Forschung & Entwicklung

Weltinnenpolitik

Führungsverantwortung im 21. Jahrhundert: Die ökosoziale Perspektive

Die Welt sieht sich spätestens seit der Weltkonferenz von Rio 1992 vor der Herausforderung, eine nachhaltige Entwicklung bewusst zu gestalten. Das bedeutet insbesondere eine grosse Designaufgabe bezüglich der Wirtschaft, nämlich die Gestaltung eines nachhaltigkeitskonformen Wachstums bei gleichzeitiger Herbeiführung eines (welt-)sozialen Ausgleichs und den Erhalt der ökologischen Systeme.

Tatsächlich ist dies nur möglich, wenn die Wechselwirkung zwischen den Staaten sich in Richtung einer Weltinnenpolitik bewegt, eine Forderung, die auf Carl Friedrich von Weizsäcker zurückgeht. In diesem Rahmen können Forderungen eines Weltethos und des interkulturellen Humanismus lebenspraktisch realisiert werden. Ferner wird durch adäquate Regelsetzung auch bewirkt, dass es sich ökonomisch nicht lohnt, gegen vernünftige Regeln und gegen Interessen anderer systematisch zu operieren.

Drei Zukunftsperspektiven

Die Chancen zur Erreichung dieses Ziels vom Charakter einer Balance sind aber alles andere als gut. Wie im Folgenden beschrieben wird, ist das (nur) eine von drei prinzipiellen Zukunftsperspektiven für die Menschheit. Die anderen sind ein Kollaps oder eine Ressourcendiktatur/Brasilianisierung, wahrscheinlich verbunden mit Terror und Bürgerkrieg. Der vorliegende Text beschreibt die drei Optionen und entwickelt eine Doppelstrategie, wie man am besten mit dieser Situation umgeht. Mit einem Global Marshall Plan wird zugleich ein konkretes Programm vorgestellt, wie Balance – in einer weltweiten Perspektive – vielleicht noch rechtzeitig gesichert werden kann.

1. Weltweite Problemlagen

Die Welt befindet sich zum Anfang des neuen Jahrhunderts in einer extrem schwierigen Situation. Als Folge der ökonomischen Globalisierung befindet sich das weltökonomische System in einem Prozess zunehmender Entfesselung und Entgrenzung im Kontext des Megatrends «explosive Beschleunigung», und das unter teilweise inadäquaten weltweiten Rahmenbedingungen. Das korrespondiert mit dem eingetretenen Verlust des Primats der Politik, weil die politischen Kernstrukturen nach wie vor national oder, in einem gewissen Umfang, kontinental, aber nicht global sind. Die beschriebenen Entwicklungen beinhalten zwar gewisse Chancen für Entwicklung, laufen aber gleichzeitig wegen fehlender internationaler Standards und durchsetzbarer Regulierungsvereinbarungen und der daraus resultierenden Fehlorientierung des Weltmarktes dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung entgegen. Die Entwicklungen erfolgen teilweise zulasten des sozialen Ausgleichs, der Balance zwischen den Kulturen und der globalen ökologischen Stabilität. Wo liegen dabei die ganz grossen Herausforderungen?

Umwelt- und Ressourcenfrage

Aufgrund der gegebenen Hinweise erweist sich im Kontext der Globalisierung der Zugriff auf Ressourcen und die Erzeugung von Umweltbelastungen als ganz grosser Engpass. Ohne Ressourcen kein Reichtum! Und Kollaps bei übermässigem Zugriff. Wer kann, wer darf auf Ressourcen in welchem Umfang zugreifen? Das kann eine Frage von Krieg und Frieden werden. Das rasche Wachsen der Weltbevölkerung verschärft die Situation signifikant und in sehr kurzen Zeiträumen. Die Menschheit bewegt sich in Richtung zehn Milliarden Menschen. Hinzu kommt das Hineinwachsen von Hunderten Millionen weiterer Menschen in ressourcenintensive Lebensstile. Es könnte deshalb in den nächsten Jahrzehnten trotz massiver Steigerung der Nahrungsmittelproduktion eng werden hinsichtlich der Ernährung der Weltbevölkerung. Um 2015 ist der Höhepunkt der Ölproduktion zu erwarten. Hier drohen erhebliche Problemlagen und Konflikte. Im Bereich der CO2-Emissionen bewegen wir uns wahrscheinlich heute schon auf eine Klimakatastrophe zu. Mit Blick auf den Bestseller «Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen» von Jared Diamond, der aufzeigt, welche Konstellationen in einer historischen Perspektive zum Zusammenbruch ganzer Gesellschaften geführt haben, deuten sich erhebliche Verwerfungen an. Der Ressourcendruck verschärft sich von mehreren Seiten und die (welt-)politische Situation ist nicht günstig, um mit diesem Thema adäquat umzugehen. Hinzu kommt, dass grosse Teile der Eliten weltweit eine Bewältigung dieser Herausforderungen bisher nicht als ihre zentrale Aufgabe ansehen. Insofern sind neue, nämlich globale, wie einem universellen Nachhaltigkeitsprinzip verpflichtete Bildungsprozesse weltweit zu initiieren, die globalen Entscheidern über nationale wie interkulturelle und interreligiöse Notwendigkeiten/Motivationen vermitteln. Nationaler bzw. regionaler Gruppenegoismus wird zu Loose-Loose-Situationen führen: Global Leadership ist gefordert.

