In Schweizer KMU existieren heute mehr selbst gebaute Automationen, als die Geschäftsleitung vermutet. Sie heissen nicht mehr «Access-Datenbank» oder «Excel-Makro», sondern «Power Automate Flow», «UiPath Bot» oder «Low-Code-App».
Neue Risiken
Mitarbeitende schliessen Lücken in ERP-Systemen mit Eigenentwicklungen, die exakt ihre Probleme lösen – und gleichzeitig neue Risiken schaffen.
Die Verbreitung nicht genehmigter IT-Lösungen nimmt nachweislich zu. Gründe sind langsame IT-Prozesse, fehlende Unterstützung und die einfache Verfügbarkeit cloudbasierter Tools. Low-Code- und No-Code-Plattformen wie Microsoft Power Platform, UiPath oder Camunda senken die Eintrittshürde so stark, dass praktisch jede Abteilung eigene digitale Workflows aufsetzen kann.
Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr, ob Citizen Developer auftreten, sondern wie Unternehmen mit ihnen umgehen.
Das Dilemma
Low-Code-Plattformen erlauben es Mitarbeitenden ohne Programmierkenntnisse, komplexe Anwendungen visuell zu erstellen. Dies beschleunigt die Umsetzung und fördert Innovation in Fachbereichen – erhöht jedoch gleichzeitig das Risiko von Qualitätsmängeln, technischer Schuld und unkontrollierter Schatten-IT.
Für KMU entsteht ein Spannungsfeld: Einerseits ermöglichen schnelle, passgenaue Lösungen nahe am Geschäftsprozess eine geringere Abhängigkeit von externer IT und höhere Mitarbeitermotivation.
Andererseits drohen Sicherheitslücken, Compliance-Verstösse, Datenverlust bei Mitarbeiteraustritt, unklare Verantwortlichkeiten und fehlende Dokumentation.
Schatten-IT existiert
Ein Verbot von Citizen Development verhindert nicht die Nutzung, sondern nur die Transparenz. Unternehmen haben deutlich mehr unbekannte Cloud-Services im Einsatz, als die IT-Abteilung weiss. Schatten-IT existiert bereits, unabhängig davon, ob sie erlaubt ist oder nicht. Bemerkenswert ist: Die grossen Anbieter haben das Problem erkannt und bieten umfangreiche Steuerungsmöglichkeiten. Microsoft Power Platform stellt Data-Loss-Prevention-Richtlinien, Rollenmodelle und Center-of-Excellence-Toolkits bereit. UiPath setzt mit Orchestrator, Rollen- und Freigabekonzepten sowie Audit-Trails auf zentral kontrollierte Bots. Camunda betont Governance über explizite Prozessmodelle (BPMN, DMN) und die Orchestrierung vieler Teilsysteme in nachvollziehbaren End-to-End-Prozessen. Trotz dieser Möglichkeiten nutzen viele KMU die vorhandenen Governance-Funktionen kaum, da klare unternehmensinterne Regeln fehlen.


