Die noch andauernde Covid-19-Krise ist, hinsichtlich ihrer ökonomischen Folgen, für die europäische Wirtschaft eine tiefgreifende Zäsur. Aber jede Krise hat in der Regel immer auch etwas Lehrreiches, ja fast schon etwas Läuterndes für die betroffenen Marktteilnehmer.
Das gilt insbesondere für den Handelssektor. Schlagartig gewann der E-Commerce durch die Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Auflagen im stationären Handel sowie im gesamten öffentlichen Leben enorm an Bedeutung. In einigen Sektoren des Handelsbereichs wurde die richtige Strategie im Grunde schon zum Überlebensmittel.
Insofern ist es auch verwunderlich, warum viele Unternehmen in der Vergangenheit diesen Kanal so sträflich vernachlässigt haben. Es waren vielmehr etablierte Handelsketten im Fashion- und Konsumgüterbereich (zum Beispiel Douglas, Zara, Tally Weijl, Pull & Bear et cetera), die schon vor der Krise eine klare E-Commerce-Strategie verfolgt hatten und dadurch etwaige Einbussen im stationären Handel ein Stück weit kompensieren konnten.
Kauffaktoren und E-Commerce
Aber auch das wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht wesentliche Erfolgsfaktoren innerhalb der betrieblichen, systemisch abgebildeten Abläufe (und hier kommen die ERP-Lösungen ins Spiel) berücksichtigt worden wären. Dazu gehören insbesondere Preis, Lieferzeiten, Service und die Qualität der Produkte – diese Aspekte entscheiden auf Kundenseite massgeblich über Kaufentscheidungen und den Erfolg im Einzelhandel, Grosshandel und E-Commerce.
Demgegenüber sind es vor allem automatisierte Prozesse und durchgängige Informationsflüsse, die aufseiten der Handelsunternehmen kritische Faktoren darstellen, um die wachsenden Anforderungen von Kunden und Lieferketten effizient zu bewältigen. Die Integration von Shop-Systemen mit dem ERP-System, um Daten im Shop in möglichst automatisierter Form auf dem aktuellsten Stand zu halten, sowie die Anbindung eines einfachen und zuverlässigen Zahlungsabwicklungs- und Versandsystems sind im E-Commerce wichtige Einflussgrössen für ein positives Kauferlebnis als Voraussetzung für die Kundenbindung und wiederkehrende Käufer.
Rückgang im Stationären
Schon in den vergangenen Jahren wurden von Jahr zu Jahr regelmässig erheblich mehr stationäre Geschäfte geschlossen als eröffnet – zugunsten des E-Commerce-Geschäftes. Die Auswirkungen der Pandemie haben diese Entwicklung gar noch massiv beschleunigt. Zwar haben sich die Verkaufszahlen im stationären Handel nach den Lockdown-Phasen teilweise erholen können, doch dürfte dies auch dem Umstand zuzuschreiben sein, dass Konsumenten längere Zeit auf das physische Einkaufserlebnis verzichten mussten. Insofern muss man mit zum Teil kurzfristigen Effekten rechnen. Laut Statista beispielsweise hat das Onlinegeschäft mit Waren in Deutschland im vergangenen Jahr 2021 rund 99 Milliarden Euro erwirtschaftet – ein Plus von rund 19 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum 2020.
Diese Entwicklung untermauert auch eine Softselect Studie, die von Juli 2021 bis November 2021 unter 2273 Personen im Alter von 31 bis 49 Jahren durchgeführt wurde. Demnach gaben 68,9 Prozent der befragten Erwachsenen an, dass sie vor der Coronakrise vornehmlich stationär eingekauft hatten. Diese Zahl hat sich aktuell auf immerhin 40,5 Prozent reduziert. Die befragten Personen gaben darüber hinaus an, dass sie bestehende Vorbehalte gegenüber dem Online-Kauferlebnis abbauen konnten. Als einzig problematisch wurde jedoch beurteilt, dass bei vielen Shops immer wieder ein separater Anmeldevorgang durchgeführt werden musste und die Regularien für Rückgaben voneinander abweichen konnten. In Bezug darauf wurden Handelsplattformen wie Amazon, Aliexpress (Alibaba) oder Zalando klar im Vorteil gesehen.
Kostenloser Versand zieht
Der kostenlose Versand ist für die meisten Online-Einkäufer ein wichtiger Faktor. 87,5 Prozent der befragten Personen gaben in der Softselect Studie an, dass sie sogar noch mehr online kaufen würden, wenn die Rücksendung der Waren bei Nichtgefallen kostenlos wäre. Interessant ist, dass circa 24,5 Prozent der Untersuchungsteilnehmer einräumten, dass auch zusätzliche Waren bezogen würden, um in den Genuss des kostenlosen Versands zu kommen. Softselect Untersuchungen zeigen überdies, dass Unternehmen mit kostenlosem Versandangebot eine um mehr als 30,0 Prozent höhere Konversionsrate haben als Unternehmen ohne.
Der wesentliche Lernprozess für die «jungen» Online-Shopper besteht darin, dass die Erwartungen an den Kaufprozess und das damit einhergehende Erlebnis an die neuen Rahmenbedingungen angepasst werden müssen. Zwischen finaler Kaufentscheidung und dem eigentlichen Kauferlebnis entsteht im Online-Bereich ein Zeitversatz. Da eine «Real Time Experience» bisweilen nicht möglich ist, kommt der Schnelligkeit der Lieferung eine hohe Bedeutung zu.
Die Zeitlücke
Der Faktor Zeit ist in etwa vergleichbar mit dem Aufladen eines E-Autos im Gegensatz zum Auftanken eines konventionellen Verbrenners. Genau diese Kluft haben Dienstleister, wie zum Beispiel der Lieferdienst Gorillas im Lebensmittelbereich, erkannt und bemühen sich mit innovativen Ansätzen, genau diese zeitliche Lücke auf ein Minimum zu reduzieren. Sie machen sich damit zum unverzichtbaren Partner des Online-Handels und werden gleichsam auch zum Erfolgsfaktor für die E-Commerce-Strategien ihrer Partner.
Aber auch Amazon arbeitet mit seinen eigenen «delivery service units» daran, die Waren schnellstmöglich zu den Konsumenten zu bringen. Folglich ist ein wesentlicher Knackpunkt in puncto Customer Experience die Schnelligkeit, Reibungslosigkeit und Einfachheit des gesamten Kauf- und (sehr wichtig) des Rückgabeprozesses. Dies gilt insbesondere, da die Quote der retournierten online erworbenen Artikel um ein Vielfaches höher ist als im stationären Handel.
Retouren-Management
Schon heute wird rund ein Viertel der online gekauften Artikel zurückgeschickt – ein Trend, der sich in den vergangenen Jahren gar immer weiter verstärkt hat. Aber auch das Konsumverhalten ändert sich. Aufgrund der vielfach angebotenen kostenlosen Retouren lassen sich Kunden Artikel oftmals gleich in verschiedenen Ausführungen zur Ansicht schicken, um am Ende nur einen oder wenige Artikel zu behalten. Die wachsende Zahl an Retouren ruft zahlreiche Dienstleister auf den Plan, die immer häufiger in Anspruch genommen werden. Retouren-Fulfillment-Dienste wie etwa Returnista, Metapack oder Apiando wickeln Rückgabeprozesse eigenständig ab, um Prozesse zu automatisieren, Abwicklungskosten zu reduzieren und wichtige Insights zur Verbesserung der Retourenquoten zu liefern.