Digitalisierung & Transformation

Unternehmensprozesse

Hürden und Massnahmen für den Digitalisierungsprozess

Die Digitalisierung hat einen grundlegenden Wandel vieler Bereiche zur Folge, der Vorteile, aber auch unbeabsichtigte und unerwünschte Nebenwirkungen nach sich zieht. Ein Forschungsprojekt hat daher auch auf KMU ausgerichtete Orientierungen für einen Umgang mit den negativen Wirkungen der Nutzung digitaler Daten erarbeitet.
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Die Nachhaltigkeitsforschung steht vor der Herausforderung, die unbeabsichtigten Nebenwirkungen der digitalen Transformation zu identifizieren und Strategien zu entwickeln, die Gesellschaft und Wirtschaft einen angemessenen Umgang mit diesen unerwünschten Effekten ermöglichen. Dies gilt insbesondere für KMU im B2B-Bereich. 

Unerwünschte Nebenwirkungen

Die folgenden Ausführungen basieren auf dem Forschungsprojekt «Verantwortungsvolle Nutzung digitaler Daten als Gegenstand eines transdisziplinären Prozesses» (DiDaT). Das Projekt hat zum Ziel, Nebenwirkungen der Digitalisierung zu identifizieren, zu analysieren und dazu Gestaltungsvorschläge zu erarbeiten. In dem transdisziplinären Prozess haben Fachleute aus Wissenschaft und Praxis exemplarisch für die Bereiche Mobilität, Gesundheit, Landwirtschaft, Zukunft kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) sowie Nutzung sozialer Medien relevante unerwünschte Folgen der Nutzung digitaler Daten – sogenannte «Unseens» – identifiziert und Orientierungen für den Umgang damit entwickelt. Die Ergebnisse von DiDaT sind in einem Weissbuch zusammengefasst. 

Dieser Beitrag fokussiert den Bereich KMU. Die damit verbundenen Erhebungen und Ableitungen beziehen sich auf den deutschen Markt, sind jedoch durchaus für Schweizer KMU zu adaptieren.

Das Selbstverständnis der KMU

In Deutschland, wie auch der Schweiz, liegen bei KMU Eigentum, Leitung und Haftung traditionell in einer Hand. «Regionale Verwurzelung, Kontinuität, Denken in Generationen und ein verantwortungsvoller Umgang mit Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern sind charakteristisch für den Mittelstand, der mehr als 80 Prozent aller Ausbildungsplätze stellt und damit die Verantwortung für die Fachkräfte von morgen übernimmt», formuliert der Bundesverband mittelständischer Wirtschaft e.V. (www.bvmw.de/themen/mittelstand/zahlen-fakten/). KMU spielen somit eine wichtige Rolle für die Volkswirtschaft und für die Gesellschaft insgesamt.

Angesichts des Selbstverständnisses erstaunt es, dass KMU in der Digitalisierung hinterherhinken, wie Studien belegen. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW 2019) nennt die Digitalisierung in mittelständischen 
Unternehmen in Deutschland «stark aus­baufähig». Und Barbara Engels, Economist für Strukturwandel und Wettbewerb beim Institut der Wirtschaft (IW) Köln, spricht von einer «Angst vor der Veränderung» und fordert einen «Mentalitätswandel».

Probleme bei der Digitalisierung trotz günstiger Voraussetzungen: Woran liegt das? Und wie kann es trotzdem gelingen, die digitale Transformation in ein günstiges Fahrwasser zu lenken? Zunächst einmal: Welche Stolpersteine behindern die digitale Transformation?

Nachholbedarf

Anstatt in die Digitalisierung zu investieren, scheinen sich KMU auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen. Zwar hat die Coronakrise Digitalisierungsprojekte beschleunigt. Diese betreffen aber vorwiegend Anschaffungen von Endgeräten für Homeoffices und sind eher Fluchtbewegungen auf Plattformen und in die Cloud, meist ohne eine wirkliche digitale Transformation, also ohne Anpassungen von Prozessen und Strukturen oder gar Veränderungen in der Unternehmens- und Führungskultur.

Wahrscheinlich hat das «Hinterherhinken» mit dem Mangel an IT-Fachkräften zu tun. Zusätzlich gibt es zu wenig Unterstützung durch IT-Systemhäuser, die aus wirtschaftlichen Gründen oft lieber mit grösseren Unternehmen in grösseren Projekten zusammenarbeiten. Und in den KMU sind die IT-Mitarbeitenden oft vollauf damit beschäftigt, die bestehenden IT-Systeme in Gang zu halten, ohne über die Qualifikationen (etwa KI, Robotic Process Automation, Virtual Reality) zu verfügen, die für die Digitalisierung gebraucht werden. Ausserdem fehlt es an Know-how bezüglich der Umsetzung des Change- beziehungsweise Transforma­tionsmanagements. Und auch hier mangelt es an der Unterstützung durch die IT-Systemhäuser.

