Finanzen & Vorsorge

Kosten- und Leistungsrechnung

Wie die Deckungsbeitragsrechnung zu optimieren ist

Wenig aussagekräftige Deckungsbeiträge und unstimmige Basiswerte können unter an­derem zu falschen Sortimentsentscheidungen führen. Der folgende Artikel zeigt, wie Deckungsbeitragsrechnungen besser aufgestellt werden können.
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Grundlage aller Sortimentsoptimierungen sollten aussagekräftige Deckungs­beiträge sein. In der industriellen Praxis ist dies regelmässig begrenzt der Fall: Kosten werden nicht verursachungsgerecht, sondern pauschal auf Artikel verteilt, oder variable Kosten im Fixkos­tenblock ausgewiesen. Während Gross­un­ternehmen hier aufgrund von zentralen und von Spezialisten gemachten Vorgaben und Richtlinien häufig bereits sehr gut aufgestellt sind, gibt es bei kleineren und mittleren Unternehmen regelmässig gros­sen Nachholbedarf.

Optimierungshilfen

Im Ergebnis führen die auf einer ver­besserungswürdigen Basis berechneten Werte zu falschen Sortimentsentscheidungen und optimierbaren Priorisierungen von Aktivitäten. Nachfolgend werden zehn Praktiker-Tipps aufgeführt, um Deckungsbeitragsrechnungen optimiert auf­stellen zu können.

1. Abstimmbarkeit herstellen

Nichts trägt mehr zur Konfusion im Unternehmen bei als sich widersprechende Zahlenwelten. «Eine Zahl, eine Wahrheit» sollte das Ziel der betrieblichen Informationsversorgung sein, um ausufernde Diskussionen über Differenzen zu vermeiden. Grundsätzlich sollten die Zahlen des externen Rechnungswesens mit den Zahlen des Controllings mindestens an zwei Stellen schnell abstimmbar sein: Zum einen gilt dies für den Nettoumsatz, der sowohl in der Deckungsbeitragsrechnung als auch in der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) berichtet wird. 

Zum anderen sollte auch eine Ergebnisgrösse, wie der Gewinn vor Steuern, abstimmbar sein. Dabei ist es nicht erforderlich, dass die Werte exakt gleich sind – dies ist beispielsweise bei der Berücksichtigung von kalkulatorischen Kosten im Controlling gar nicht möglich. Allerdings erhöht eine schnelle Klärung von möglichen Differenzen stark das Vertrauen in die ­ermittelten Werte.

2. Fixe und variable Kosten ­stringent trennen

Die strikte Trennung aller Kosten in fixe und variable Kosten ist die Basis jeder ­Deckungsbeitragsrechnung. Dies ermöglicht, den tatsächlichen Deckungsbeitrag eines Artikels als Differenz von Umsatz und variablen Kosten zu berechnen. Je nach Unternehmen wird dieser Deckungsbeitrag teilweise auch Rohertrag oder Rohmarge genannt. Dieser Wert gibt Auskunft darüber, welchen Betrag ein Artikel (oder Kunde) zur Fixkostendeckung leistet, beziehungsweise was sich am Er­gebnis ändern würde, wenn es den Artikel nicht gäbe. Ein auf dieser Ebene po­sitiver Deckungsbeitrag sollte daher die absolute Mindestanforderung an die Profitabilität eines Artikels sein. 

Die verursachungsgerechte Zuordnung ­aller variablen Kosten zu den entsprechenden Artikeln ist daher eine Grund­vor­aussetzung für aussagekräftige Deckungsbeiträge, was jedoch auch schon bei kleineren und mittleren Unter­nehmen mit einer auch hier steigenden Sortimentskomplexität eine herausfordernde Aufgabe ist. Bei den im Folgenden beschriebenen Optimierungsansätzen handelt es sich daher schwerpunktmässig um variable Kosten, die entweder regelmässig nicht ­unter den variablen Kostenpositionen in der Deckungsbeitragsrechnung aufgeführt werden oder die häufig nicht verursachungsgerecht auf Artikel verteilt werden.

3. Schwundquoten regelmässig überprüfen

In einem klassischen Industrieunternehmen sind die Materialkosten üblicherweise die grösste Kostenposition, sodass hier besondere Akribie bei der Kosten­verrechnung gefordert ist. Ein häufiges Optimierungspotenzial sind dabei die Schwundquoten der Artikel. Diese werden zumeist bei der Einführung eines neuen Artikels auf Basis von Planmengen in den Stücklisten hinterlegt und im weiteren Verlauf nicht mehr überprüft. Abweichungen können sich immer dann ergeben, wenn die Istmengen wesentlich von den Planmengen abweichen oder aufgrund technischer Gegebenheiten die Planansätze nicht eingehalten werden können. Eine regelmässige Überprüfung der Schwundquoten ist daher essenziell.

