Der «positiven Psychologie» folgend, die ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die ressourcenorientierten Aspekte des «gelingenden» Menschen richtet (z.B. Frederickson, 2009; Seligman, 2012), sind wir in einer Forschungsarbeit der Frage nach «gelingender» Führung nachgegangen. Dabei war unser Blick auf positive «Abweichler» (positive deviants) gerichtet, also auf Führungspersonen, die Dinge anders machen und damit erfolgreich sind. Erfolg bedeutet in wirtschaftlichen Zusammenhängen dabei immer, eine ausreichende finanzielle Situation zu erzeugen, die dazu führt, dass andere die Führung ohne allzu grosse Interventionen weitermachen lassen.
Ein solcher «positiver Abweichler» begegnete den Autoren zunächst eher zufällig im Rahmen einer Vorlesung am Departement Angewandte Psychologie zu den Themen Führung und Kultur mit Roger Herzig, Geschäftsführer der RWD Schlatter AG. Die Firma fabriziert mit etwa 170 Mitarbeitenden Türen an den Standorten Roggwil und den Niederlassungen Dietikon, Vevey und Lamone. Es hat sich früh und schon in den ersten Kontakten mit der Unternehmung die Beobachtung verdichtet, dass Führung in einer Weise praktiziert wird, die auf vieles verzichtet, was üblicherweise in Organisationen inszeniert wird und dafür anderes in besonderer Weise tut. Wir wollten besser verstehen, was dieses «Andere» ist und wie es mit dem Verständnis und der Praxis von Führung zusammenhängt.
Die Forschungsfrage war offen formuliert: Wie funktioniert das Führungssystem RWD Schlatter AG? Lässt sich mit- hilfe von qualitativen sozialwissenschaftlichen Methoden ein «Modell» bilden, das das System ausreichend beschreibt? Und da wir unsere Forschung nicht nur angewandt, sondern auch praxisorientiert halten wollen, stellte sich für uns die zusätzliche Frage der Lernbarkeit eines solchen Führungssystems (auf individueller wie kollektiver Ebene).