«Deutschland, Österreich und die Schweiz haben die Digitalisierung in vielen Bereichen verschlafen.» Diese Aussage hört man oft. Die DACH-Region hinke wie viele andere Länder in West- und Südeuropa im Digitalbereich technologisch hinterher, und ihre digitale Wirtschaft liege weit hinter der von Ländern wie den USA, China und Südkorea zurück.
Das stimmt nur halb. In der ersten Phase der Digitalisierung, in der die neue digitale Infrastruktur geschaffen wurde, liegen zwar internationale Konzerne wie Microsoft, Google, Amazon und Alibaba weit vorne. Doch in der nächsten Phase der Digitalisierung kann die Wirtschaft im deutschsprachigen Raum ihre Stärken ausspielen – und zwar dort, wo sie traditionell am erfolgreichsten ist: in Nischenmärkten. In ihnen können mittelständische Unternehmen in den kommenden Jahren hochprofitable Geschäfte aufbauen.
Viele Digitalisierungsnischen
Doch welche Märkte sind das? Unter anderem die Branchen, in denen die Organisationen auch nach knapp 30 Jahren der Digitalisierung noch weitgehend nach den analogen Prinzipien der 1990er-Jahre arbeiten. Ein Paradebeispiel hierfür ist die öffentliche Verwaltung, wie die Corona-Pandemie gerade zeigt. Aber auch in der privaten Wirtschaft lässt sich eine schier endlose Zahl potenzieller lukrativer Nischenmärkte identifizieren. Davon ist etwa Dr. Jens-Uwe Meyer, der Vorstandsvorsitzende der Innolytics AG, Leipzig (D) überzeugt. So zum Beispiel, wenn man als Anbieter im Digitalbereich sein Augenmerk auf Themenfelder wie die Anlagensteuerung, das Ideenmanagement oder – ganz aktuell – den Infektionsschutz richtet. Oder wenn man sich auf ausgewählte Zielgruppen wie Unternehmen mit einer Filialstruktur oder einem sehr hohen Personalkostenanteil spezialisiert. Oder wenn man sich im Bereich Logistik auf Unternehmen spezialisiert, die beim Warentransport besondere Auflagen und gesetzliche Vorschriften beachten müssen.
Die Zahl der möglichen Digitalisierungsnischen ist unendlich. Das eröffnet in den nächsten Jahren hochspezialisierten Unternehmen die Chance, digitale Hidden Champions zu werden. Genau diese Strategie verfolgt die Innolytics AG. Sie hat sich auf die Fahne geschrieben, den Markt für Managementsysteme zu verändern. Heute entwickelt das Unternehmen Software für solche Bereiche wie das Ideen-, Wissens- und Risikomanagement. Mit seinen digitalen Lösungen hilft es mittelständischen Unternehmen, komplexe Anforderungen von Normen wie ISO 9001 (Qualitätsmanagement) einfacher zu erfüllen.
Doch das ist erst der Anfang. In diesem Jahr wird das Unternehmen einen Schritt weiter gehen und die Erfüllung dieser Normen durch Algorithmen zertifizieren lassen. «Dann wird es für viele mittelständische Unternehmen erstmals möglich, sich den bislang teuren und komplizierten Zertifizierungsprozess zu leisten», erklärt Meyer. «Das wird den Markt der Zertifizierung von Managementsystemen nachhaltig verändern.»
Hohe Umsätze, geringe Kosten
Vermutlich wissen die wenigsten, dass es einen weltweiten Milliardenmarkt für Managementsysteme gibt. Und wahrscheinlich haben auch die wenigsten noch nie etwas von der Innolytics AG gehört. Kein Wunder, denn wie viele der künftigen digitalen Hidden Champions strebt das Unternehmen nicht danach, ein Weltmarktführer wie Microsoft zu werden. Es will auch nicht, wie Uber die Welt der Mobilität verändern. Es möchte vielmehr «hochprofitable digitale Nischen besetzen und in ihnen mittelfristig Millionenumsätze machen, bei im Vergleich zu traditionellen Unternehmen geringen Kosten», wie Meyer betont.
Eine solche Nische ist die Implementierung und Digitalisierung von Managementsystemen. «Allein in Deutschland sind aktuell knapp 50 000 ISO-9001-Zertifikate erteilt», erklärt Meyer. «Legt man durchschnittliche Zertifizierungskosten von 20 000 Euro zugrunde, liegt das Marktvolumen heute bereits alleine in Deutschland bei einer knappen Milliarde Euro – in der DACH-Region entsprechend höher.»
Die Strategie von Innolytics besteht nicht darin, den klassischen Zertifizierern Kunden abzujagen, sondern es den knapp vier Millionen KMU, also Klein- und Mittelunternehmen, zu ermöglichen, sich einfach und preiswert zertifizieren zu lassen. «Unsere Vision ist es, die ISO-Zertifizierung von Managementsystemen für alle Unternehmen erschwinglich zu machen», erklärt Meyer. Dieser digitale Markt ist im Vergleich zum Markt von Amazon zwar klein, doch dafür ist er – wie fast alle Nischenmärkte – bei Weitem nicht so umkämpft wie zum Beispiel der E-Commerce. In den Online-Handel strebten in den vergangenen Jahren viele Start-ups und Konzerne mit der Vision, entweder ein Einhorn zu werden oder dort wie Amazon oder Airbnb ein Quasi-Monopol zu schaffen.
Nischen wie die Zertifizierung von Managementsystemen blieben hingegen, «zumindest bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie, von diesem digitalen Wettbewerb praktisch komplett verschont», betont Prof. Dr. Georg Kraus, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner, Bruchsal. Erst allmählich findet auch in ihnen ein Erwachen beziehungsweise Umdenken statt.
Das «Innovator’s Dilemma»
Dr. Jens-Uwe Meyer, der CEO von Innolytics, nennt dafür einen Grund: «Die Unternehmen, die in solchen Märkten erfolgreich waren, hatten – zumindest bis zum Ausbruch der Pandemie – wenig Interesse daran, ihre bestehenden Geschäftsmodelle zu kannibalisieren. Sie lebten, wie zum Beispiel fast alle Unternehmensberater und die meisten Industriedienstleister, sehr gut von ihren Beraterhonoraren und teuren analogen Lösungen.» Folglich bestand für sie kein Anlass, sich unter Nutzung der modernen Informations- und Kommunikationstechnik smartere und eventuell preisgünstigere Problemlösungen zu überlegen.
Die Unternehmen, die aktuell in solchen Märkten tätig sind, werden durch das ausgebremst, was der US-Wissenschaftler Clayton M.Christensen das «Innovator’s Dilemma» nennt: Sie wissen zwar, dass eine grundlegende digitale Transformation in ihrem Markt mittel- bis langfristig vermutlich unumgänglich ist, doch sie wollen ihre gewohnten und lukrativen Geschäftsmodelle nicht selbst zerstören. Also verteidigen sie diese so lange wie möglich – ähnlich wie dies viele Banken und Autohersteller taten.