Forschung & Entwicklung

Neue Märkte

In China fahren die Züge zu früh

Angetrieben durch massive Investitionsprogramme ist China auf dem Weg zum technologischen Innovator. Setzt China sein akademisches Wachstum fort, wird es im Jahr 2020 die USA eingeholt haben – sowohl bei der Anzahl des wissenschaftlichen Outputs als auch bei den Patenten.
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In den vergangenen Monaten ist aufgefallen, dass die neuen Hochgeschwindigkeitszüge in Shanghai immer eine Minute zu früh starten. Nicht nur der Zug, auch die Passagiere sind jeweils überpünktlich an Ort.

13 000 neue Bahnkilometer

Das ganze Land scheint an Chinas Entwicklungs-Aufholjagd teilzunehmen. 42 Hochgeschwindigkeitszug-Linien werden gebaut. 8000 Gleiskilometer für 350-km/h-Züge, 5000 Kilometer für die 250-km/h-Bahnen. Geplant war die Fertigstellung dieser Verbindungen in zehn Jahren. Durch die Finanzkrise wurde dieses Datum auf 2012 vorverlegt, um Arbeitsplätze zu schaffen. Allein auf der 1500 Kilometer langen Strecke zwischen den Metropolen Shanghai und Peking sind 100 000 Arbeiter beschäftigt. Die Bahnlinie wird die Reisezeit von zwölf auf fünf Stunden reduzieren, was den Zug durchaus mit dem Flugzeug konkurrenzfähig macht und der Umwelt zugute kommt. Zugleich will China bis 2020 dreimal so viele Atomkraftwerke bauen wie der Rest der Welt zusammen: Beinahe ein neues Kraftwerk pro Monat.

Umstellen auf Elektroantrieb

BYD, ein Unternehmen, das 1995 mit 20 Mitarbeitern Batterien produzierte, beschäftigt heute 130 000 Menschen und produziert Hybridautos mit exklusiver Batterietechnologie. Nachdem die Firma ein 250-Millionen-Dollar-Investment von Warren Buffet’s Hathaway Fund erhalten hat, wurde am 1. März ein Vertrag mit Daimler Benz unterschrieben, um kleine Elektroautos für den chinesischen Markt herzustellen. Der Geschäftsführer von «Build Your Dreams», wie BYD mit vollem Namen heisst, will seinem Firmennamen gerecht werden und zum grössten Autoproduzenten der Welt aufsteigen. Der 47-Jährige könnte da-mit durchaus Erfolg haben, weil China stark auf den Umstieg auf Elektroautos drängt. 13 Städte wurden ausgewählt, um den öffentlichen Verkehr inklusive Taxis auf Elektroantrieb umzustellen. In der Regierung wird zurzeit diskutiert, Anreize für private Käufer von umweltschonenden Autos zu schaffen.

Enorme Herausforderungen

Diese Beispiele veranschaulichen, wie umfassend China sich in den vergangenen 20 Jahren geändert hat: Wo einst die Plüschtiere und T-Shirts der Welt hergestellt wurden, wird jetzt Hightech entwickelt. Sicherlich, China hat
eine alte Tradition der Innovation (Kompass, Buchdruck, Schiesspulver) und war das Innovationszentrum der Welt, bis Europa in der Renaissance das Ruder übernahm. Dennoch, die Entwicklung, die wir heute sehen, kam nicht ohne grösste Anstrengungen zustande. Angeführt von Ingenieuren – sieben von neun Top-Entscheidungsträgern in der Parteispitze sind Ingenieure – hat Chinas Regierung die Entwicklung von neuen Technologien zum Ziel deklariert. 2000 Beamte arbeiteten an der Planung. Dahinter stecken zahlreiche Überlegungen: Zusätzlich zum wirtschaftlichen Interesse, über Technologien zu verfügen, kam man zur Überzeugung, dass China eigene, chinesische Lösungen braucht, um die Entwicklungshürden zu meistern. Tatsächlich sieht sich kein anderes Land mit ähnlich grossen Herausforderungen konfrontiert wie China. Zum Beispiel wenn es darum geht, die Hoffnungen von einer Milliarde Menschen, die sich in naher Zukunft westliche Lebensstandards wünschen, zu erfüllen.

