Branchen & Märkte

Internationalisierung II

Nach dem Shanghai-Lockdown: Schweizer Firmen sehen Licht

Die strengen Covid-19-Massnahmen in Shanghai haben tiefe Spuren hinterlassen. Negative Auswirkungen gab es vor allem in den Bereichen Logistik und Lagerung, Geschäftsreisen und Mitarbeiterzahl. Der Beitrag zeigt, wie Schweizer Unternehmen damit umgingen und welche Massnahmen die Chinesen angehen wollen, um den Markt wiederzubeleben.
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Nie war das Geschäftemachen in Shanghai schwieriger als in den vergangenen zwei Monaten. Fertigungsbetriebe, Einzelhandel und das Gastgewerbe hatten mit erheblichen Herausforderungen zu kämpfen. Einerseits befanden sich die Mitarbeiter in einem strikten Lockdown. Andererseits fehlten Komponenten und Materialien aufgrund eines ­Mangels an Lkw-Fahrern und der enormen Beschränkungen, von einer Stadt in die andere zu reisen, um neue Covid-Ausbrüche zu vermeiden. Warenlager wurden geschlossen, E-Commerce kam zu einem Stillstand.

Angekündigte Massnahmen

Nach der Ankündigung, Shanghai am 1. Juni wieder zu öffnen, hat der chinesische Premierminister eine Videokonferenz mit mehr als 100 000 Beamten im ganzen Land abgehalten, in der die Wiederbelebung der Wirtschaft im Mittelpunkt stand – auch für die vielen Schweizer Firmen in Shanghai ein positives ­Signal. Zu den erwarteten Massnahmen gehören Verschiebungen der Einkommensteuerzahlungen für Personen und Unternehmen, eine Senkung der Kfz-Steuer für Pkw unter 1,6 Liter, grosse ­Infrastrukturprojekte, die Verdoppelung der Kreditquote für KMU und lokale ­Lockerungen beim Wohnungskauf.

Tatsächlich hat die nationale städtische Arbeitslosenquote (6,1 Prozent) praktisch das Niveau erreicht, das während der schlimmsten Zeit des Wuhan-Ausbruchs im Frühjahr 2020 (6,2 Prozent) vorherrschte. Im Mai wurde eine Jugendarbeitslosigkeit (16 bis 24 Jahre) von 18,4 Prozent gemeldet, während eine Rekordzahl von mehr als zehn ­Millionen Universitätsstudenten im Juni ­ihren Abschluss machen werden. Das wird die Arbeitssuche für junge Menschen zusätzlich erschweren. Infolge­dessen verlangen neue Absolventen in diesem Jahr 20 Prozent niedrigere Gehälter als im Vorjahr.

Wachstumsziele

Darüber hinaus sind Millionen Wanderarbeiter (die nicht in der städtischen ­Arbeitslosenstatistik enthalten sind) in ihre Heimatorte auf dem Land zurück­gekehrt. In seinem Video-Meeting deutete der Ministerpräsident an, dass die Wirtschaftslage in einigen Bereichen schlechter sein könnte als im Frühjahr 2020 und internationale Organisationen für das zweite Quartal nur noch ein Wachstum von etwa 1,2 beziehungs­weise 1,4 Prozent prognostizieren, nach
4,8 Prozent Wachstum im ersten Quartal.

Die vom Ministerpräsidenten angekündigten Massnahmen bedeuten zwar nicht, dass die Geschäftstätigkeit sofort das Vor-Omikron-Niveau einholt, sind aber ein Versuch, das Anfang des Jahres angekündigte Wachstumsziel von 5,5 Prozent zu erreichen. Dies würde ein Wachstum von sieben bis acht Prozent in Q3 und Q4 bedeuten.

Chinas Automobilsektor trägt allgemein schätzungsweise 15 Prozent zum BIP bei, während Immobilien etwa 25 Prozent ausmachen. Sollten diese Branchen ­wieder anlaufen und grosse Infrastrukturprojekte zusätzliche Arbeitsplätze für die weniger qualifizierte Bevölkerung schaffen, wird der Konsum wieder zu­nehmen und die Fertigung einen Teil der während des Lockdowns verlorenen ­Produktion aufholen, trotz anhaltender Schwierigkeiten für das Gastgewerbe ­aufgrund der Null-Covid-Politik.

Büros statt Wohnheime

Tatsächlich war es in den Wochen des Lockdowns möglich, die Geschäfte trotz allem mit vorausschauender Vorbereitung und zusätzlichen Anstrengungen am Laufen zu halten. In Erwartung ei­nes schweren Lockdowns haben einige Schweizer Unternehmen einen Teil der Belegschaft in das Firmengebäude ein­ziehen lassen, um die Produktion fort­zusetzen. Eines dieser Unternehmen ist LX Precision, ein zu 100 Prozent aus der Schweiz finanzierter Drehbearbeiter in Shanghai. Dominique Lauener, Präsident von LX Precision, berichtete, dass vor dem Lockdown 100 der insgesamt 160 Ar­beiter in das Firmengebäude eingezogen seien und dort geschlafen hätten.

Büros wurden in Schlafsäle umgewandelt, für Verpflegung gesorgt und Duschen glücklicherweise beim Aufbau des Gebäudes eingeplant. So erreichte das Unternehmen auch in den schwierigsten Wochen des Lockdowns 70 bis 80 Prozent der normalen Produktionsleistung und kehrte bis Mitte Mai wieder zu 100 Prozent Produktionsleistung zurück. Natürlich war die Organisation alles andere als einfach. Lauener beschrieb, dass das Unternehmen Glück gehabt habe, dass sich genügend Arbeiter freiwillig ge­meldet hätten, um vor Ort zu wohnen, was das Unternehmen mit einem Zuschlag kompensiert habe.

