Tatsächlich ist dies nur möglich, wenn die Wechselwirkung zwischen den Staaten sich in Richtung einer Weltinnenpolitik bewegt, eine Forderung, die auf Carl Friedrich von Weizsäcker zurückgeht. In diesem Rahmen können Forderungen eines Weltethos und des interkulturellen Humanismus lebenspraktisch realisiert werden. Ferner wird durch adäquate Regelsetzung auch bewirkt, dass es sich ökonomisch nicht lohnt, gegen vernünftige Regeln und gegen Interessen anderer systematisch zu operieren.
Drei Zukunftsperspektiven
Die Chancen zur Erreichung dieses Ziels vom Charakter einer Balance sind aber alles andere als gut. Wie im Folgenden beschrieben wird, ist das (nur) eine von drei prinzipiellen Zukunftsperspektiven für die Menschheit. Die anderen sind ein Kollaps oder eine Ressourcendiktatur/Brasilianisierung, wahrscheinlich verbunden mit Terror und Bürgerkrieg. Der vorliegende Text beschreibt die drei Optionen und entwickelt eine Doppelstrategie, wie man am besten mit dieser Situation umgeht. Mit einem Global Marshall Plan wird zugleich ein konkretes Programm vorgestellt, wie Balance – in einer weltweiten Perspektive – vielleicht noch rechtzeitig gesichert werden kann.
1. Weltweite Problemlagen
Die Welt befindet sich zum Anfang des neuen Jahrhunderts in einer extrem schwierigen Situation. Als Folge der ökonomischen Globalisierung befindet sich das weltökonomische System in einem Prozess zunehmender Entfesselung und Entgrenzung im Kontext des Megatrends «explosive Beschleunigung», und das unter teilweise inadäquaten weltweiten Rahmenbedingungen. Das korrespondiert mit dem eingetretenen Verlust des Primats der Politik, weil die politischen Kernstrukturen nach wie vor national oder, in einem gewissen Umfang, kontinental, aber nicht global sind. Die beschriebenen Entwicklungen beinhalten zwar gewisse Chancen für Entwicklung, laufen aber gleichzeitig wegen fehlender internationaler Standards und durchsetzbarer Regulierungsvereinbarungen und der daraus resultierenden Fehlorientierung des Weltmarktes dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung entgegen. Die Entwicklungen erfolgen teilweise zulasten des sozialen Ausgleichs, der Balance zwischen den Kulturen und der globalen ökologischen Stabilität. Wo liegen dabei die ganz grossen Herausforderungen?
Umwelt- und Ressourcenfrage
Aufgrund der gegebenen Hinweise erweist sich im Kontext der Globalisierung der Zugriff auf Ressourcen und die Erzeugung von Umweltbelastungen als ganz grosser Engpass. Ohne Ressourcen kein Reichtum! Und Kollaps bei übermässigem Zugriff. Wer kann, wer darf auf Ressourcen in welchem Umfang zugreifen? Das kann eine Frage von Krieg und Frieden werden. Das rasche Wachsen der Weltbevölkerung verschärft die Situation signifikant und in sehr kurzen Zeiträumen. Die Menschheit bewegt sich in Richtung zehn Milliarden Menschen. Hinzu kommt das Hineinwachsen von Hunderten Millionen weiterer Menschen in ressourcenintensive Lebensstile. Es könnte deshalb in den nächsten Jahrzehnten trotz massiver Steigerung der Nahrungsmittelproduktion eng werden hinsichtlich der Ernährung der Weltbevölkerung. Um 2015 ist der Höhepunkt der Ölproduktion zu erwarten. Hier drohen erhebliche Problemlagen und Konflikte. Im Bereich der CO2-Emissionen bewegen wir uns wahrscheinlich heute schon auf eine Klimakatastrophe zu. Mit Blick auf den Bestseller «Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen» von Jared Diamond, der aufzeigt, welche Konstellationen in einer historischen Perspektive zum Zusammenbruch ganzer Gesellschaften geführt haben, deuten sich erhebliche Verwerfungen an. Der Ressourcendruck verschärft sich von mehreren Seiten und die (welt-)politische Situation ist nicht günstig, um mit diesem Thema adäquat umzugehen. Hinzu kommt, dass grosse Teile der Eliten weltweit eine Bewältigung dieser Herausforderungen bisher nicht als ihre zentrale Aufgabe ansehen. Insofern sind neue, nämlich globale, wie einem universellen Nachhaltigkeitsprinzip verpflichtete Bildungsprozesse weltweit zu initiieren, die globalen Entscheidern über nationale wie interkulturelle und interreligiöse Notwendigkeiten/Motivationen vermitteln. Nationaler bzw. regionaler Gruppenegoismus wird zu Loose-Loose-Situationen führen: Global Leadership ist gefordert.