an, sich mit CSR zu beschäftigen. Hierbei sollte die Geschäftsleitung als Initiator agieren und dem Thema die notwendige Bedeutung zuschreiben, um eine nachhaltige Wirkung herbei­zuführen. Obwohl CSR bei der Mehrheit der Ostschweizer KMU eine hohe Bedeutung findet, hatte zum Befragungszeitpunkt weniger als jedes zehnte Unternehmen eine CSR-Strategie ausformuliert. 

Unterschiedliche Reifegrade 

Um den CSR-Reifegrad von Ostschweizer KMU festzustellen, sollten sich diese einer Stufe des Reifegradmodells nach Schneider und Schmidpeter einordnen. Dieses Modell beschreibt vier Stufen von CSR und ermöglicht, die Reife von Un­ternehmen bezüglich CSR festzustellen. Ergänzend zum Modell wurde die Antwortmöglichkeit «keine CSR-Aktivitäten» hinzugefügt.

Die Resultate in Abbildung 1 zeigen, dass 7,3 Prozent keinerlei CSR-Akti­vitäten aufweisen. 6,4 Prozent der Be­fragten ­ordnen sich der Stufe CSR 0.0 zu. CSR 0.0 ist streng genommen ebenfalls keine CSR, da diese weder systematisch erfolgt noch bewusst gemanagt etc. wird. (Schneider und Schmidpeter, 2015, Seite 32). 

Mehr als die Hälfte der Befragten (53,6 %) hat bereits CSR-Bausteine in ihren Unternehmen integriert, jedoch ohne eine Verbindung zum Kerngeschäft (CSR 1.0). Derartige CSR-Projekte (sogenannte projektorientierte CSR) sind oft Marketing-/PR-getrieben und auf die Legitimierung des unternehmerischen Handelns gerichtet. (Schneider und Schmidpeter, 2015, Seite 34)

Bei 30 Prozent der befragten KMU ist ein integriertes CSR-Management vorhanden (CSR 2.0). CSR 2.0 spielt sich im Kerngeschäft, systematisch, als integriertes zukunftsgerichtetes, strategisches Managementkonzept mit Führungs- und Gestaltungsauftrag der obersten Leitung ab. (Schneider und Schmidpeter, 2015, Seite 35)

2,7 Prozent ordnen sich auf der obersten Stufe als proaktive Gestalter ein. CSR 3.0 versteht sich auf Basis von CSR 2.0 als ­antizipative wirtschafts-, gesellschafts- und umweltpolitische Gestaltung gesellschaftlicher Herausforderungen im Rahmen der Einflussmöglichkeiten, mit dem Anspruch einer nachhaltigen Veränderung der Rahmenbedingungen. (Schneider und Schmidpeter, 2015, Seite 37)

Hürden und Impulsgeber

In Hinblick auf die grössten Hindernisse für eine CSR-Implementierung stehen die fehlenden personellen Ressourcen, mangelnde Kenntnisse sowie die finan­ziellen Mittel im Vordergrund. Bei etwas mehr als 80 Prozent der befragten KMU steht kein CSR-Budget zur Verfügung. Die schwierige Wirksamkeitsmessung, mangelnde Relevanz sowie rechtliche und ­bürokratische Hürden stellen ebenfalls Erschwernisse dar. 

Eine weitere Herausforderung sind komplexe Unternehmensstrukturen, beispiels­weise in Hinblick auf die organisatorische Verankerung von CSR-Themen und -Stellen.

Im Rahmen der Erhebung wurden auch Kooperationsmöglichkeiten mit Hochschulen thematisiert. Auf KMU zugeschnittene Beratungsdienstleistungen, Workshops, Weiterbildungen und Se­mi­nare stellen dabei die präferierten Dienstleistungen dar. Zusätzlich ergab sich aus den Experteninterviews der Wunsch nach Vernetzungsveranstaltungen oder Informationsworkshops, in denen verschiedene KMU teilnehmen können, um den interaktiven Austausch zu fördern. 

Hierzu wurde im Jahr 2023 an der OST erstmals eine Erfahrungsaustauschgrup­pe für KMU zum Thema Unternehmerische Nachhaltigkeit gegründet, welche sich unter fachlicher Moderation ­regelmässig mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigen möchte. Viele der Befragten befürworten zudem, CSR-Aspekte im Hochschullehrplan zu integrieren, im Sinne einer Er­weiterung des klassischen Wirtschaftsverständnisses von zukünftigen Fach- und Führungskräften. 


