Forschung & Entwicklung

Blick aus der Wissenschaft

Flucht in die Innovation

Die Wirtschaftsnobelpreisträger von 2025 liefern die theoretische Begründung für ein Phänomen aus dem Geschäftsalltag kennen: die innovative Flucht nach vorn.
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Ein Vorgang, so sachlich wie das Vergaberecht selbst: Die SBB beschafft neue Züge und schreibt diesen Auftrag öffentlich aus. Angebote gehen ein, die Bundesbahnen treffen aufgrund eines Kriterienkatalogs einen Entscheid. Dass dabei ein renommiertes Schweizer Unternehmen einem ausländischen Angebot unterlegen war, löste heftige Diskussionen aus. Viele waren der Meinung, die staatsnahe SBB müsse doch die hiesige Industrie stützen.

Wer hat aus ökonomischer Sicht recht? Die klassische ökonomische Lehre besagt: Wettbewerb treibt die Wirtschaft an, indem er zu Innovation und Effizienz zwingt. Er stärkt also am Ende den Innovations­standort Schweiz, man soll daher die Konkurrenz frei spielen lassen. Die «SBB-Kritiker» befürchten hingegen, ein Zuviel an Wettbewerb fresse die Margen so weit auf, dass schlussendlich die Mittel für Forschung und Entwicklung fehlen würden.

Das goldene Mittelmass

Mit den idealen Voraussetzungen für Innovationen haben sich auch die drei Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises 2025 beschäftigt. Während Joel Mokyr Innovation historisch betrachtete, erhielten Philippe Aghion und Peter Howitt die Auszeichnung für ihr Lebenswerk über die Modellierungen, wie Innovationstätigkeit durch «schöpferische Zerstörung» zu Wirtschaftswachstum führt. 

Ihre zentrale Erkenntnis: Am innovativsten sind Märkte, in denen es weder nur träge Monopole noch einen unerbittlichen Wettbewerb gibt. Zu viel Wettbewerb nur über die Kosten könne dazu führen, dass Unternehmen in einem steten Überlebenskampf steckten. Wer in einem scharfen Preiskampf stehe, könne kaum Reserven aufbauen, die für riskante Forschung und Entwicklung notwendig wären. Zu wenig Wettbewerb hingegen würde träge machen. Wer als Monopolist fest im Sattel sitze, verspüre keinen Drang, das Neue zu wagen. 

Der Blick in die Praxis

Diese Argumentation von Aghion und Howitt führt zu einem umgekehrt-U-förmigen Zusammenhang zwischen Wettbewerb und Innovation, den sie in empirischen Studien auch bestätigen konnten. In ihrem wegweisenden Paper «Competition and Innovation: An Inverted-U Relationship» (2005) untersuchten Aghion und Howitt gemeinsam mit Co-Autoren britische Firmen in den 1970er- und 80er-Jahren. Sie nutzten dabei sogenannte «natürliche Experimente», zum Beispiel die grossen Privatisierungen und Marktöffnungen unter Margaret Thatcher. Solche Ereignisse sind für Ökonomen Gold wert, da sie wie ein Laborversuch die Wettbewerbsbedingungen schlagartig ändern. Die Ergebnisse bestätigten: In Branchen, die zuvor verkrustet waren, führte mehr Wettbewerb zu einem Innovationsschub. Die Firmen mussten innovieren, um der neuen Konkurrenz zu «entkommen» (der sogenannte Escape Competition Effect). In Branchen hingegen, die bereits hart umkämpft waren, führte noch mehr Druck teilweise zu Resignation oder Marktaustritten. Innovation lohnt sich nur, wenn man eine realistische Chance hat, durch sie einen Vorsprung und damit bessere Margen zu erzielen. Ist der Rückstand zur Spitze zu gross, gibt man auf, so ein Fazit der Studie.