4. Anlagenzeiten sowie Rüst- und Reinigungskosten auf Artikel ­verteilen

Insbesondere in kleineren und mittleren Unternehmen werden Fertigungskosten immer noch auf Basis von relativ kons­tanten Kostensätzen pro Mengeneinheit ­verrechnet. Hier bietet es sich an, eine Verrechnung auf Basis von Produktions- oder Fertigungsaufträgen einzuführen, um Produktions-, Rüst- und Reinigungszeiten korrekt auf Artikel zu verrechnen. Zudem sollten diese Kosten stringent in variable und fixe Bestandteile unterteilt werden, sodass auf der ersten Stufe der Deckungsbeitragsrechnung nur die va­riablen Kosten berücksichtigt werden. Eine Steuerung der Produktion über ­Fertigungsaufträge ist dabei nicht nur aus Sicht der Deckungsbeitragsrechnung sinnvoll; auch Produktionseffizienzen können beispielsweise besser ermittelt und verbessert werden. 

5. Qualitätssicherungskosten ­präzise verrechnen

Häufig bietet der Bereich der Qualitäts­sicherung (QS) Optimierungsansätze in der Kostenverrechnung. In vielen Unternehmen (nicht nur in kleinen und mittleren, auch in Grossunternehmen) werden die gesamten QS-Kosten unter den fixen Produktionskosten ausgewiesen. Allerdings kann insbesondere der Bereich der Probenentnahme und -analyse der je­weiligen Fertigwaren beziehungsweise Materialien gut den variablen Kosten zugeordnet werden. Im Ergebnis erhalten kleinere Artikel einen überproportional grossen QS-Aufwand, der ebenfalls die betriebliche Realität widerspiegelt, da diese – pro Einheit gerechnet – in den meisten Fällen einen grösseren Aufwand verursachen.

6. Lager- und Kommissionier­kosten akkurat verteilen

Die Lagerkosten sind ebenfalls ein Bereich, in dem viele Unternehmen ihre Kosten nicht artikelgenau zuordnen können. So bekommen Artikel häufig den gleichen Lagerkostensatz pro Mengeneinheit verrechnet, obwohl die Standzeit eines Langsamdrehers das Vielfache eines Schnelldrehers betragen kann. 

Wenn hinzukommt, dass Unternehmen mit externen Lagerdienstleistern arbeiten und die Lagerhaltungskosten variabel nach belegten Stellplätzen abgerechnet werden, ist eine präzise Kostenver­teilung der Lagerkosten auf Artikel umso sinn­voller. Gleiches gilt für die Kommissionierung: Hierbei handelt es sich ebenfalls um variable Kosten in häufig signifikanten Höhen, die je nach Artikel sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Daher ist eine Verrechnung, beispielsweise auf Basis der angefallenen Picks pro Artikel, sinnvoll.

7. Finanzierungskosten auf Forderungen und Bestände ansetzen

Jeder Artikel und jeder Kunde führen zu gebundenem Kapital im Unternehmen, zum Beispiel in Form von Forderungen aus Lieferungen und Leistungen oder in Form von Beständen. Die dazu erforderlichen Finanzierungsaufwendungen werden von den wenigsten KMU in den variablen Kosten eines Artikels oder Kunden ausgewiesen, obwohl diese Aufwendungen klar als variabel einzustufen sind. Grossunternehmen, die ihre Performance auf Basis der wertorientierten Unter­nehmensführung messen, sind bei der Kalkulation und Verrechnung von Finanzierungskosten häufig weiter. 

Auf Basis von Aussenstandsdauern und Lagerbestandsreichweiten lassen sich diese Finanzierungskosten sehr gut und verursachungsgerecht auf Artikel beziehungsweise Kunden verteilen. Dem Zinssatz kommt bei dieser Optimierung eine entscheidende Bedeutung zu: So kann zum Beispiel der gewichtete Kapital­kostensatz des gesamten Unternehmens ­verwendet werden, der allerdings eine Renditeforderung der Eigentümer auf das eingesetzte Eigenkapital enthält. Da diese Renditeforderung allerdings kein Teil der GuV ist, wird die Abstimmbarkeit der Deckungsbeitragsrechnung mit der GuV (siehe Punkt 1 «Abstimmbarkeit ­herstellen») erschwert.

