Forschung & Entwicklung

Sharing Economy (Teil 1 von 3)

Nachhaltige Unternehmensführung durch B2B-Sharing

Während sich Sharing-Projekte in den Consumerbereichen zunehmend etablieren, steckt das B2B-Sharing noch in den Kinderschuhen. Ein angewandtes Forschungsprojekt weist auf, welche Chancen das B2B-Sharing speziell für KMU bringt und welche Barrieren dabei zu überwinden sind.
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Geteilt wird seit Menschengedenken, lang bevor es unter dem Begriff der «Sharing Economy» zu neuen Geschäftsmodellen führte, welche im letzten Jahrzehnt global ein ausserordentlich hohes Wachstum ­verzeichnet haben und sich auch in der Schweiz nachfrage- und angebotsseitig fest etablierten. Während die grosse Mehrheit mit Consumer-to-Consumer-(C2C-) oder Business-to-Consumer-(B2C-) Kundenmodellen arbeitet, gibt es im Business-to-Business-(B2B-)Sektor kaum Erfolgsbeispiele. Dies, obwohl Sharing-Projekte zwischen Unternehmen und besonders KMU sehr vielversprechend sein dürften, denn Unternehmen können die verschiedensten Arten von Ressourcen – zum Beispiel Mitarbeitende, Transportfahrzeuge, Lagerplatz, Maschinen, Werkzeuge oder Produktionsanlagen – teilen. 

Welche Chancen das B2B-Sharing speziell für KMU bringt und welche Barrieren zu überwinden sind, haben die Hochschule Luzern und die Fachhochschule Nordwestschweiz mit den Sharing-interessierten KMU-Partnern Companymarket AG, Contrel AG, Estech Industries AG, Kebo AG, KMU Digitalisierung, Peka-Metall AG, Rero AG, Shiptec AG, Tschudin & Heid AG, WIR Bank sowie der Virtuellen Fabrik Nordwestschweiz in einem von der Schweizerischen Agentur für Inno­vationsförderung Innosuisse geförderten Forschungsprojekt untersucht (vgl. Box «Das Forschungsprojekt»). Die Erkenntnisse der zweijährigen Zusammenarbeit, in der die KMU-Partner aktiv Ressourcen geteilt haben, sind in dieser und den nächsten zwei Ausgaben des KMU-Ma­gazins dokumentiert.

Das B2B-Sharing

In der Sharing Economy wird das Teilen meist als «Zurverfügungstellung von ­Ressourcen und das Teilen dieser Ressourcen via Online-Plattformen» verstanden (Weiber & Lichter 2019, S. 10). Dass im KMU-Sektor nicht für jede Form des Ressourcen-Sharing Online-Plattformen notwendig sind und dass Teilen sich nicht immer von Aufträgen für Drittfirmen abgrenzen lässt, war die erste Erkenntnis des Forschungsprojektes.

Somit wurde zunächst ein eigenes Begriffsverständnis erarbeitet. Demgemäss umfasst B2B-Sharing «den Austausch von betrieblichen Ressourcen zwischen Sharing-Teilnehmenden zur Schaffung eines gegenseitigen oder multilateralen Nutzens». Mithilfe der praktischen Sharing-Beispiele aus dem Projektumfeld konnten zudem sechs weitere Merkmale identifiziert werden, die für das gemeinsame Verständnis wichtig waren (vgl. Abbildung 1).  

Ressourcen-Sharing 

Die Zusammenarbeit mit den KMU-Projektpartnern zeigte schnell, dass viele KMU Sharing praktizieren, ohne es als solches zu bezeichnen. So erwähnte bei einem Firmenbesuch der Produktionsleiter beinahe beiläufig, dass sie sich unter den benachbarten Firmen im Industriegebiet viele Ressourcen der Infrastruktur gegenseitig ausleihen (vom Schneeräumer zum Kleintransporter), bezeichnete dies aber als selbstverständliche «Nachbarschaftshilfe» und nicht als Sharing. Das Beispiel deutet darauf hin, dass B2B-Sharing viel verbreiteter sein könnte als gemeinhin angenommen. 

Zudem kann zwischen zwei verschiedenen Ausprägungen unterschieden werden: dem spontanen, operativen Ressourcen-Sharing einerseits und dem strate­gischen andererseits (vgl. Abb. 2). Beiden gemein sind die damit verbundenen Nutzen. Dass sowohl ökonomische, ökologische als auch soziale Sharing-Nutzen realisiert werden, zeigt die enge Verbindung des Ressourcen-Sharings zur nachhaltigen Unternehmensführung von KMU.

