Für Kunden ist der Zugang zu einer Dienstleistung wichtiger als Eigentum. Für viele Menschen ist das eine Frage der Flexibilität und Vielfalt der Möglichkeiten. Andere Argumente sind Bequemlichkeit, die Verhältnismässigkeit der Anschaffung oder Nachhaltigkeit. Der Trend Abonnement statt Kauf hat deshalb mittlerweile Branchen erfasst, bei denen man es nicht auf den ersten Blick vermuten würde. Sogar Industrie-Unternehmen wie Man, Siemens, Philips, Caterpillar und Saint-Gobain haben bereits Subscription-Modelle entwickelt und erfolgreich eingeführt.
Abo statt Kauf
Aktuell zeigt sich zudem, dass Unternehmen mit agilen Abomodellen widerstandsfähiger gegen unvorhergesehene Ereignisse, wie etwa die Corona-Pandemie, sind. Wiederkehrende Einnahmen und die Möglichkeit, dynamisch auf Veränderungen im Kundenverhalten zu reagieren, steigern die Resilienz und die Wettbewerbsfähigkeit. Aber auch ohne Krise bietet die Subscription Economy gewinnbringende Business-Modelle für Dienstleister und Hersteller – doch diese müssen ihr Business dafür erst einmal umstellen. «Diese Umstellung ist eine echte Herausforderung und bedeutet mehr als die blosse Entscheidung, nun Abonnements anstelle von Produkten zu verkaufen», erklärt Mohamed Beshir, Director Salesforce Life Science Accenture mit viel Erfahrung im Changemanagement. Unternehmen müssen ihre Abläufe komplett neu erfinden – vom Marketing und Vertrieb über die Buchhaltung bis zur IT.
Vorteile agiler Abo-Modelle
«Beim klassischen Geschäftsmodell geht es um den Abverkauf von Waren beziehungsweise die Erstellung einzelner Dienstleistungen. Es gibt kaum Berührungspunkte zwischen dem Verkäufer und dem Käufer», verdeutlicht Frank Föge, Zuora Country Manager Deutschland und Österreich. Mit dem Kauf bestätigt der Kunde, dass der Verkäufer ihn mit dem Produkt überzeugt hat. Doch selbst wenn ein Kunde zwei Mal kauft, weiss niemand, was zwischen den Käufen passiert. Seit einigen Jahren verschiebt sich daher der Fokus von einzelnen Produkten und Dienstleistungen hin zum Kunden. Dadurch rückt der Customer Lifetime Value deutlich mehr in den Mittelpunkt der unternehmensstrategischen Entscheidungen.
Die entscheidende Frage, um neue Produkte beziehungsweise Dienstleistungen zu positionieren, ist demnach nicht mehr in erster Linie «Wie gewinnen wir neue Kunden?» oder «Wie können wir Bestandskunden halten?», sondern «Wie erhöhen wir das Wertempfinden und die Zufriedenheit des Kunden?».
Um einen Business Case zu entwickeln, der den Kundenwert erhöht, sind agile Abo-Modelle besonders geeignet, weil Kunden dadurch die Produkte und Dienstleistungen eines Unternehmens regelmässig nutzen. Die offensichtlichen Vorteile solcher Subscriptions sind wiederkehrende Einnahmen und infolgedessen eine stabiler kalkulierbare Auslastung sowie langfristige Kundenbeziehungen. Grosse Mengen an aussagekräftigen Daten sind die ausschlaggebenderen Argumente, denn Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts.
Mehr Kundeninformationen
Zwar sind Marketing-Tools in der Lage, die Customer Journey bis zu dem Punkt wunderbar abzubilden, an dem sich ein Kunde für ein Produkt entscheidet – inklusive aller Berührungspunkte mit der Marke, dem Produkt oder der Dienstleistung.
Bei einem agilen Abo wissen wir jedoch zusätzlich, was nach dem Erwerb passiert, das heisst: Wie nutzt der Kunde das Produkt beziehungsweise den Service. Gegebenenfalls erfahren wir sogar, wann und wie lange, wo, wie genau und welche Funktionen am wichtigsten sind oder welche ungenutzt bleiben. So ermöglicht die Subscription Economy eine dynamische Anpassung des Produkts oder der Dienstleistung sowie der strategischen Kommunikation. Deutlich wird das am Erfolg von Unternehmen wie Tesla. Traditionell fehlte der Automobilindustrie der direkte Zugang zu ihren Kunden, weil sie das weitestgehend den Autohändlern überlassen hatte. Tesla hat eine vollkommen andere Vertriebsstrategie und fertigt vornehmlich nicht mehr Pkw, sondern grosse, fahrende Computer, die mit Services vollgepackt sind. Infolgedessen lernt das Unternehmen aus der Analyse der Daten extrem schnell, was die Kunden wünschen, und reagiert entsprechend darauf.