Eine Alternative wäre der aktuelle Zinssatz für Kontokorrentkredite, wenn diese vom Unternehmen beansprucht werden. Die Entscheidung, welche Variante zur Anwendung kommt, sollte allerdings nicht vom Controlling allein getroffen, sondern im Management des Unter­nehmens gefällt werden, da von dieser Entscheidung weitere Optimierungen ­abhängen (siehe Punkte 9 und 10).

8. Optimierungen nach Ergebnisauswirkung und Implementierungsaufwand priorisieren

Aufgrund knapper finanzieller und personeller Ressourcen können typischerweise nicht alle Optimierungen an der Deckungsbeitragsrechnung auch in KMU gleichzeitig umgesetzt werden. Hier bietet es sich an, zunächst einmal in einem Piloten in Excel die Ergebnisauswirkungen möglicher Optimierungen zu simulieren. Dabei spielen sowohl die Höhe des verkalkulierten Kostenvolumens als auch die Änderung der Kostenverteilung über Artikel und Kunden eine Rolle. Einige ­Optimierungen sind einfach umzusetzen, wie zum Beispiel eine Verzinsung von ­Beständen.

Andere Änderungen sind hingegen sehr aufwendig, wie das erstmalige Aufsetzen einer auf dem Fertigungsauftrag basierten Kostenerfassung in der Produktion. Im Sinne eines Wellenplans sollte mit einfach zu implementierenden Änderungen begonnen werden, die zugleich hohe Ergebnisauswirkungen zur Folge haben.

9. Ein besonderes Augenmerk auf die Randsortimente richten

Im Ergebnis haben viele der beschrie­benen Optimierungseffekte dieselbe Auswirkung: Grossvolumige Artikel («Schnelldreher») werden etwas profitabler und kleinvolumige Artikel verlieren signifikant an Profitabilität. Dies kann an verschiedenen Beispielen verdeutlicht werden:

  • Die Materialverluste sind pro Einheit gerechnet bei kleineren Artikeln deutlich höher
  • Kleinere Artikel stehen länger im Lager und verursachen somit höhere Lager- und Finanzierungskosten
  • Kleinmengen verursachen höhere Pick-Kosten in der Lagerlogistik
  • Die QS-Kosten für Materialproben verteilen sich auf eine kleinere Menge

In vielen Fällen führt dies dazu, dass Artikel mit einem vormals positiven Deckungsbeitrag nun negative Deckungsbeiträge nach Zuordnung aller variablen Kosten aufweisen. Ein Verzicht auf diese Artikel würde das Ergebnis des Unternehmens also verbessern.

10. Deckungsbeiträge umfassend nutzen

Die Ergebnisse der optimierten Deckungsbeitragsrechnung können nun umfassend im betrieblichen Alltag verwendet werden. Einige Verwendungsbeispiele sind:

  • Prüfung von Möglichkeiten der Preis­erhöhung bei Artikeln, deren Komplexität aktuell nicht adäquat vergütet wird
  • Prüfung von Möglichkeiten der Kostensenkung, da die exakten Kostentreiber nun sichtbar sind
  • Prüfung von Möglichkeiten der Nichtfortführung von Artikeln oder Sortimenten
  • Prüfung von Outsourcing-Möglich­keiten durch einen Abgleich von variablen Kosten mit externen Beschaffungskosten
  • Priorisierung von Artikeln in Engpasssituationen
  • Bewertung des Ergebniseffekts von ­Zusatzabsätzen über die Kennzahl «Deckungsbeitrag in Prozent vom Umsatz»

Fazit

Eine optimierte Berechnung der Deckungsbeiträge führt in KMU regelmässig zu einem signifikanten Erkenntnis­­zugewinn hinsichtlich der Profitabilität einzelner Artikel oder Kunden. Auf Basis von akkurat berechneten Deckungsbeiträgen können Sortimentsentscheidungen wie Preiserhöhungen, Kostenoptimierungen oder Artikelelimi­nierungen effektiv durchgeführt werden. 

Ein vielfach beobachteter Effekt ist dabei, dass Randartikel oder «Exoten» deutlich weniger profitabel und die «Renner»-Artikel deutlich profitabler sind als originär ausgewiesen und sich in diesen Bereichen daher grosse Potenziale befinden.

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