Spontanes, operatives ­Ressourcen-Sharing

Spontanes oder operatives Ressourcen-Sharing ist wenig formalisiert. Vereinbarungen können mündlich getroffen werden, Abrechnungen erfolgen per Strichliste, als Tauschhandel oder werden unter «sozialem Kapital», also dem Aufbau ­gegenseitigen Vertrauens und der Netzwerkpflege verbucht. So kommentierte ein Geschäftsleiter die Anbahnung einer Sharing-Transaktion, bei der er einen Gabelstapler ausleihen würde, mit den Worten: «Ich sage dann: ‹Hol den Stapler für zwei Wochen, und bringst ihn halt wieder, und machst ihn nicht kaputt.› Und dann hat sich dies wahrscheinlich erledigt.» 

Unter das operative Sharing fallen weder Investitions-intensive noch strategische Ressourcen, die einen hohen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit haben. Dass dennoch vielfach die Geschäftsleitung ­involviert ist, erklärt sich aus dem geringen Zeitbudget. Bei zwei Partnerfirmen wurde beispielsweise zwischen den befreundeten Firmeninhabern innerhalb ­eines Monats ein Ressourcen-Sharing in der Distributionslogistik vereinbart und umgesetzt.

Neben sozialen Motiven können Krisen Anstoss für operatives Ressourcen-Sharing sein. Sowohl die Finanz- als auch die Coronakrise haben die KMU-Partner teilweise so stark getroffen, dass sie im Rückblick das Mitarbeiter-Sharing als wich­tigen Teil ihrer Sozialpläne betrachten. Konfrontiert mit dem grossen Handlungsdruck griff ein KMU spontan zum Telefon, um bei Unternehmen in der Region nachzufragen, ob sie kurzfristig Bedarf an Fachkräften aus der Fertigung haben. 

Da für die Ressourcen-verleihende Firma die Bedingungen für die Beantragung von Kurzarbeit nicht erfüllt waren be­ziehungsweise dies nicht als gewünschte Option erachtet wurde, erwies sich der spontane Verleih von Mitarbeitenden als nutzenstiftende Lösung. 

Aus Sicht der «leihenden» Firma entstanden die Vorteile durch temporäre Mitarbeitende, die im Vergleich zu professionellen Anbietern günstiger und besser qualifiziert waren. Somit blieb das Sharing auch nach der Krise als gute Alternative be­stehen, auch wenn die unkonventionelle ­Anbahnung zunächst Skepsis bei dem ­angefragten Unternehmen und den in­volvierten Mitarbeitenden ausgelöst hat.

Strategisches Ressourcen-Sharing

Mit dem Wunsch zum Ausbau und zur Professionalisierung geht der Übergang zum strategischen Ressourcen-Sharing einher. Die Motivation für eine solche Entwicklung ist unterschiedlich. Zunächst kann der Wunsch bestehen, das bestehende Sharing als vormals niederschwelligen Bereich auszubauen, sodass es einen erkennbaren Wertschöpfungsanteil am Geschäftsmodell ausmacht. Ein Sharing in der Distributionslogistik mit einem Partner, welches wenig formalisiert gut zwei bis fünf Fahrten pro Monat ausmacht, muss stärker geplant und kontrolliert werden, wenn es mehr Partner und ein Vielfaches des Volumens umfasst. 

Der entsprechende Perspektivwechsel vom operativen zum strategischen Sharing setzt auch die Bereitschaft voraus, Investitionen zu tätigen. So kann es notwendig sein, im eigenen Betrieb auf Mitarbeitende für eine oder mehrere Wochen zu verzichten, damit diese die Programmierung auf einer Maschine eines Sharing-Partners erlernen. Die Erfahrungen aus dem Projekt zeigen, dass flankierend ein Kulturwechsel notwendig wird, damit die Aufwände nicht in Konkurrenz zum Kerngeschäft gesehen werden, sondern Kerngeschäft-unterstützend. 

Die besondere Rolle der Führung bei dem neuen «Mindset» unterstreicht die folgende Aussage eines KMU-Inhabers: «Man merkt am Anfang so eine gewisse Zurückhaltung. Das Gefühl, na ja, das gibt Arbeit. Wir müssen was tun und wir ­haben keinen (Kunden-)Auftrag dahinter, verdienen nichts. Ich glaube, da ist dann die Führung gefordert, um Leute zu ­motivieren und zu überzeugen, dass das vielleicht was kostet …»

Erkennbare Motivation zum strategischen Sharing ist zudem der Wunsch nach effizienteren Abwicklungsformen, das heisst, einer Standardisierung und vermehrten Einbettung des Sharings in die Organisation. Bei der Beteiligung von mehr Personen in definierten Rollen und Prozessen sind zwei Herausforderungen erkennbar: Zum einen folgen die Sharing-Prozesse nicht der herkömmlichen Auftragslogik, sondern müssen parallel aufgegleist und organisiert werden. Eine Speditionsanfrage eines Sharing-Partners beispielsweise betrifft jene Personen, die sonst primär für den Versand von Kundenbestellungen und nicht die Sharing-Kooperation in der Distributions­logistik zuständig sind. Ein KMU-Geschäftsleiter leitet ab, dass «der Aufwand und die ­Unruhe durch Sharing im Betrieb möglichst klein bleiben müssen». 