6. Doppelstrategie

Die Situation für die Wirtschaft ist nicht einfach. Wirtschaft muss hier wie die staatliche Seite dagegenhalten und einen entfesselten weltökonomischen Prozess wieder unter Kontrolle zu bringen versuchen. Das geht sicher nur in einer europäischen bzw. globalen Perspektive. Aufgrund des Gesagten muss man sich dabei gleichzeitig auf drei Zukünfte einstellen, nämlich Kollaps, Ressourcendiktatur/Brasilianisierung oder das ökosoziale Modell, wobei nur das letzte Modell mit Nachhaltigkeit kompatibel ist. Alle Aktionen müssen unter Status-quo-Bedingungen erfolgen, unter denen teilweise im Markt das Falsche honoriert wird und auch eine Weltfinanzmarktkrise oder Weltwirtschaftskrise nicht auszuschliessen ist. Dies ist eine typische Situation eines Gefangenendilemmas (Prisoner´s Dilemma) im Sinn der mathematischen Spieltheorie.

Das Gesagte erfordert auch für die Wirtschaft einen doppelstrategischen Ansatz. So viel Sinnvolles und mit Nachhaltigkeit Vereinbares wie möglich tun, ohne das eigene wirtschaftliche Überleben zu gefährden, und gleichzeitig an Rahmenbedingungen arbeiten, die mit langfristiger Stabilität und Nachhaltigkeit kompatibel sind. Das erfordert insbesondere eine bessere Governance: weltweit, aber auch in jedem Staat und genauso auf Seiten der Unternehmen. Wichtig ist dabei, so weit wie möglich alle drei Zukünfte gleichzeitig im Blick haben und dabei politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte simultan zu bedenken. Das ist Risikobeherrschung in schwierigen Zeiten.

7. Global Marshall Plan

Wie können erste Schritte in Richtung auf eine faire globale Governance-Struktur aussehen, die allen Menschen volle Partizipation ermöglicht? Der frühere US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore äusserte sich anlässlich eines Vortrags an der Stanford University vor einigen Tausend Studenten der Wirtschaftswissenschaften wie folgt: «Wir brauchen heute einen Global Marshall Plan, um die Welt zu retten und Milliarden besitzlosen Menschen die Möglichkeit zu geben, wirklich an der Wirtschaft teilzuhaben. Bedenken Sie, dass das Richtige richtig bleibt, auch wenn niemand das Richtige tut. Und das Falsche falsch bleibt, auch wenn alle es tun.» Gleichzeitig ist auch eine Veränderung im Denken und in der Wahrnehmung erforderlich. Wir brauchen Entwicklung und Veränderungen in allen Ländern. Ein gemeinsamer Lernprozess, der in einen fairen globalen Vertrag münden sollte, ist der richtige Weg in die Zukunft, der eben auch eine neue – nämlich der globalen Verantwortung nachkommende – «Eliten»-Bildung auf den Weg bringen muss, und zwar in Nord und Süd gleichermassen.

Ein Global Marshall Plan/Planetarischer Vertrag (www.globalmarshallplan.org), also ein Konzept für eine Welt in Balance, ist eine Antwort auf diese Situation. Es gründet auf ethischen und moralischen Grundprinzipien, die

  • im interreligiösen Bereich zwischen den Weltreligionen in Form eines «Welt-ethos»,
  • im weltpolitischen Bereich durch das InterActionCouncil ehemaliger Staats- und Regierungschefs in Form einer Menschenpflichtenerklärung – Declaration of Human Responsibilities – (www.interactioncouncil.org) und
  • im zivilgesellschaftlichen Bereich in Form einer Erdcharta (http://www.earthcharter.org)

als Basis für das globale Zusammenleben formuliert werden. Das Konzept favorisiert universalisierbare Prinzipien der Gerechtigkeit und insbesondere die Goldene Regel der Reziprozität: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.» Oder positiv: «Was du willst, das man dir tut, das tue auch den anderen.» Dieses neue Bewusstsein sollte zuvorderst in der Bildung von gesellschaftlichen Eliten verankert werden.

Das Konzept für eine Welt in Balance übersetzt Ideen für eine Weltinnenpolitik in ein praktisches Vorgehen und besteht aus fünf fest miteinander verknüpften strategischen Eckpfeilern – der raschen Umsetzung der Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen, wozu im Zeitraum 2008 bis 2015 mit Bezug auf das Niveau der Entwicklungsförderung und Kaufkraft 2004 im Mittel 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr zusätzlich für Entwicklungsförderung aufgewendet werden müssen, finanziert unter anderem durch globale Abgaben. Über die Verwirklichung der Millenniumsentwicklungsziele hinaus geht es in Form der Co-Finanzierung von Entwicklung in Verbindung mit einem geeigneten weltweiten institutionellen Design um die Realisierung erster Schritte in Richtung auf eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft. Auf diesem Wege soll eine faire weltweite Partnerschaft verwirklicht werden. Integrativer Bestandteil des Konzepts sind die Förderung von Good Governance auf allen gesellschaftlichen Ebenen und koordinierte und kohärente Formen basisorientierter Umsetzung von Entwicklungszusammenarbeit. Führungsverantwortung im 21. Jahrhundert kann daher nicht mehr ohne die ökosoziale Dimension gedacht werden.