Forschung & Entwicklung

Studie: Hochschulmarketing in KMU (Teil 2 von 3)

Effektive Wege zur Rekrutierung von Absolventen

Der Fachkräftemangel ist ein schweizweites Problem, mit dem nicht nur Grossunternehmen kämpfen, sondern das insbesondere auch kleineren Unternehmen Kopfzerbrechen bereitet. Der Wettbewerb um Talente beginnt bereits dann, wenn junge Erwachsene vor ihrem Studienabschluss stehen. Dem Hochschulmarketing kommt deshalb eine immer wichtigere Rolle zu. Die SWiBi AG aus Landquart im Churer Rheintal berichtet über ihre Erfahrungen.
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In der Schweiz herrscht in verschiedenen Branchen ein Mangel an Fachkräften. Im St. Galler und Churer Rheintal sind ganz besonders Spezialisten des Ingenieurwesens schwierig zu rekrutieren, wie die Studie «Hochschulmarketing von KMU in der Region Alpenrheintal» der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur zeigte (siehe auch den Fachartikel «Hochschulmarketing von KMU» im «KMU-Magazin», Ausgabe 4/12). Die Praxiserfahrungen der SWiBi AG decken sich mit den Studien­ergebnissen: Die Gewinnung von geeigneten Fachkräften, insbesondere von Elektroin­genieuren und IT-Fachleuten, ist eine stän­dige Herausforderung.

Die SWiBi AG stellt Dienstleistungen im Energiebereich zur Verfügung; sie bietet Gemeinden und Energieversorgern die gesamte Palette vom Stromzähler bis zur Rechnungsstellung an. Seit der Strommarktliberalisierung in der Schweiz sind diese Dienstleistungen besonders gefragt, was sich positiv auf das Wachstum des Unternehmens auswirkt: Wurde die SWiBi AG 2005 mit drei Mitarbeitern gegründet, so zählt sie heute bereits rund 50 Mitarbeitende.

Rekrutierung ist Chefsache

«Mein Ziel als Geschäftsführer ist es, die SWiBi AG mit Innovation und Tempo in die Zukunft zu führen», sagt Willi Aggeler, der die Geschicke der jungen Firma seit der Gründung leitet. «Das schnelle Wachstum ist erfreulich, stellt uns aber auch vor grosse Herausforderungen bei der Rekrutierung von geeigneten Fachkräften.» Das Unternehmen verfügt über eine sehr kleine Personalabteilung, darum ist die Rekrutierung Chefsache. Somit sind die zeitlichen Ressourcen für die Suche und Selektion von neuen Mitarbeitenden beschränkt.

Aus diesem Grund verlässt sich die SWiBi AG oft auf einen Personalvermittler und lagert damit einen Teil der Personalsuche aus. Laut Aggeler genügt dies aber nicht: «Als junges Unternehmen sind wir noch wenig bekannt. Bei unserer Personalrekrutierungsstrategie geht es uns auch darum, unsere Bekanntheit bei potenziellen Arbeitnehmern kontinuierlich zu steigern und als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden. Unsere Strategie ist deshalb langfristig ausgerichtet. Wir wollen nicht nur dann handeln, wenn wir akuten Bedarf nach neuen Mitarbeitenden haben.» Dieses Ziel verfolgt die SWiBi AG unter anderem, indem sie frühzeitig den Kontakt zu Studierenden sucht.

Kontakt zu Studierenden

Die SWiBi AG hat in den letzten Jahren immer wieder Studierende bzw. Hochschulabsolventen während oder direkt nach dem Studium angestellt. Hochschulmarketing ist hier ein zentrales Thema. Zwar hat man bisher nicht an Stellenbörsen und Absolventenkongressen teilgenommen. Dafür ist das Unternehmen aus Sicht von Willi Aggeler zu klein. Der Aufwand würde in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen. Doch hat die SWiBi AG verschiedene Aktivitäten gestartet, um bereits während dem Studium mit Studierenden in Kontakt zu kommen. Besonders gute Erfahrungen hat die SWiBi AG mit der Vergabe und Betreuung von Studienarbeiten gemacht. Bereits mehrmals wurden technische und betriebswirtschaftliche Fragestellungen im Rahmen von Bachelorarbeiten bearbeitet. Laut Aggeler profitierte die SWiBi AG gleich doppelt: Einerseits lieferten die Abschlussarbeiten konkrete Lösungsalternativen, andererseits führte der enge Kontakt zu Studierenden zum gegenseitigen Kennenlernen. Die SWiBi AG konnte sich von der Arbeitsweise, aber auch von der Persönlichkeit der Studierenden ein Bild machen. Umgekehrt ermöglichte die Zusammenarbeit mit dem SWiBi-Team den Studierenden einen tiefen Einblick in das Unternehmen.

Im Verlauf des Projekts zeigte sich rasch, ob die Chemie für eine künftige Anstellung stimmt. Willi Aggeler sieht dies als einen gros­sen Vorteil. Bewerbungsgespräche sind aus seiner Sicht sowohl für den Kandidaten wie auch für das Unternehmen zu kurz, um sich wirklich ein Bild machen zu können. Ganz im Gegensatz dazu können Kandidat und Unternehmen nach einer Studienarbeit gut abschätzen, ob Qualifikation und Persönlichkeit der Studierenden zum Unternehmen und seinen Anforderungen passen. Den Aufwand und Ertrag von Studienarbeiten schätzt Willi Aggeler als ausgewogen ein. Ein Nachteil von Studienarbeiten sei jedoch, dass der auftretende Personalbedarf zeitlich nicht immer mit dem akademischen Kalender übereinstimme. Studienarbeiten werden in der Regel einmal jährlich geschrieben. Es sei Zufall, wenn im Unternehmen gerade dann auch eine Stelle für Absolventen frei sei.

