Forschung & Entwicklung

Studie: KMU-Finanzierung

Anlagemöglichkeiten in KMU sind gesucht

Auf der Suche nach attraktiven Opportunitäten erscheinen auch die Aktien von kleinen und mittelgrossen Unternehmen auf dem Radar der Anleger. Eine aktuelle Studie belegt, dass Investments in KMU-Titel zwar grundsätzlich gesucht sind. Doch liegen Probleme beim fehlenden oder erschwerten Marktzugang.
PDF Kaufen

Egal ob Aktien, Anleihen, Immobilien oder Rohstoffe, die Finanzmärkte befinden sich aktuell fast ausnahmslos auf Höchstständen. Die anhaltende ultra­expansive Geldpolitik der Nationalbanken rund um den Globus hat einen we­sent­lichen Beitrag zu dieser Asset Price In­flation geleistet. Anleger sind deshalb vermehrt auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten. Auf der Suche nach attraktiven Opportunitäten erscheinen unter anderem auch die Aktien von kleinen und mittelgrossen Unternehmen  auf dem Radar der Anleger.


KMU-Titel gefragt

Entsprechende Titel können in der Regel nicht an Börsen gehandelt werden. Es existieren jedoch sogenannte OTC-Handelsplätze, welche einen gewissen aus­serbörslichen Handel ermöglichen. Die meisten KMU-Aktien sind somit nur eingeschränkt oder gar nicht handelbar. Eine aktuelle Untersuchung der Ostschweizer Fachhochschule in Zusammenarbeit mit einer grossen Schweizer Retailbank deutet darauf hin, dass grundsätzlich ein Marktbedürfnis für den Kauf und Verkauf von KMU-Titeln zu bestehen scheint. Rund 53 Prozent der befragten Privatanleger kennen KMU, in die sie gerne investieren würden, die aber nur eingeschränkt handelbar sind (vgl. Abbildung 1).

In der Untersuchung wurde zudem herausgefunden, dass 45 Prozent der Befragten mindestens einmal pro Monat in Einzelaktien investieren. Ob dies analog auf den Handel von potenziellen KMU-Aktien adaptierbar ist, kann jedoch nicht abschliessend beurteilt werden. Die Untersuchung deutet zumindest darauf hin, dass Anleger sich nicht per se von direkten Investments in Einzeltitel abhalten lassen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche sonstigen Kriterien für einen regen Handel von (KMU)-Aktien relevant sein könnten. 

Abbildung 2 zeigt die entsprechenden Erkenntnisse aus der Untersuchung, aufgeteilt nach Wichtigkeit. Dabei stechen insbesondere die tiefen Transaktions­gebühren und der einfache Zugang via E-Banking hervor. Beide Aspekte sind im Fall von KMU-Titeln besonders relevant. Um trotz vergleichsweise geringer Ka­pitalisierung grosse Handelsvolumen erreichen zu können, ist es essenziell, die Transaktionskosten auf ein Minimum zu beschränken. 

Zudem ist es offenbar unerlässlich, die Eintrittsschwellen für Anleger möglichst tief zu halten und beispielsweise auf besonders benutzerfreundliche Applikationen via bestehendes E-Banking zu setzen. Bezüglich Nachfrage ist die Regionalität Fluch und Segen zugleich. Positiv ist, dass sich viele der Befragten für regionale Titel interessieren. Gleichzeitig schränkt der regionale Fokus aber auch die potenzielle Investorenbasis in einem gewissen Ausmass ein.


Zwischen Risiko und Rendite

Eine weitere Frage der Untersuchung bezieht sich auf die Motivation der Anleger. Dazu wurden diejenigen Personen befragt, die bereits einmal ausserbörslich (OTC) in kleinere, regionale KMU investiert haben oder dies gerne möchten. Die Antworten zeigen auf, dass höhere Renditen als bei «traditionellen Aktien» erwartet werden. 

Es ist zudem ersichtlich, dass die meisten Befragten auch mit höheren Risiken rechnen. Das Bewusstsein für die damit einhergehenden Risiken ist im Vergleich sogar grösser als für die erhöhten Renditepotenziale.