Organisatorische Verankerung 

Die Studienergebnisse sowie aktuelle gesellschaftliche, ökologische und politische Entwicklungen zeigen auf, dass die Auseinandersetzung mit CSR und Nachhaltigkeitsthemen auch für KMU zu­nehmend zur Pflichtaufgabe wird und diese aufgrund der beschränkten Ressourcen vor Herausforderungen stellt. 70 Prozent der Befragten haben bis anhin keine CSR-verantwortliche Person definiert. Dies bedingt eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Frage, wie das Thema CSR und Nachhaltigkeit in KMU organisatorisch optimal verankert werden kann. 

In einigen Konzernen bildet CSR bereits eine eigene Abteilung. Im KMU-Um­feld wird häufig auf den Einsatz eines Nachhaltigkeitsbeauftragten gesetzt. Die Praxis zeigt, dass Nachhaltigkeit nicht isoliert als Instrument für einzelne Funktionsbereiche betrachtet werden kann, sondern bereichsübergreifend angewendet werden muss. 

Nachhaltigkeitsbeauftragte sind für die sozialen und ökologischen Belange eines Unternehmens verantwortlich. Ob im Dienstleistungsbereich oder in der produzierenden Industrie: Nachhaltigkeitsbeauftragte sorgen dafür, dass gesellschaftliche Belange unternehmensweit – wirtschaftlich – umgesetzt und gegenüber den Anspruchsgruppen wirksam kom­muniziert werden (s. Abbildung 2).

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten können Nachhaltigkeitsbeauftragte auch zur Wettbewerbsfähigkeit beitragen, indem sie zum Beispiel ein besseres Risikomanagement ermöglichen, zu einer höheren Mitar­beitendenmotivation beitragen oder eine stärkere Kundenorientierung ermöglichen. Damit dies gelingt, sind die Ein­bindung wichtiger Stakeholder und die Abstimmung mit dem Management entscheidende Voraussetzungen, um nachhaltige Prozesse in einem Unternehmen zu implementieren und interne Strukturen gezielt zu verändern. 

In diesem Zusammenhang sollten Nachhaltigkeitsbeauftragte in den Unternehmen vernetzte Persönlichkeiten sein, die Akzeptanz in allen Funktionsbereichen finden. Als Einzelkämpfer haben es ­Nachhaltigkeitsbeauftragte schwer, andere von ihren Anliegen und Botschaften zu überzeugen. Ein persönlicher Härtetest, der vor allem Fähigkeiten im Change Management erfordert. Entsprechend hoch sollte auch die Frustrationstoleranz dieser Veränderungstreiber sein. 

Abb. 2: Nachhaltigkeitsbeauftragte im Profil

Kernaufgaben

  • Entwicklung von ­Nachhaltigkeitsstrategien
  • Beratung der Fachabteilungen und der Unternehmensleitung
  • Entwicklung und Einführung von Nachhaltigkeitsstandards
  • Erfassung und Analyse von sozialen und ökologischen Risiken
  • Mitgestaltung bei der Öffentlich­keitsarbeit und dem Marketing

Hard Skills

  • Branchenspezifisches Fachwissen
  • Verständnis von Wertschöpfungs­ketten
  • Analytische und strategische ­Kompetenzen

Soft Skills

  • Führungsqualitäten
  • Offenheit für unterschiedliche ­Perspektiven
  • Kommunikationsfähigkeiten

Fazit

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Thematik Corporate Social Responsibility  bei Ostschweizer KMU angekommen ist, es jedoch häufig an ­Ressourcen oder inhaltlichen Anknüpfungspunkten fehlt. Zur Bearbeitung der vielfältigen Themen gibt es nicht ein standardisiertes Vorgehen. Als Startpunkt bietet es sich beispielsweise an, sich auf bereits vorhandene Stärken zu konzentrieren und erste CSR-Aktivitäten schrittweise in diesen Bereichen strategisch zu initiieren. 

Entscheidungsträger können etwa ihre Lieferanten zur Einhaltung von Sozialstandards qualifizieren, Untersuchungen zur Lohngerechtigkeit anstellen oder eine umweltfreundliche Reiserichtlinie für die Mitarbeitenden auf den Weg bringen. Idealerweise werden CSR-Ini­tiativen von Beginn an unter Einbezug der relevanten Stakeholder entwickelt, mit dem Kern­geschäft verknüpft und ­regelmässig bezüglich der Implikationen auf das eigene Geschäftsmodell überprüft.

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