Die SWiBi AG macht besonders gute Erfahrungen mit dem persönlichen Kontakt zu Studierenden und Absolventen. Dieser wird teils systematisch – wie bei der regelmässigen Vergabe von Studienarbeiten – , teils über Mitarbeitende hergestellt. Das folgende Beispiel illustriert, wie der persönliche Kontakt zu Studierenden direkt zu Rekrutierungserfolg geführt hat: Martin Lang war Ende 2009 im letzten Studienjahr seines Teilzeitstudiums zum Wirtschaftsingenieur, als er eine neue, berufliche Herausforderung suchte. Per Zufall wurde er auf eine Vakanz bei der SWiBi AG aufmerksam. Die Firma kannte er vorher nicht, doch das junge, dynamische Umfeld gefiel ihm sofort. Als Informatik-Projektleiter bot man ihm die Möglichkeit, die Zukunft des Unternehmens aktiv mitzugestalten. Damals wie heute überzeugen ihn besonders die flache Hierarchie, die gegenseitige Flexibilität und das breite Aufgabenfeld. «Es ist wichtig, jungen Leuten eine Perspektive aufzuzeigen und sie in ihrer beruflichen und persönlichen Entwicklung zu unterstützen. Nur so können wir sicherstellen, dass uns wertvolle, junge Mitarbeiter möglichst lange erhalten bleiben», so Aggeler. Martin Lang konnte nach dem erfolgreichen Abschluss des Bachelorstudiums berufsbegleitend den konsekutiven Studiengang Master of Science in Business Administration an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur starten. Dies ermöglichte ihm, 2011 die Leitung der neu gegründeten Abteilung «Sales & Marketing» zu übernehmen. Martin Lang erinnert sich: «Damit ich die neue Funktion ausüben konnte, musste rasch ein geeigneter Nachfolger oder eine geeignete Nachfolgerin für die Informatik-Abteilung gefunden werden.»

Persönliche Beziehungen

«Dank guten Kontakten zu Studierenden, die kurz vor dem Abschluss standen, konnte ich der Geschäftsleitung innert kurzer Frist einen top qualifizierten Nachfolger präsentieren.» Die persönliche Beziehung zu Hochschulangehörigen und Studierenden ist für Willi Aggeler denn auch eines der effektivsten Instrumente des Hochschulmarketings. Diese Erfahrung hat die SWiBi AG nicht nur im genannten Beispiel gemacht: Durch den persönlichen Draht zu Studierenden gelingt es immer wieder, geeignete Kandidaten vermittelt zu bekommen oder Empfehlungen zu erhalten. Auch persönliche Beziehungen zu Hochschulangehörigen machen sich bezahlt. Die Nähe zur Hochschule hat der SWiBi AG Türen geöffnet, um den Bekanntheitsgrad der Unternehmung im Hochschulumfeld zu steigern. «Wir werden auch in Zukunft bewusst in den Kontakt zu Studierenden und Hochschulangehörigen investieren», so Willi Aggeler.

Die Website der SWiBi AG ist ebenfalls ein wichtiges Rekrutierungsinstrument. Nebst der ausführlichen Beschreibung von offenen Stellen gibt das Unternehmen Einblick in die Firmenphilosophie und das Tätigkeitsfeld. Auf diese Weise können Interessierte sich bereits im Vorfeld ein gutes Bild vom Unternehmen machen.

Regionale Identifikation

Mit den angewendeten Instrumenten des Hochschulmarketings will die SWiBi AG einerseits die Anzahl Bewerber steigern. Andererseits will sie eine möglichst hohe Qualität der Bewerber erreichen. Nebst der passenden Qualifikation und den persönlichen Eigenschaften eines Kandidaten ist für Willi Aggeler die Verwurzelung in der Region ein wichtiges Kriterium bei der Selektion von neuen Mitarbeitenden. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Landquart liegt in einer ländlichen Region. Nur wer sich im Bündnerland wohlfühle, bleibe als Arbeitskraft über längere Zeit an Bord. Das Unternehmen rekrutiert deshalb vorwiegend regional; auch der Kontakt zu Hochschulen in der Nähe stellt sicher, dass potenzielle Kandidaten einen Bezug zur Region haben. Bewerben sich Kandidaten aus weit entfernten Landesteilen, dann wird besonderes Augenmerk darauf gelegt, ob sich die Kandidaten mit dem Bündnerland identifizieren können.

Hochschulkontakt verstärken

Für die Zukunft wünscht sich Willi Aggeler, dass der Kontakt zu den Hochschulen in der Region noch verstärkt wird. Wenn sich Gelegenheit bietet, werde die SWiBi AG weitere Formen der Zusammenarbeit ausprobieren. Und Martin Lang ergänzt, dass er Gastvorlesungen oder Referate spannend fände, um Praxis und Hochschulbildung zusammen zubringen und den Austausch zwischen der SWiBI AG und der Hochschule zu intensivieren. Denkbar sind auch die Durchführung von Betriebsbesichtigungen und Workshops für Studierende im Unternehmen oder die Teilnahme an Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Klar ist auf jeden Fall, dass Willi Aggeler auch in Zukunft proaktiv mit den Hochschulen und deren Studierenden in engem Kontakt bleiben möchte, um jederzeit gute Hochschulabsolventen zu einer Bewerbung motivieren zu können.

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