Die Wahrnehmung, dass KMU in der Regel höhere Risiken und Renditepotenziale aufweisen, deckt sich mit den Aussagen in der Theorie. Bei der Bewertung von KMU werden in der Praxis und der Theorie oft Diskontsätze in Höhe von acht bis zwölf Prozent verwendet. Diese Diskontsätze, die im anhaltenden Niedrigzinsumfeld auch unter Druck gekommen sind, widerspiegeln grundsätzlich die Renditeerwartungen der Anleger. Abbildung 3 verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Risiko und Renditeerwartung aus der Perspektive der befragten Anleger.Nebst den Risiko-Rendite-Erwartungen wurden auch die Ansprüche an die Berichterstattung und die veröffentlichten Informationen seitens KMU erhoben. Rund 85 Prozent der befragten Personen gaben an, dass ihnen regelmässige Informationen vom Unternehmen, in welches sie investiert haben, eher wichtig oder sehr wichtig sind.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Investments in KMU-Titel grundsätzlich gesucht sind. Die Probleme liegen in den meisten Fällen beim fehlenden oder erschwerten Marktzugang. Die meisten KMU sind nicht an Handelsplätzen gelistet. An den ausserbörslichen Handelsplattformen wie beispielsweise OTC-X und eKMU-X waren per April 2021 257 beziehungsweise 99 handelbare Titel aufgeführt (teilweise mit Überschneidungen). Zudem hat sich gezeigt, dass tiefe Transaktionskosten, ein regionaler Fokus, ein möglichst einfaches Handling und regelmässige Informationen seitens Unternehmen wichtige Voraussetzungen für Investments in KMU-Aktien darstellen.


Digitale Alternative

Wie kann das vorhandene Bedürfnis nach KMU-Investments gestillt werden, wenn nur eine eingeschränkte Handelbarkeit besteht? Eine Börsenkotierung beziehungsweise ein Initial Public Offering (IPO) ist für die meisten KMU keine Alternative. Das neue Mantelgesetz über verteilte Transaktionsregister (Distributed Ledger Technology, DLT) könnte in diesem Bereich Abhilfe schaffen. 

Seit Februar 2021 können Vermögenswerte in Form von sogenannten Registerwertrechten in digitaler Form auf Basis einer DLT (zum Beispiel Blockchain) ausgegeben werden. 

Die Digitalisierung von Vermögenswerten wird im Fachjargon mit dem Begriff «Tokenisierung» bezeichnet. Die Tokenisierung von Aktien, Anleihen und sonstigen Vermögenswerten sollte zu einer einfacheren Übertragbarkeit führen, ohne eine regulierte Börse in Anspruch zu nehmen. Im Weiteren verspricht die Tokenisierung von Vermögenswerten auch tiefere Transaktionskosten im Vergleich zu traditionellen Handelsplätzen. Dies liegt insbesondere daran, dass das Clearing und Settlement der Titel auf Basis einer DLT-Lösung effizienter und somit kostengünstiger ausgeführt werden kann.

Tokenisierte Aktien (auch «Equity Tokens» oder als Überbegriff «Security Tokens» genannt) basieren genauso wie die Kryptowährung Bitcoin auf der Blockchain-Technologie, dürfen aber keinesfalls in den gleichen Topf geworfen werden. Equity Tokens werden zu Finanzierungszwecken von einem Unternehmen ausgegeben und müssen die gleichen rechtlichen Bedingungen erfüllen wie klassische Aktien. Ein Equity Token ist somit als digitaler Repräsentant einer Aktie zu verstehen.

Standards schaffen

In den vergangenen zwei Jahren hat die Tokenisierung von Aktien (oder anderen Vermögenswerten) zunehmend Aufmerk­samkeit gewonnen. Es wurden entsprechende Konzepte entworfen und Prozesse definiert. In der Zwischenzeit haben sich verschiedene Anbieter von Tokenisierungen auf dem Markt positioniert. Um diese Entwicklungen weiter voranzutreiben und die einzelnen Lösungen besser auf­einander abzustimmen, beschäftigt sich das Kompetenzzentrum für Banking und Finance der Ostschweizer Fachhochschule zusammen mit Praxispartnern aus der Finanzindustrie (Fedafin, Hypothekarbank Lenzburg, «PFLab» der Postfinance), dem Bereich Legal (Kaiser Odermatt & Partner, Vischer, Walder Wyss) und dem Technologiesektor (Drakkensberg AG , Kore Technologies) aktuell mit einem diesbezüglichen Forschungsprojekt (siehe www.digital-assets.ch). 

Das Ziel besteht darin, die Prozesse im Bereich der Tokenisierung von Vermögenswerten zu standardisieren und eine Vergleichbarkeit unter den Angeboten zu ermöglichen. Dies soll künftigen Emittenten von Equity Tokens (zum Beispiel KMU) als Hilfsmittel dienen, um die für sie optimale Lösung zu eruieren. Gleichzeitig sollen Finanzierungen über die Emission von tokenisierten Vermögenswerten künftig zertifiziert werden. Dies dient unter anderem den Anlegerinnen und Anlegern, um sich schneller einen Eindruck über die betreffende Tokenisierung zu verschaffen. Die Schaffung eines solchen Standards funktioniert nur, wenn das Projekt von einer breiten Gruppe getragen wird. Deshalb ist das von der Innosuisse mitfinanzierte Forschungsprojekt nicht nur auf die vorhin genannten Projektpartner beschränkt. Interessierte Parteien sind dazu aufgerufen, sich aktiv in das Projekt miteinzubringen.