Zum anderen ist die Bandbreite möglicher Sharing-Projekte so gross, dass Sharing sich nicht einer Abteilung zuordnen lässt. Unabhängig davon, ob zum Beispiel Messgeräte jährlich, Social-Media-Know-how einmalig projektorientiert oder dauerhaft Sitzungszimmer geteilt werden, sollten die Mitarbeitenden der betroffenen Abteilungen die für eine effiziente Abwicklung notwendigen Informationen und Kompetenzen haben. Das setzt einen Sharing-Prozess voraus, der flexibel angepasst werden kann oder, wie von einem Partner treffend formuliert, «gewisse ­Variantenausprägungen hat, der aber dazu dient, zu sagen, dass wir das immer so machen, wenn wir sharen».

Ein Entwicklungspfad vom operativen zum strategischen B2B-Sharing ist nicht notwendigerweise vorgezeichnet, sondern eine strategische Wahl. Bei beiden Formen können Nutzen aus allen drei ­Dimensionen einer nachhaltigen KMU-Führung realisiert werden.

Nutzenpotenziale

Ökonomischer Nutzen

Bei den ökonomischen Potenzialen deutet sich an, dass für KMU die Kosten­senkung Priorität hat vor zusätzlichen Einnahmen. Dass dadurch auch niedrige finanzielle Entschädigungen für das ­Ausleihen der betrieblichen Ressourcen verlangt werden, könnte ein Wachstums­treiber für dessen rasche Verbreitung im B2B-Kontext sein; zumindest, wenn die Transaktionskosten für die Abwicklung gering sind. 

Interessant ist zudem, dass Sharing als finanziell attraktive, dritte Alternative zu klassischen Make-or-Buy-Entscheidungen gesehen wird. So kam es bei ­einem KMU aus dem Projekt zu einer Vereinbarung, eine neue Maschine bei einem Sharing-Partner mit verfügbarem Platz aufzustellen. 

Der Vorteil ist, dass die Maschine zwar angeschafft, aber nicht inhouse gebracht wurde und man damit weniger dem Druck unterliegt, die sehr knappe Fläche finanziell auszu­lasten. Gleich­zeitig bringt die Sharing-Lösung auch eine höhere ­Flexibilität als klassischen Vorteil der ­vertikalen Integration. 

Sozialer Nutzen

Besonders das Mitarbeiter-Sharing deutet auf das hohe soziale Potenzial des B2B-Sharings, welches die «Corporate ­Social Responsibility» unterstützt. Das Prinzip «Sharing statt Kündigung» könnte besonders in einem zunehmend unsicheren Geschäftsumfeld einen hohen Beitrag zur Kultur der Langfristigkeit haben, die nicht zuletzt in den zahlreichen KMU-­Familienunternehmen gepflegt wird. 

Ein zweiter sozialer Nutzenaspekt ist die Netzwerkpflege. Ein Projektpartner bezeichnet dies als Potenzialdenken, welches in seinem Unternehmen gepflegt wird, da man nie wisse, «welche Möglichkeiten sich aus einer Sharing-Partnerschaft ergeben».

Ökologischer Nutzen

In der Logistikbranche sowie in grösseren Produktionsfirmen mit hohem Energiebedarf werden die ökologischen Nutzenpotenziale des Sharings von betrieblichen Ressourcen mit hohem CO2-Fussabdruck bereits seit einiger Zeit ausgewiesen (Ocicka & Wieteska 2017). Dass die Ökologie im Projekt einen scheinbar nachgeordneten Stellenwert hat, kann daher nicht als Regelfall angenommen werden. Dennoch sind ökologische Nutzenpotenziale vorrangig in spezifischen, Transport-intensiven Branchen oder in grösseren KMU zu erwarten.

Ausblick

Auf der Grundlage der Erkenntnisse zum B2B-Sharing-Verständnis, den beiden Ausprägungsformen und den angestrebten Nutzen wurde im Projekt eine prozessorientierte Toolbox mit vier praktischen Instrumenten entwickelt. Diese wird in den beiden nächsten Ausgaben des KMU-Magazins vorgestellt.

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