«Wer hat’s erfunden? Die Schweiz natürlich!» So betitelte die Handelszeitung (Handelszeitung online, 5. April 2022) das Resultat des vom Europäischen Patentamt (EPA) in München publizierten Patent Index 2021. Mit 969 Anmeldungen pro eine Million Einwohner ist die Schweiz weltweit das Land mit dem höchsten Durchschnittswert bei der Anzahl von Patentmeldungen – und das mit deutlichem Vorsprung vor Schweden und Dänemark. Fazit des Artikels: «Damit sind wir nachweislich das innovationsstärkste Land der Welt!»
Umsetzungsprobleme
Andere aktuelle Statistiken zeichnen allerdings ein anderes Bild (zum Beispiel: Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, 2021: «Forschung & Innovation in der Schweiz 2020»):
- Der Umsatz mit echten Marktneuheiten in Bezug auf den Gesamtumsatz sinkt bei KMU und Grossunternehmen aller Industrieklassen – mit Ausnahme der Pharma-Industrie.
- Schweizer Industrie-KMU haben vermehrt Mühe, die hohen Kosten für F & E zu tragen.
- Der Anteil der F & E treibenden Unternehmen hat sich in der Schweiz in den letzten 20 Jahren nahezu halbiert.
Fazit: Wir sind Weltmeister im Erfinden und gut bei der inkrementellen Weiterentwicklung existierender Produkte. Aber bei der Umsetzung von wirklichen Innovationen hapert es. Was sind die Gründe dafür?
Marktseitige Ursachen
Werfen wir als Erstes einen Blick auf die marktseitigen Fallstricke: Märkte für radikale Ideen und disruptive Technologien funktionieren grundlegend anders als Märkte für Standardprodukte. G. Moore hat in seinem Werk «Crossing the chasm» (1991) untersucht, warum viele Innovationen und scheinbar revolutionäre, neue Produkte nach kurzer Zeit sang- und klanglos wieder vom Markt verschwunden sind.
Er unterscheidet bei echten Innovationen fünf verschiedene Kundentypen mit jeweils grundlegend anderen Bedürfnissen und Zielen an die Neuheit. Von 100 Prozent potenzieller Kunden sind statistisch gesehen 2,5 Prozent Innovatoren, das sind die Nerds, die neue Technologien als ihr Hobby ansehen und stolz sind, zu den Pionieren zu gehören. Knapp 14 Prozent sind «Early Adopters». Sie nutzen Technologien nicht aus reiner Neugier, sondern sind visionär und erkennen den möglichen strategischen Nutzen und die Chancen für sich oder ihr Unternehmen.
Zwischen den «Early Adopters» und der «Early Majority» besteht eine grosse Kluft, denn sie haben radikal unterschiedliche Kundenerwartungen. «Early Adopters» sind bereit, für den Vorteil, Erster zu sein, Opfer zu bringen, ein Premium zu bezahlen. Die frühe Mehrheit hingegen wartet, bis sie weiss, dass die Technologie tatsächlich Produktivitätsverbesserungen bietet. Zusätzlich verlangen sie starke und seriöse Referenzen, bevor sie einem Produkt Vertrauen schenken. Ist der Markt für Visionäre gesättigt und die frühe Mehrheit kauft (noch) nicht, scheitert die Innovation.