Schritte zur Einführung
«Die Umstellung des Geschäftsmodells ist etwas anderes, als einzelne Geschäftsbereiche zu optimieren», erklärt Mohamed Beshir. «Die Unternehmen müssen lernen, agil zu handeln, und eine Bereitschaft entwickeln, auch mal kleine Fehler zu machen. Im Anschluss suchen sie nach dem Optimum und verbessern die Prozesse und Produkte so lange, bis alle Fehler behoben sind.» Diese neuen Geschäftsmodelle müssen dabei zunächst strategisch verankert und schliesslich top-down implementiert werden.
Die Einführung von Subscriptions lässt sich in vier Schritte unterteilen: das richtige Geschäftsmodell wählen, die interne Umstellung implementieren, das Kundenerlebnis gestalten und die Vorgehensweise der Einführung bestimmen.
Das richtige Geschäftsmodell wählen
Bevor sich Unternehmen jedoch entscheiden, wie sie es umsetzen, muss bestimmt werden, welches Geschäftsmodell am besten zu ihnen passt und wie es genau umzusetzen ist – sprich, wie lässt sich das individuelle Angebot in ein Subscription-Modell transferieren und monetarisieren? Je nach Business können die Subscription- und Abrechnungs-Modelle dabei ganz unterschiedlich ausfallen. In der Marketing-Fachliteratur findet man hierfür zahlreiche Beispiele:
Nachschub-Abonnements beispielsweise liefern regelmässig Verbrauchsgüter. Bei einer Clubmitgliedschaft erhält der Kunde Zugang zu exklusiven Inhalten oder Services. Zahlt er nur bei tatsächlicher Nutzung des Angebots, spricht man von gebrauchsabhängigen Abonnements. Miet-Abonnements bieten sich bei einer langfristigen Nutzung und hoher Flexibilität wie etwa Office 365 oder der Adobe Creative Cloud an.
Auch bei der Abrechnung haben die Unternehmen einige Varianten zur Auswahl, etwa die nutzungsbasierte Abrechnung, wie beim klassischen Telefonieren – im Gegensatz zur nutzerbasierten Abrechnung mit einer Telefonflatrate. Unternehmen können die Abrechnung unterschiedlich staffeln. Sie können einen kostenlosen Tarif anbieten, den Kunden upgraden können, oder sie entscheiden sich für eine Mischform aus unterschiedlichen Bezahlmodellen.
Das sind alles Beispiele, die auch anders gestaffelt, bezeichnet oder kombiniert werden können. «Bei der Frage nach dem passenden Abo-Modell oder der Abrechnungsart gibt es kein richtig oder falsch, kein besser oder schlechter», sagt Frank Föge. Es komme auf das Produkt oder die angebotenen Dienstleistungen an, so Föge. Und natürlich darauf, was den Kunden einen Mehrwert bietet. Eine Subscription ist immer individuell, und es kann viele, sich mitunter sehr agil entwickelnde Varianten eines solchen Angebots geben. Grundsätzlich startet jedes Unternehmen, das Produkte und Services noch klassisch absetzt, von einer ähnlichen Position und kann von dort aus zwei Handlungsfelder bearbeiten sowie als dritte Variante beide Handlungsfelder kombinieren.
Das erste Handlungsfeld ist die Business-Transformation mit der Aufgabe, die Produktangebote neu zu paketieren, beispielsweise können benötigte Verbrauchsmaterialien als Nachschubsabo oder Verbrauchsabo zusätzlich angeboten werden. Philips bietet beispielsweise für seine elektrischen Zahnbürsten auch Zahnbürstenköpfe als Subscription. Ebenfalls bekannte Beispiele sind Druckertinte oder Kontaktlinsen im Abo.
Das zweite Handlungsfeld ist die technologische Transformation. Hier lassen sich über Nutzer- und Nutzungsdaten neue Mehrwerte generieren. Maintenance-Services sind hier ein grosses Anwendungsfeld. Caterpillar nutzt so die Nutzungsdaten seiner Baumaschinen, um die Zuverlässigkeit seiner Fahrzeuge zu optimieren. Das Unternehmen stellt seinen Kunden diese Daten zur Verfügung, um die Auslastung ihres Fuhrparks verbessern zu können. Kombiniert man beide Handlungsfelder, ergeben sich nochmals neue Geschäftsmodelle mittels Subscriptions, sogenannte As-a-Service-Dienste, die Kundenerfahrungen und Kundennutzen in den Vordergrund stellen. Caterpillar beispielsweise bietet für seine Baumaschinen auch eine Abrechnung nach Arbeitsleistung an. Bezahlen Bauunternehmen ihre Bagger nach geleisteter Erdarbeit, entfallen Investitionen in den Maschinenpark (CAPEX) und Kosten werden ausschliesslich projektorientiert als variable Betriebskosten gehandhabt und über Zuschlagskalkulation mit dem Endkunden abgerechnet (OPEX).