Herr Keil, warum geht beim Wechsel des Top-Managements so oft so vieles schief?
Weil bei Nachfolgebestimmung häufig nicht sauber und nicht rational genug gearbeitet wird. Viele Verwaltungsräte haben unklare Vorstellungen und Auswahlkriterien. Die neuen CEOs sind oft überrascht und überfordert von der Situation, die sie vorfinden. Fehlentscheidungen bei der Besetzung von Top-Positionen kommen die Unternehmen oft teuer zu stehen.
Viele CEOs erfüllen die hohen Erwartungen nicht, die in sie gesetzt werden – insbesondere, wenn es um eine geplante Neuausrichtung einer Firma geht. Könnte das heissen, dass die Bedeutung von Spitzenmanagern überschätzt wird?
Die Vorstellung vom CEO als einem einsamen Helden, der im Alleingang ein Unternehmen umkrempelt, ist zweifellos völlig realitätsfremd. Kein CEO kann etwas erreichen ohne ein gutes Team und ohne eine motivierte Belegschaft. Aber ein schlechter CEO kann leider fast im Alleingang dramatische Schäden anrichten. Deshalb ist es für das Wohl einer Firma schon sehr wichtig, den passenden CEO zu finden.
Wie sollten Unternehmen bei der Besetzung von Spitzenpositionen denn vorgehen?
Wir empfehlen ein Denken in strategischen Zeitabschnitten von drei bis fünf Jahren. Je nachdem, in welcher strategischen Situation sich ein Unternehmen befindet, sind sehr unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen. Wir unterscheiden dabei zwischen Kontinuitäts-, Evolutions-, Transformations- und Turnaround-Phasen. Ein CEO muss passend zur Phase ausgewählt werden, in der sich das Unternehmen gerade befindet.
Und wenn das Unternehmen in eine neue Phase eintritt?
Dann muss über die Neubesetzung der Führungsposition nachgedacht werden.
Ist es fair, einen CEO, der den Turnaround einer Firma erfolgreich geschafft hat, zu entlassen, weil im nächsten Stadium der Unternehmensentwicklung ein anderer Manager-Typus gefragt ist?
Für die Betroffenen kann das schon brutal sein. Aber wäre es denn fair gegenüber den Mitarbeitenden und anderen Stakeholdern, wenn der Verwaltungsrat nicht für den richtigen CEO zur richtigen Zeit sorgen würde?
Wie kann man die Härte eines CEO-Wechsels abmildern?
Indem man bei der Anstellung eines CEO klar definiert, worin sein Mandat besteht, welches die Ziele sind und welcher Zeitrahmen dafür vorgesehen ist. Wenn das Mandat dann ans Ende kommt, kann man Gespräche über Fortsetzung der Anstellung führen. Die Fortsetzung sollte aber keine Selbstverständlichkeit sein.
Ist es denkbar, dass ein und dieselbe Person Eigenschaften in sich vereint, die sie befähigen, eine Firma über verschiedene Phasen hinweg erfolgreich zu führen?
Es kommt vor, ist aber nicht die Regel. Ein CEO, der in seiner ganzen Karriere Turnarounds gemeistert hat und es gewohnt ist, mit dem Rücken zur Wand stehend Firmen durch Liquiditätsengpässe zu lotsen, müsste sich komplett neu erfinden, um ein Unternehmen kompetent durch eine Kontinuitäts- und Wachstumsphase führen zu können.
Welcher Zeitpunkt wäre in Ihren Augen zum Beispiel für Elon Musk der richtige, um als CEO von Tesla zurückzutreten?
Elon Musk schiebt gern Dinge an, er ist ein Mover und Shaker, kein Verwalter des Bestehenden. Ich nehme an, dass er das selbst weiss und sich aus eigenem Antrieb aus der Unternehmensführung zurückzieht, bevor sich Tesla zum reifen Automobilhersteller entwickelt hat. Ihn zum Rücktritt zu zwingen, wäre schwierig, da ihm ja ein Grossteil des Unternehmens gehört. Das ist ein Problem vieler Unternehmer: Sie verpassen den richtigen Zeitpunkt für den Rücktritt, weil sie glauben, unentbehrlich zu sein, und niemanden in ihrem Umfeld haben, der es wagt, diese Selbsteinschätzung zu korrigieren. Zu den Ausnahmen gehört zum Beispiel Bill Gates, der sich zum richtigen Zeitpunkt aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat.
Welchen Typ CEO braucht eine Firma in der Kontinuitätsphase?
Wenn eine Firma in bewährter Weise läuft, braucht es weniger strategische Denker an der Spitze, sondern eher Leute, die operativ stark sind und das Geschäft gut kennen. In solchen Situationen empfiehlt es sich in der Regel, den CEO intern zu rekrutieren.
Auf welche Führungspersönlichkeit sollten Firmen in der Evolutionsphase setzen?
Auf eine Persönlichkeit, die strategisch denkt und durch ihre berufliche Herkunft und ihr Know-how jene Bereiche der Firma repräsentiert, die ausgebaut werden sollen. Firmen können durch die geschickte Wahl eines CEO ein starkes Signal aussenden, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll. Nestlé setzte zum Beispiel durch die Berufung von Mark Schneider ein klares Signal für die Stärkung des Health- und Wellness-Bereichs.