Immer besser

Auch chinesische Studenten werden immer besser und gewinnen internationale Wettbewerbe. Vergangenen Februar hat die Shanghai Jiaotong Universität die renommierte Stanford Universität geschlagen und wurde Weltmeister im Programmieren – bei 2000 teilnehmenden Universitäten. Hinter den USA, Japan, Deutschland und Korea ist China die Nummer fünf bei den internationalen Patent­anmeldungen. Huawei, ein chinesisches Telekommunikationsunternehmen, hat im Jahr 2008 am meisten Patente angemeldet und war im Jahr darauf an zweiter Stelle hinter Panasonic. Während in den meisten Ländern 2009 weniger Patente angemeldet wurden, stiegen die Anmeldungen in China um 30 Prozent. Im Vergleich zur Anzahl in China meldet Indien weniger als ein Zehntel der Patente an. Setzt China dieses akademische Wachstum fort, wird das Land der Mitte die USA im Jahr 2020 eingeholt haben – sowohl bei der Anzahl des wissenschaftlichen Outputs als auch bei der Nummer an Patenten.

Offener als Japan

Aber was heisst das alles für westliche Unternehmen? Das am ehesten vergleichbare Beispiel eines grossen asiatischen Landes, das westliche Technologielevel erreicht hat, ist Japan. Japan produziert gute Maschinen, Uhren, Autos und wurde zur dominanten Kraft bei elektronischen Konsumgütern. In den 30 Jahren, die Japan für den Aufbau dieser Technologien benötigte, stiegen auch die Lebensqualität und die Produktionskosten auf ein westliches Level. Seit 20 Jahren begegnet Japans Wirtschaft den westlichen Ländern auf Augenhöhe.

Chinas Geschichte ist natürlich eine andere, und zwei Unterschiede müssen besonders erwähnt werden: Chinas Population ist zehnmal grösser als jene Japans. Das macht Chinas Entwicklung langsamer, aber auch länger anhaltend. 30 Jahre nach der Öffnung gibt es in China immer noch Hunderte Millionen unqualifizierter Arbeiter und Bauern, die zwischen 60 und 100 Euro im Monat verdienen. Rechnet man ein, dass die Produktivität durch bessere Organisation, Reduktion von Abfällen und Lokalisierung von Maschinen weiter steigen wird, dauert es immer noch 20 bis 30 Jahre, bis die chinesischen Produktionskosten signifikant schneller steigen als im Rest der Welt. Zudem ist Chinas Markt und Gesellschaft offener als in Japan, was für Ausländer einen leichteren Zugang zum Markt und eine schnellere Anpassung neuer Technologien ermöglicht. China wird ein schnellerer Innovator und besserer Partner sein. Umfrageergebnisse verdeutlichen diesen Punkt: Der mögliche Verlust von geistigem Eigentum ist für ausländische Firmen in China kein zentrales Bedenken. Hinzu kommt, dass bereits ein Drittel der europäischen Firmen in China über F&E-Einrichtungen verfügt, während ein weiteres Drittel solche Einrichtungen plant oder bereits baut.

Dem Markt anpassen

Während China demnächst seine eigenen, technologieintensiven Produkte für den Heimatmarkt entwickelt, realisieren mehr und mehr westliche Firmen, dass sie ihre Produkte auf lokale Bedürfnisse und Wünsche anpassen müssen. Aber nicht nur das: Die Produkte müssen auch zu wettbewerbsfähigen Preisen und mit dem entsprechenden Service angeboten werden. Deswegen werden Technologieprodukte künftig mehr und mehr auf lokale Bedürfnisse und Produktionsumstände angepasst werden, damit sie in China zu chinesischen Kosten produziert werden können.

Um auch künftig voll und ganz von Chinas Entwicklung zu profitieren, müssen westliche Unternehmen weiterhin forschen, neue Technologien entwickeln und die Produkte der Zukunft auf den Markt bringen. Vor allem müssen sie sicherstellen, dass sie diese Produkte auch in China verkaufen können.

China hat den Innovationswettlauf am 1. Januar 2006 gestartet. Westliche Firmen dürfen nicht wie das Kaninchen vor der Schlange erstarren, sondern müssen sich dem Wettkampf stellen und von Beginn an kooperieren: Denn im Jahr 2020 wird das Ergebnis des Rennens so gut wie feststehen!

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