    Auch in der Schweiz

    Nobelpreise werden oft vergeben, wenn die Forschungsansätze in zahlreichen Folgestudien übernommen und bestätigt werden. Das passierte auch in der Schweiz. Eine Untersuchung der Ökonomen Michael Peneder und Martin Wörter nutzte die umfangreichen Daten der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Die Autoren konnten den umgekehrt-U-förmigen Verlauf auch für Schweizer Unternehmen nachweisen. Spannend ist ihre Unterscheidung zwischen «kreativen» und «adaptiven» Firmen. Kreative Unternehmen – solche, die echte Neuerungen hervorbringen – reagieren viel sensibler auf Wettbewerbsdruck. Sie sind fast zwangsläufig international ausgerichtet, und für sie ist der Wettbewerb der entscheidende Treiber, um durch Innovation interessantere Nischen zu besetzen. 

    Adaptive Firmen, die eher Bestehendes übernehmen, zeigen weniger starke Ausschläge. Das heisst: Wer an der technologischen Spitze mithalten kann, für den ist Wettbewerb ein Fitnessprogramm. Wer technologisch abgeschlagen ist, für den ist er oft eine Falle, weil das Unternehmen dann nur noch knapp über die Runden kommt, und Entwicklungsausgaben als nicht mehr finanzierbar oder nicht mehr aussichtsreich gelten. Beispiel Pharmaindustrie. Sie ist in der Schweiz zweifellos ein Innovationsmotor. Einerseits herrscht ein intensiver globaler Wettbewerb. Wer sich auf seinem Portfolio ausruht, wird verdrängt. Andererseits sorgen Patente dafür, dass der Wettbewerb für gewisse Produkte temporär eingeschränkt ist. Dies erlaubt es erst, die Milliarden für die nächste Forschung zu finanzieren.

    Für Schweizer Firmen gilt auch in anderen Branchen: Der Heimmarkt ist verhältnismässig klein, und auf den internationalen Märkten können praktisch nur innovative Firmen mithalten. Mit dem «Frankenschock» von 2015 gibt es ein Beispiel für eine plötzliche Verschärfung des Wettbewerbs durch Preisdruck. Erfolgreiche Schweizer KMU reagierten oft nicht mit (potenziell ruinösen) Preissenkungen, sondern mit einer (weiteren) «Flucht nach vorne»: Sie investierten in Qualität, neue Produkte und Dienstleistungen, um der direkten Preiskonkurrenz zu entkommen. Das ist der von Aghion und Howitt beschriebene «Escape Competition Effect» in Aktion. 

    Nicht (nur) erfinden, sondern anwenden

    Wir haben in der Schweiz eine Gruppe von Top-Innovatoren, sogenannte Technologieführer respektive «Frontier Firms». Sie stehen im globalen Wettbewerb und in­novieren beständig. Aber wir haben auch KMU, die Gefahr laufen, den Anschluss zu verlieren. Innovation heisst aber nicht nur erfinden, sondern auch kreativ und pragmatisch anwenden. Das ist die Kernaussage des dritten Nobelpreisträgers, Joel Mokyr. Die grösste Produktivitätsreserve der Schweiz liegt nicht zwingend in der nächsten bahnbrechenden Erfindung, sondern darin, bereits vorhandenes Wissen in Tausende von KMU zu bringen, die technologische Nachzügler sind. Das würde das allgemeine Innovationsniveau heben und den Wettbewerb stärken.

    Eine Botschaft der Nobelpreisträger lautet, vor der sogenannten «Innovationsfalle» auf der Hut zu sein. Diese schnappt dann zu, wenn man technologisch so weit zurückfällt, dass man nur noch über den Preis konkurrieren kann. Einen Preiskampf kann man als Schweizer Unternehmen gegen internationale Konkurrenz kaum gewinnen. Die Strategie muss sein, Innovation als Ausweg zu sehen, um einem erdrückenden Preiswettbewerb zu entkommen. In diesem Sinne ist der Nobelpreis 2025 auch eine Mahnung: Wettbewerb tut weh, aber er ist ein Rezept gegen den Stillstand, solange alle fit genug bleiben, um am Rennen teilzunehmen.

    Literaturhinweise

    • Aghion, P., Bloom, N., Blundell, R., Griffith, R., & Howitt, P. (2005). Competition and innovation: An inverted-U relationship. The Quarterly Journal of Economics, 120(2), 701–728.
    • Peneder, M., & Woerter, M. (2014). Competition, R&D and innovation: Testing the inverted-U in a simultaneous system. Journal of Evolutionary Economics, 24, 653–687.
    Porträt