Nach den Corona-Lockdowns nun der Krieg in der Ukraine und die Energiekrise: Die weltwirtschaftliche Lage wird immer angespannter und die Börsen geben weiter nach. Zwar gab es in den vergangenen zwei Jahren ein starkes Wirtschaftswachstum, das insbesondere durch die Geldpolitik der Zentralbanken ermöglicht wurde, aber der Konflikt in der Ukraine und die dadurch bedingten Lieferengpässe von Nahrungsmitteln und Energie haben dem vorerst ein Ende gesetzt. In einer so schwierigen Lage gibt es aus Anlegerperspektive selten Gewinner. Wie können sich Investoren am besten auf die drohende Rezession einstellen und welche Industrien haben sich in der Vergangenheit als krisenresistent erwiesen?
Nah an einer Rezession
Die immer niedrigeren Prognosen und die ständig steigenden Preise schüren die Befürchtung, dass die wirtschaftliche Erholung nicht nur abflachen, sondern sogar enden könnte und die Wirtschaft erneut in eine Rezession gerät. Technisch gesehen handelt es sich dabei um zwei aufeinanderfolgende Quartale mit negativem Wirtschaftswachstum. In der Schweiz ist eine Entwicklung hin zur Rezession derzeit nicht absehbar. Im ersten Quartal 2022 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hierzulande immerhin wieder um 0,5 Prozent, nachdem es im vierten Quartal 2021 nur um 0,2 Prozent gestiegen war. Somit setzt sich die Erholung der Schweizer Wirtschaft fort.
Die entwickelten Volkswirtschaften, von denen die globalen Prozesse in hohem Masse abhängen, sind aufgrund der hohen Inflation bereits in Schwierigkeiten geraten. In den USA beispielsweise lag der Erzeugerpreisindex im Mai bei 10,8 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit 35 Jahren, während der Index in der Schweiz zum gleichen Zeitpunkt um 6,7 Prozent gestiegen ist – der höchste Stand seit knapp 40 Jahren. Europa könnte aufgrund der steigenden Energiepreise und des Nachfragerückgangs bis Mitte des Herbstes in eine wirtschaftliche Rezession geraten.
Zentralbanken müssen reagieren
Regierungen und Anleger erwarten nun die Reaktionen der Zentralbanken. So hat die Europäische Zentralbank bereits den Leitzins angehoben, wenn auch weniger stark als die Fed, um die Inflation zu bekämpfen. Aber auch die EZB tat sich lange Zeit schwer mit diesem Schritt, weil er zwangsläufig das Wirtschaftswachstum bremst. Dennoch war der Schritt notwendig. Mehr als 60 Zentralbanken auf der ganzen Welt handeln inzwischen in ähnlicher Weise. Neben den Zentralbanken sind auch die politischen Unwägbarkeiten mit einzukalkulieren. Auch die Geopolitik wird eine grosse Rolle spielen, denn die aktuell hohe Inflation ist vor allem auf die hohen Preise für Energie, Rohstoffe und Nahrungsmittel zurückzuführen. Und gerade die Preissteigerungen in diesem Jahr sind stark vom Krieg zwischen Russland und der Ukraine abhängig. Wird der Krieg schnell beendet, könnten sich auch die Rohstoffmärkte schnell wieder entspannen. Zieht er sich hin, werden auch die Inflation und damit das Wirtschaftswachstum leiden.
Zombie-Aktien abstossen
Was sollten Anleger also beachten? Zuerst die Spreu vom Weizen trennen und schwache Unternehmen aus dem Portfolio verbannen. Allgemein spricht man hier von Zombie-Unternehmen, die ihren gesamten Cashflow verwenden müssen, um ihre Schuldenlast zu bedienen, und daher keine liquiden Mittel für Wachstum oder neue Investitionen vorhalten können. Im schlimmsten Fall können Zombies noch nicht einmal mehr die eigene Zinslast aus eigenen Mitteln bestreiten und es werden externe «Finanzspritzen» wie eine Kapitalerhöhung nötig. In einem ersten Schritt sollten Investoren die Zombies aus ihrem Portfolio schnellstmöglich entfernen, da die Wahrscheinlichkeit eines Konkurses recht hoch ist.
Lebensmittelaktien spannend
Eigentlich gibt es in Rezessionen keine Gewinner, aber manche Sektoren trifft es weniger hart als andere. Unabhängig von der wirtschaftlichen Lage werden Menschen zum Beispiel immer Lebensmittel kaufen müssen. Es mag zwar sein, dass ein Lebensmittelkonzern aufgrund des allgemein vorherrschenden Pessimismus und der negativen Grundhaltung des Markts auch einen kleinen Abschwung in Kauf nehmen muss, aber die Chancen einer Pleite sollten bei gut integrierten Konzernen sehr gering ausfallen. Hier dürften Anleger zuversichtlicher bleiben.
Ein gut geführtes, vertikal integriertes Unternehmen, welches eine starke Performance in diesem Sektor aufweist, ist Fresh Del Monte (FDM), ein Händler von Obst und Gemüse. Über 43 Prozent der produzierten Waren werden bei diesem Konzern auf Feldern angebaut, die das Unternehmen direkt kontrolliert. Dabei ist die Aktie derzeit noch unterbewertet und unsere Analysten gehen hier von einem Kursaufschwung von bis zu 40 Prozent aus.
Ein Sektor, der eine Rezession traditionell besser übersteht als andere, ist auch die Energieversorgungsindustrie. Strom ist ein unelastisches Gut, auf das Menschen angewiesen bleiben. Doch durch die gegenwärtigen Konflikte, die zu Lieferengpässe bei fossilen Energieträgern führen, steigen die Preise für die Stromerzeugung und -versorgung. Ein hoher Energie- oder Ölpreis führt dazu, dass Unternehmen nach alternativen Stromquellen suchen, Investitionen in erneuerbare Energien verhältnismässig günstiger erscheinen und eine lokalere und damit eine Versorgung unabhängig von der politischen Lage versprechen.
Risikoallokation ein Muss
Das Allerwichtigste im derzeitigen Marktumfeld ist allerdings ein vernünftiges Risikomanagement und nicht, das gesamte Kapital in wenige Aktien zu stecken. Es ist besser, im Voraus festzulegen, welchen Anteil des Gesamtkapitals man für eine Anlage allokieren möchte, und mindestens drei bis vier Einstiegspunkte zu bestimmen, um einen geeigneten Punkt zum Kauf zu finden.
Während einer Rezession lassen sich teilweise sehr günstig branchenübergreifende Portfolios aufbauen, denn gerade straft die Börse Technologie hart ab, wobei viele der Amazons, Googles oder Alibabas aufgrund ihrer marktbeherrschenden Stellung langfristig weiterhin attraktive Investments bleiben. Wer zurzeit auf genügend Kapital sitzt und dieses nicht kurzfristig benötigt, der kann in den kommenden Monaten in unterbewertete Marktteilnehmer investieren und dabei eine ausgewogene Portfoliostruktur beibehalten.