45 Millionen Suchergebnisse spuckt Google aus, wenn «Digitale Transformation» als Begriff eingegeben wird. Kein Wunder: Der Wandel der Wirtschaft beschäftigt jedes Unternehmen und alle Branchen. Während es an vielversprechenden Prognosen und Studien nicht mangelt, macht sich in manchen Unternehmen dennoch eine gewisse Verunsicherung breit. Auf der einen Seite stellt sich die grundsätzliche Frage, wohin die Reise geht und wie sich die Organisation nicht zuletzt durch die Coronakrise und den Krieg in der Ukraine verändern wird.
Auf der anderen Seite fehlt in jenen Unternehmen, bei denen der Druck zum Wandel im Moment noch etwas geringer ist, die Einsicht, dass etwas getan werden muss. Das Tagesgeschäft ist – auch nicht zuletzt aufgrund des wirtschaftlichen Ausnahmezustands der letzten beiden Jahre – anstrengend genug, um sich auch noch mit der Transformation beschäftigen zu können. Gleichzeitig sind gerade wegen der Coronakrise viele Unternehmen gezwungen, neue digitale Geschäftsmodelle und digitale Wege der Kundengewinnung zu erschliessen.
Sechs Bereiche im Fokus
Auf dem Weg zur unternehmerischen Digitalwerdung gibt es nämlich sechs ganz wesentliche Bereiche, die Führungskräfte – unabhängig von Wirtschaftsraum oder Branche – besonders im Auge haben sollten, weil sie über ihren künftigen Erfolg oder Misserfolg entscheiden:
Den Kunden kennen
Zu wissen, wie die eigenen Kunden ticken, was sie sich jetzt und in Zukunft wünschen und wie sie Produkte gerne kaufen, zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Informationen, die ein Unternehmen überhaupt haben kann. In Zeiten von Digitalisierung, Transformation und Disruption ganzer Märkte gewinnen die Daten über das zukünftige Verhalten von Kunden noch mehr an Bedeutung. Das wissen auch die Unternehmen. Deshalb haben die meisten von ihnen auch ausgeklügelte Customer-Behavior-Analyse-Tools im Einsatz, die ihnen dabei helfen sollen, ihre Kunden noch besser zu verstehen.
Die beste Analyse bringt jedoch nur bedingt etwas, wenn ich nicht bedingungslos dazu bereit bin, meine gesamte Energie zu 100 Prozent immer auf meine Kunden auszurichten. Und genau hier liegt das Problem: In der Praxis zeigt sich nämlich, dass viele Unternehmen in dieser Hinsicht inkonsequent sind: Sie sind inkonsequent, wenn es darum geht, sich und die eigenen Produkte laufend zu challengen, bei allen Entscheidungen stets den Nutzen der User im Fokus zu haben und die Kunden aktiv in die (Weiter-)Entwicklung der eigenen Produkte miteinzubeziehen.
Transformationsrelevanz: Die Transformationsrelevanz ist hoch, weil Unternehmen, die stets bemüht sind, möglichst nah an den Bedürfnissen der Kunden zu sein, bereits einen grossen Schritt im Transformationsprozess erfolgreich gemeistert haben.
Echten Mehrwert über digitale Co-Creation generieren
Die Kunden in der modernen Digitalgesellschaft lieben es, mit Marken, die sie gerne kaufen, gemeinsam neue Produkte zu kreieren. Auch für Unternehmen habe diese «Co-Creation» grosse Vorteile, denn sie kann Produkteinführungsrisiken minimieren und Investitionen absichern. Ein gutes Beispiel ist die Firma Giesswein Walkwaren aus Tirol, die für ihre Trachten und traditionellen Walkwaren aus Schafwolle bekannt war (die Namensgleichheit mit dem Autor ist übrigens zufällig). Im Zuge der Geschäftsübergabe an die nächste Generation versuchten die Söhne, ein jüngeres, urbaneres Zielpublikum anzusprechen, und überlegten, Sportschuhe aus Merinowolle auf den Markt zu bringen. Sie wählten dazu das Instrument des Crowdfundings, bei dem sie den Kunden ein noch nicht existierendes konzeptionelles Produkt auf einer digitalen Plattform (Kickstart) vorstellten.
Kunden, die dieses Produkt wollten, konnten bereits vorab einen Betrag bezahlen. Das Unternehmen versprach, dass sie als Erste das neue Produkt beziehen könnten oder, wenn es vom Markt abgelehnt würde, ihr Geld wiederbekämen. Die Kampagne war ein voller Erfolg, die Produktentwicklungskosten für die ersten Lieferungen waren abgedeckt und heute gibt es eine ganze Produktpalette an Giesswein-Sneakers und -Runners aus Merinowolle zu kaufen.
Transformationsrelevanz: Die Transformationsrelevanz ist hoch, weil die Partizipation von Kunden den Führungskräften die «Bauchentscheidung» abnimmt. Produkte werden nach Bedarf und Nachfrage konzipiert und produziert – das bedeutet eine viel grössere wirtschaftliche Planungssicherheit. Ausserdem eignen sich gerade in (Corona-)Krisenzeiten digitale Wege der Co-Creation und des Crowdfundings besonders.
Rapid Prototyping versus 120-prozentig wasserdichte Lösungen
Organisationen müssen sich divers aufstellen und vieles ausprobieren. Was nicht funktioniert, müsse heute rasch geändert oder sogar aufgegeben werden. Unternehmen müssten Rennboote bauen, die unabhängig von den schwerfälligen, robusten Tankern neue Gewässer erkunden – das erfordert aber Mut und Überzeugung. Ein Beispiel, wie so etwas in der Praxis aussehen kann, ist der oberösterreichische Feuerwehrausrüster Rosenbauer. Dieser hat das Konzept eines revolutionären Feuerwehrfahrzeugs entwickelt, das nicht nur äusserlich ganz anders ist als bisherige Modelle, sondern zudem auf einen Elektroantrieb vertraut. Wenn etablierte Unternehmen etwas von Start-ups lernen können, dann ist es die Maxime «Ausprobieren ist besser als ewiges Planen».
Mit dem Rapid Prototyping haben Führungskräfte die Möglichkeit, intern oder mit ausgesuchten friendly customers neue Produkte und Dienstleistungen zu testen und basierend auf diesen Erkenntnissen die nächsten Schritte zu unternehmen. Ein sogenanntes «Minimal Viable Product» (MVP) ist ein Prototyp, der auf Basis von ersten Kundenfeedbacks entwickelt und bereits einer breiteren Kundschaft zum Test angeboten wurde. Dieser wird dann laufend weiterentwickelt. Mithilfe des Prototypings produzieren Unternehmen kundennah und rasch Produkte und Dienstleistungen, die dann auch tatsächlich gekauft werden. So können Unternehmen es auch mit disruptiven Mitbewerbern aufnehmen.
Transformationsrelevanz: Die Transformationsrelevanz ist hoch, weil Führungskräfte die Dynamik und Komplexität der Kundschaft nicht mehr planen können, sehr wohl aber mit geringem Investment ausprobieren können, welche Akzeptanz am Markt gegeben ist.