Problembereiche
Konkurrenzdenken und Finanzierung
Viele dieser Herausforderungen könnten die KMU und die Systemhäuser gemeinsam meistern, wenn sie sich zu flexiblen kooperierenden Netzwerken zusammenschliessen würden. Doch das Konkurrenzdenken und die Angst, wertvolles Know-how an andere zu verlieren beziehungsweise Daten preiszugeben, verhindern solche Kooperationen. Kommt hinzu, dass die meisten KMU wohl zu wenig Ressourcen haben, die vielen unterschiedlich spezialisierten IT-Dienstleister so zu koordinieren, dass die Transformationsprozesse gelingen.
Des Weiteren wird die Finanzierung grösserer Transformationsprojekte zum Problem, da solche Projekte für Banken mit grösseren Unsicherheiten verbunden sind. So meint Georg Gerdes, Mitglied der Fachgruppe Finanzierung-Rating der KMU-Berater: «Das Problem aus Bankensicht ist die Struktur der Investitionskosten, die in hohem Masse sogenannte ‹weiche Kosten› beinhalten, zum Beispiel für Strategie-Entwicklung, Software, Mitarbeiterschulungen.»
Patriarchalische Unternehmens- und Führungskultur
Weitere Gründe, warum die Digitalisierungsbemühungen bisher nicht sonderlich erfolgreich waren, liegen in der eher patriarchalischen Unternehmenskultur vieler KMU: Die Chefs wollen alle Entscheidungen selbst treffen. Zugleich haben sie Angst, dass sie die Kontrolle verlieren, da durch die digitalen Technologien und Methoden eine offene Partizipation der Mitarbeiter möglich ist.
Zudem: Viele zögern, sich für Kooperationen mit anderen KMU zu öffnen, aus Angst, Märkte und Kunden zu verlieren, besonders wenn ihre Kompetenzen schnell kopierbar und sie in einem kleineren, damit gefährdeten Marktsegment tätig sind.
Entwicklungsmassnahmen
Was muss geschehen, um trotz der Stolpersteine die digitale Transformation voranzubringen? Die folgenden Massnahmen werden in der Literatur (siehe Box «Literatur»: Scholz 2021a und Scholz 2021b) ausführlich beschrieben:
Massnahme 1 – IoT und Datenanalytik
Produktions- und Geschäftsprozesse der Wertschöpfungskette basieren auf digitalen Technologien und datenanalytischen Fähigkeiten und vernetzen sich zunehmend. KMU müssen traditionelle Kernkompetenzen in eine datenbasierte, vernetzte IoT-Welt transformieren und sich aktiv in kooperativen KMU-Netzwerken engagieren, um an der Wertschöpfung digitaler Netzwerke zu partizipieren.
Massnahme 2 – Produktions- und Wertschöpfungsnetzwerke
Bedingt durch Industrie 4.0 entsteht eine technische Vernetzung, die zur informatorischen und organisatorischen Vernetzung führt und ein Denken in Netzwerken und Kooperationen erfordert. Diese Ebenen müssen verstanden werden, um tragfähige Geschäftsmodelle (weiter)zu entwickeln, die eigene Position im Wertschöpfungsnetz neu zu definieren und dadurch existierende Abhängigkeiten zu vermeiden.
Massnahme 3 – Online-Plattformen
KMU werden immer abhängiger von den grossen Plattformanbietern. Das Problem: Sie können ihre spezifischen Kompetenzen und ihre Innovationsfähigkeit nur mithilfe einer hohen Digitalkompetenz ausspielen. Darum müssen sie eigene Plattformen gründen und Kooperationen eingehen.
Massnahme 4 – Cloud
KMU sind oft von Cloud-Anbietern abhängig. Wechselkosten verstärken die Abhängigkeit. Daher sollten die KMU verstärkt Digitalkompetenzen zur Entwicklung eigener Cloud-Strategien aufbauen.
Massnahme 5 – Organisationswandel
Digitalisierung erhöht die Komplexität der Unternehmen. Hierarchische Organisationsformen stossen an ihre Grenzen. Datenmanagement und die digitale Abbildung von Produktions- und Dienstleistungsprozessen führen zu ungewohnter Transparenz. Es braucht einen Kulturwandel, um Kooperationen einzugehen und Mitarbeiter-Partizipation sowie flexible Organisationsformen zu ermöglichen. Überforderte Unternehmen benötigen diesbezüglich die professionelle Unterstützung von externen Dienstleistern.
Massnahme 6 – Mitarbeiterqualifikation
KMU sind gefordert, neue Kompetenzen aufzubauen und Strukturen zu verändern. Dies scheitert oft am industriell geprägten Mindset, an fehlenden Ressourcen sowie an der oft nicht vorhandenen Unterstützung durch interne HR-Abteilungen. Wiederum wäre die externe Unterstützung durch Netzwerke eine Lösung. Hinzukommen müssen finanziell tragbare Fort- und Weiterbildungsmassnahmen.