Editorial

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Aus der Realität gefallen

Die Grenzen zwischen virtueller Realität (VR) und echter Realität verschwimmen zusehends. Wobei – Warum eigentlich soll Virtualität eine ­Realität sein?

Die Grenzen zwischen virtueller Realität (VR) und echter Realität verschwimmen zusehends. Wobei – Warum eigentlich soll Virtualität eine ­Realität sein? Denn auch wenn die Anzahl der Realitäten wissenschaftlich nicht geklärt ist, ist die virtuelle, wenn auch eine dreidimensionale, so doch nicht mehr als eine synthetische Welt. Sogenannte immersive Technologien, Virtual Reality und Augmented Reality, sind dabei in der Lage, die Wirklichkeit virtuell abzu­bilden und ermöglichen es, digitale Objekte in die physische Umgebung zu integrieren. 

Mixed Reality (MR), die Verbindung und das nahtlose Wechseln zwischen physischer und digitaler Welt durch Sensorik, Renderings – also das Umwandeln von 3D-Modellen in fotorealistische Bilder – und Interaktionen, eröffnet ein enormes posi­tives ­Potenzial. Erheblicher Nutzen zeigt sich schon heute vor allem in den Be­reichen Gesundheit, Industrie, Handel, Bildung und Alltag. So vielfältig wie der Nutzen ist auch die Kehrseite dieser Entwicklung. Zwar kann MR ein effizientes Behandlungstool für die Therapie psychischer Störungen sein, jedoch neben Cybersickness, wie Übelkeit und Gleich­gewichtsstörungen, auch dissoziative Symptome hervorrufen. So etwa eine sogenannte Derealisation, ein Unwirklichkeitsgefühl in Bezug auf die Umwelt.

Ein weiteres Phänomen verschärft die Entwicklung hin zu einer Welt, in der es immer schwieriger wird, zu differenzieren, was durch KI generiert oder menschlichen Ursprungs ist – und was Wahrheit oder Fake ist. Der sogenannte KI-Slop bezeichnet minderwertige, massenhaft produzierte KI-generierte Inhalte, die das Internet zunehmend überschwemmen und die auch in MR-Umgebungen eingebettet werden können. Brillant in Szene gesetzte KI-Agenten sorgen für eine Verdummung der Konsumenten oder manipulieren auf einem Niveau, dem kaum beizukommen ist. ­

In der Folge sind der Daten- und Persönlichkeitsschutz als gewaltige Herausfor­derung anzunehmen. Dabei ist mit politisch motivierten regulatorischen Eingriffen zurückhaltend umzugehen. Für Unternehmen ist es essenziell, Qualitätskontrollen, Transparenz und verantwortungsvolle Entwicklung voranzustellen. Um vom KI-Schrott oder -«Crap» nicht überwältigt zu werden und vollends aus der Realität zu fallen, braucht es neben (technischen) Gegenmassnahmen auch Gegenbewegungen wie alternative Plattformen, die menschliche Kreativität und Authentizität präsentieren oder schlicht mehr Raum für Offline-Erlebnisse geben.

P.S.: Mehr zum Thema KI-Slop in der Ausgabe Nr. 01-02/2025 Ausgabe.

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