Die Digitalisierung hat in unserem privaten Alltag längst Einzug gehalten. Wir vergleichen über Trustpilot, ob ein E-Shop vertrauenswürdig ist, kaufen per Smartphone und wir wissen, wie Social-Media-Anbieter wie Facebook unsere Daten auswerten und anderen zu deren Nutzen anbieten. Streaming-Dienste oder die Jobsuche über Linkedin sind eine Selbstverständlichkeit und auch das beste Angebot für eine neue Krankenversicherung fischen die meisten heute mühelos aus dem Netz der Daten. Ein Unternehmen kann sich dieser neuen Öffentlichkeit sowie internationalen Vergleichbarkeit und Transparenz nicht entziehen, will es erfolgreich sein.
Allerdings: Gerade traditionell geführte Unternehmen tun sich nach wie vor schwer damit, gerade dann, wenn sie auch ohne moderne Datenbewirtschaftung bisher erfolgreich waren. Spätestens seit der Coronapandemie sollte aber auch dem letzten traditionell wirtschaftenden Unternehmen klar geworden sein, dass nur die gezielte Sammlung, Nutzung und Kommunikation von intern und extern generierten Daten langfristig das Überleben sichert.
Aber wie lassen sich rasch vorzeigbare Erfolge ohne allzu schmerzlichen Kostenaufwand erzielen? Wie gelingt die Digitalisierung innerhalb bereits bestehender unternehmerischer Strukturen und mit der vorhandenen Belegschaft? Zunächst einmal, indem wir den Blick nach innen richten.
Den «Purpose» überprüfen
Gerade in seit jeher erfolgreich operierenden Unternehmen wird häufig eine entscheidende Frage nicht oder nicht mehr gestellt: Warum tun wir das, was wir tun? Dabei geht es nicht um das Erzielen von Gewinnen – das ist lediglich ein Resultat. Es geht auch nicht um die Herstellung eines bestimmten Produktes oder das Anbieten einer spezifischen Dienstleistung. Es geht um den inneren Antrieb, die zugrunde liegende Motivation und die damit verbundenen Werte.
Was hat das mit Digitalisierung zu tun? In der digitalen Welt tritt der Charakter eines Unternehmens offener zutage, Authentizität, offene Kommunikation, weniger ausgeprägte Hierarchien sind gefragt. Hierzu hilft ein genau definierter innerer Antrieb – oder wie es im Management-Jargon heisst: ein «Purpose».
Airbnb sagt beispielsweise über ihren Antrieb: «We help people to belong anywhere.» Hier wird sogar ohne weitere Worte deutlich, dass das Unternehmen für Werte wie Offenheit, Gleichheit und Respekt einsteht. Wie sonst sollten sich Kunden der Übernachtungsplattform überall zu Hause fühlen?
Es lohnt sich, die Frage nach dem «Warum» vor der Definition neuer, digitaler Prozesse («Customer Journeys») oder Strategien zu stellen, und zwar auf oberster Ebene des Unternehmens. Viele haben dadurch völlig neue Geschäftsfelder entdeckt und Kundensegmente erschlossen.
Es ist nicht neu, dass zunehmend mehr Käufer nicht nur das beste Produkt zum besten Preis verlangen, sondern auch ein ethisch einwandfreies Verhalten des jeweiligen Unternehmens. Dafür halten sie diesen Unternehmen die Treue und sie sind sogar bereit, einen Aufpreis für ihr gutes Gewissen zu zahlen. Ein weiterer Grund, sich mit den eigenen Werten zu beschäftigen, bevor die digitale Strategie und Implementierung angegangen wird.
Tipp: Schauen Sie sich Simon Sineks TED-Talk zum Thema «How great leaders inspire action» an. Es wird Ihre Sichtweise auf den Kern Ihres Unternehmenszwecks verändern.
Handlungsspielraum schaffen
Veränderungen brauchen Kapazitäten, vor allem finanzielle. Gerade dort, wo Strukturen und Abläufe lange Zeit wenig hinterfragt wurden, findet sich Potenzial für Kosteneinsparungen. Statt zu akzeptieren, dass etwas «schon immer so gemacht wird», lohnt es sich, das Bestehende zu überprüfen. Viele interne Abläufe lassen sich vereinfachen, unnötige Redundanzen vermeiden. Dies ist ohnehin besser für den späteren Digitalisierungsschritt, denn ein schlechter Ablauf wird rein durch die datentechnische, digitale Übertragung nicht effizienter. Oder in den Worten des damaligen Geschäftsführers von Telefonica, Thorsten Dirks: «When you digitize a shitty process, you have a shitty digital process.» Ähnliches gilt für das Angebot: Was passierte genau, sollte das am wenigsten einträgliche Produkt oder die am wenigsten erfolgreiche Dienstleistung nicht mehr angeboten werden? Sind die Deckungsbeiträge bei allen Produkten gegeben oder kann sich das Unternehmen aufgrund des Kundenwandels ganze Produktlinien sparen? Wo können Kosten gespart werden, um sie danach in digitale Massnahmen zu investieren?
Privat legen die meisten Mitarbeitenden ihre Dokumente bereits digital ab, hingegen werden beispielsweise Aufträge in vielen Unternehmen heute noch gleich mehrfach ausgedruckt und zeitraubend in Aktenordner geheftet. Dabei gibt es kostengünstige oder sogar kostenfreie digitale Lösungen wie beispielsweise Google Drive oder Microsoft Teams. Wichtig ist hierbei vor allem, dass einzelne motivierte Mitarbeitende gezielt geschult werden, verantwortlich für solche Lösungen sind und zu Botschaftern der neuen Art der Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens werden. Kurzzeitig aktive freie Mitarbeitende können als Coach dazu weitere wichtige Impulse geben und rasch eine Wissensbasis vermitteln.