Das Unternehmen musste ausserdem die Verantwortung übernehmen, einen Covid-Ausbruch zu verhindern – zu den Massnahmen gehörten eine 48-stündige Quarantäne im Werk für jeden neuen Mitarbeiter, der sich entschied, während der Sperrung wieder an die Arbeit zu ­gehen, PCR-Tests und tägliche Selbsttests. Der Lockdown führte zu einem ­Verlust von vier Prozent des gesamten Jahresumsatzes. Aber bis Mitte Juni hat LX Precision bereits 25 Prozent der Verluste wieder aufgeholt.

Herausforderung angenommen

Fortschritte gibt es auch bei der Pre­mium-Kaffeemaschinenmarke Jura. Chefin Lisa Dai berichtete, dass es im Mai von Tag zu Tag besser wurde, das Lager in Taicang eröffnet und der Logistik­betrieb wieder aufgenommen werden konnte. Im April, als die Lager geschlossen waren und der E-Commerce stillstand, sei die Situation am schlimmsten gewesen. Jura hat den Fokus von Offline- auf Online-Veranstaltungen verlagert, erwartet aber weiterhin, dass das Geschäft in China im Jahr 2022 um 40 Prozent zurückgehen wird. Dennoch betonte Dai ihr Vertrauen in den chinesischen Markt und kündigte weitere Investitionen an.

Ähnlich herausfordernde Wochen erlebte der führende Werkzeughersteller Fraisa: Joe Liu, General Manager bei Fraisa China, berichtete, dass einige Kunden ihre Produktion nicht eingestellt hätten und Fraisa deswegen Werkzeuge liefern musste, obwohl die Import- und Logistiksituation sehr schwierig war. Fraisa hat es jedoch geschafft, einmal pro Woche über den Flughafen Shanghai zu importieren und das Lager mit zwei Mitarbeitern in einem geschlossenen Kreislauf offen zu halten. Die Innendienstmitarbeiter arbeiteten von zu Hause aus und der Tagesbetrieb lief ohne grössere Probleme. Während der komplette Lockdown in Shanghai beendet ist, bleiben Lieferketten und Logistik ­grosse Herausforderungen, wie auch Liu bestätigt. Seiner Meinung nach leidet der Markt mittelfristig, wird sich aber langfristig er­holen.

Der Schweizer Schokoladenhersteller Läderach hat unter den wirtschaftlichen Auswirkungen der Null-Covid-Strategie und des Shanghai-Lockdowns gelitten. Danny Qi, General Manager von Läderach China, sagte, der Lockdown habe enorme Auswirkungen sowohl auf das Einzelhandels- als auch auf das Online-Geschäft gehabt. Das Warenlager in Shanghai wurde geschlossen. Zwei Monate lang hatte das Unternehmen keinen Umsatz, wegen der geringen Haltbarkeit musste Schokolade im Wert von Mil­lionen RMB abgeschrieben werden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Qi wegen Zero-Covid mit einem starken ­Umsatzrückgang im Jahr 2022 rechnet. Langfristig sieht er den chinesischen Markt jedoch weiterhin positiv.

Negativer Einfluss

Diese Schweizer Erfahrungen decken sich mit den Ergebnissen einer aktuellen Studie der Europäischen Handelskammer in China. Drei Viertel der Befragten gaben an, dass sich die strengen Covid-19-Massnahmen negativ auf ihren Betrieb ausgewirkt hätten, insbesondere in den Bereichen Logistik und Lagerung, Geschäftsreisen und persönliche Treffen. Mehr als ein Viertel der europäischen ­Unternehmen meldete einen Rückgang der Mitarbeiterzahl aufgrund der chinesischen Covid-19-Vorschriften. 60 Prozent der Befragten haben ihre Umsatz­erwartungen für 2022 zurückgenommen, und 78 Prozent halten China aufgrund der strengen Massnahmen für einen ­weniger attraktiven Markt für Investitionen. 23 Prozent der Unternehmen erwägen, aktuelle oder geplante Investitionen aus China in andere Märkte zu verlagern.

Lockdown-Ende

Am Swiss-Center-Standort in der Shanghai Free Trade Zone haben wir unseren Mitgliedsunternehmen geholfen, auf die sogenannte White List zu kommen, die Wiederaufnahme des Betriebs zu beantragen und verschiedene Zonen für PCR-Tests von Mitarbeitern zu schaffen.

Inzwischen sind die Auswirkungen des Lockdowns fast nur noch für das Gast­gewerbe zu spüren, obwohl weiterhin ein grosser Teil der chinesischen Bevölkerung regelmässige PCR-Tests machen muss. Shanghai hat angekündigt, alle Bürger bis Ende Juli jedes Wochenende zu testen. Die Null-Covid-Politik wurde beibehalten und wird wahrscheinlich dieses Jahr weiter funktionieren. In den letzten zwei Wochen­ – Stand Mitte Juni 2022 – verzeichnete Shanghai weniger als 40 neue Covid-Infektionen pro Tag und das ganze Land weniger als 200.

Die tatsächlichen Wachstumserwartungen für China im Jahr 2022 reichen von drei Prozent (UBS) bis 4,3 Prozent (Weltbank). Betrachtet man die Belastbarkeit und den Einfallsreichtum chinesischer Unternehmer und Arbeitnehmer, werden es wahrscheinlich über vier Prozent sein. Dies bedeutet für die beiden kommenden Quartale ein Wachstum von durchschnittlich mindestens fünf Prozent.

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