Problembereiche

Konkurrenzdenken und Finanzierung

Viele dieser Herausforderungen könnten die KMU und die Systemhäuser gemeinsam meistern, wenn sie sich zu flexiblen kooperierenden Netzwerken zusammenschliessen würden. Doch das Konkurrenzdenken und die Angst, wertvolles Know-how an andere zu verlieren be­ziehungsweise Daten preiszugeben, verhindern solche Kooperationen. Kommt hinzu, dass die meisten KMU wohl zu wenig Ressourcen haben, die vielen unterschiedlich spezialisierten IT-Dienstleister so zu koordinieren, dass die Transformationsprozesse gelingen.

Des Weiteren wird die Finanzierung grös­serer Transformationsprojekte zum Problem, da solche Projekte für Banken mit grösseren Unsicherheiten verbunden sind. So meint Georg Gerdes, Mitglied der Fachgruppe Finanzierung-Rating der KMU-Berater: «Das Problem aus Bankensicht ist die Struktur der Investitionskosten, die in hohem Masse sogenannte ‹weiche Kosten› beinhalten, zum Beispiel für Strategie-Entwicklung, Software, Mitarbeiterschulungen.»

Patriarchalische Unternehmens- und Führungskultur

Weitere Gründe, warum die Digitalisierungsbemühungen bisher nicht sonderlich erfolgreich waren, liegen in der eher pa­triarchalischen Unternehmenskultur vieler KMU: Die Chefs wollen alle Entscheidungen selbst treffen. Zugleich haben sie Angst, dass sie die Kontrolle verlieren, da durch die digitalen Technologien und Methoden eine offene Partizipation der Mitarbeiter möglich ist. 

Zudem: Viele zögern, sich für Koopera­tionen mit anderen KMU zu öffnen, aus Angst, Märkte und Kunden zu verlieren, besonders wenn ihre Kompetenzen schnell kopierbar und sie in einem kleineren, damit gefährdeten Marktsegment tätig sind.

Entwicklungsmassnahmen 

Was muss geschehen, um trotz der Stolpersteine die digitale Transformation voranzubringen? Die folgenden Massnahmen werden in der Literatur (siehe Box «Literatur»: Scholz 2021a und Scholz 2021b) ausführlich beschrieben:

Massnahme 1 – IoT und Datenanalytik

Produktions- und Geschäftsprozesse der Wertschöpfungskette basieren auf digitalen Technologien und datenanalytischen Fähigkeiten und vernetzen sich zunehmend. KMU müssen traditionelle Kernkompetenzen in eine datenbasierte, vernetzte IoT-Welt transformieren und sich aktiv in kooperativen KMU-Netzwerken engagieren, um an der Wertschöpfung digitaler Netzwerke zu partizipieren.

Massnahme 2 – Produktions- und Wertschöpfungsnetzwerke

Bedingt durch Industrie 4.0 entsteht eine technische Vernetzung, die zur informatorischen und organisatorischen Vernetzung führt und ein Denken in Netzwerken und Kooperationen erfordert. Diese Ebenen müssen verstanden werden, um tragfähige Geschäftsmodelle (weiter)zu entwickeln, die eigene Position im Wertschöpfungsnetz neu zu definieren und dadurch existierende Abhängigkeiten zu vermeiden.

Massnahme 3 – Online-Plattformen

KMU werden immer abhängiger von den grossen Plattformanbietern. Das Problem: Sie können ihre spezifischen Kompetenzen und ihre Innovationsfähigkeit nur mithilfe einer hohen Digitalkom­petenz ausspielen. Darum müssen sie eigene Plattformen gründen und Kooperationen eingehen.

Massnahme 4 – Cloud

KMU sind oft von Cloud-Anbietern abhängig. Wechselkosten verstärken die Abhängigkeit. Daher sollten die KMU verstärkt Digitalkompetenzen zur Entwicklung eigener Cloud-Strategien aufbauen.

Massnahme 5 – Organisationswandel

Digitalisierung erhöht die Komplexität der Unternehmen. Hierarchische Organisationsformen stossen an ihre Grenzen. Datenmanagement und die digi­tale Abbildung von Produktions- und Dienstleistungsprozessen führen zu ungewohnter Transparenz. Es braucht  einen Kulturwandel, um Kooperationen ein­zugehen und Mitarbeiter-Partizipation sowie flexible Organisationsformen zu ermöglichen. Überforderte Unternehmen benötigen diesbezüglich die professionelle Unterstützung von externen Dienstleistern.

Massnahme 6 – Mitarbeiterqualifikation

KMU sind gefordert, neue Kompetenzen aufzubauen und Strukturen zu verändern. Dies scheitert oft am industriell geprägten Mindset, an fehlenden Ressourcen sowie an der oft nicht vorhandenen Unterstützung durch interne HR-Abteilungen. Wiederum wäre die externe Unterstützung durch Netzwerke eine Lösung. Hinzukommen müssen finanziell tragbare Fort- und Weiterbildungsmassnahmen.

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