Strategie & Management

Risikomanagement

Wenn Risiken erklärbar werden

Viele KMU begegnen Risikoingenieuren erst, wenn die Versicherung einen Betriebsbesuch ankündigt. Dabei geht es nicht um Kontrolle, sondern um einen strukturierten Blick auf Gefahren, Schutzmassnahmen und Versicherbarkeit. Richtig eingesetzt, kann Risk Engineering unternehmerische Entscheidungen fundierter machen.
PDF Kaufen

Den Beruf «Risikoingenieur» – gebräuchlich ist auch die englische Bezeichnung Risk Engineer – üben in der Schweiz nur ein paar Dutzend Personen aus. Sie beschäftigen sich sowohl mit aktuellen als auch zukünftigen Industrierisiken. Die Kernaufgabe eines Risikoingenieurs besteht darin, Risiken im Unternehmensversicherungsgeschäft zu identifizieren, zu analysieren und zu bewerten sowie geeignete risikomindernde Massnahmen vorzuschlagen. Damit soll eine verlässliche und fristgerechte Entscheidungsgrundlage für den Versicherer insbesondere hinsichtlich Risikoselektion und Kapazitätszuweisung geschaffen werden.

Klingt das nicht spannend genug? Erzählen wir die Geschichte also anders:

Von Seefahrern und Piraten

London im ausgehenden 18. Jahrhundert: In einem stickigen Kaffeehaus der Innenstadt treffen sich Seefahrer, Kaufleute und Bankiers und tauschen sich über den aktuellen Welthandel aus. Es soll eine abenteuerliche Expedition in die Südsee auf die Beine gestellt werden. Als Belohnung für die Weltumsegelung steht ein happiger Gewinn in Aussicht. Da diese Seereise allerdings sehr grosse Gefahren birgt, ist die Finanzierung nicht ohne Weiteres gesichert. Und so ersuchen die Organisatoren der Expedition potenzielle Geldgeber, sie im Falle eines Schiffbruchs oder Piratenüberfalls finanziell zu unterstützen. Als Gegenleistung für die Risikobeteiligung sollen sie eine angemessene Prämie erhalten. 

Bevor die Geldgeber der Gefahrengemeinschaft jedoch zustimmen, wollen sie das Risiko im Detail prüfen und den Einsatz eines seetüchtigeren Schiffs, den Austausch des vom Skorbut gezeichneten Kapitäns und die Umgehung der Seeroute um das sturmgeplagte Kap Hoorn einfordern. Weil die privaten Geldgeber noch nie an einer Erdumrundung per Schiff teilgenommen haben, können sie die damit verbundenen Risiken zu wenig fundiert einschätzen. Also wenden sie sich im Kaffeehaus an einen alten Seemann am Nebentisch.

Risikotransfer erfordert Dialog

Was damals für Transportrisiken entstand, ist heute aus der Unternehmenswelt nicht mehr wegzudenken. Die Abenteurer und Geldgeber von einst sind die Unternehmen und Sachversicherer von heute. An die Stelle erfahrener Seefahrer sind Risiko­ingenieure mit spezifischem Fachwissen getreten. Ziel dieses Austauschs ist es nach wie vor, Risiken realistisch zu verstehen, fundierte Geschäftsentscheidungen zu ermöglichen und bereits frühzeitig gezielte Massnahmen zur Risikominimierung umzusetzen. Schlussendlich möchten sich alle gegen böse Überraschungen schützen und zugleich ihre unternehmerische Handlungsfähigkeit aufrechterhalten.

Damit also ein optimaler Risikotransfer innerhalb dieser Gemeinschaft erreicht werden kann, muss zuvor ein offener Risikodialog zwischen allen Beteiligten geführt werden. Die zentralen Fragen sind seit den Londoner Kaffeehausgesprächen im Expeditionszeitalter unverändert: Was kann passieren? Was darf passieren? Was ist dagegen zu tun?

Mehrwert für KMU

Welchen Mehrwert bringt der Besuch ­eines Risikoingenieurs in einem Produktionsbetrieb konkret? Nehmen wir an, ein Unternehmen in der kunststoffverarbeitenden Industrie will seine Produktionsanlagen und Lagerbestände gegen Feuer versichern lassen. Es wendet sich an eine Unternehmensversicherung, die sich überlegt, ob sie sich an diesem Risiko beteiligen möchte. Weil in der Kunststoffverarbeitung das Potenzial für einen Grossschaden vorhanden ist, wird ein Risikoingenieur hinzugezogen, der die Sache genauer unter die Lupe nehmen soll. Dazu analysiert er detailliert die Prozessgefahren, die sich aus der Tätigkeit des Unternehmens ergeben, und schätzt ab, ob die vorhandenen Brandschutzmassnahmen angemessen sind, um Schaden­ereignisse effektiv zu verhindern. 

Was zunächst theoretisch klingt, hat eine sehr praktische Seite: Idealerweise geht hierzu ein Risikoingenieur nämlich «ins Feld» zur Besichtigung des Produktionsunternehmens. Er bespricht alle baulichen, technischen und organisatorischen Schutzmassnahmen mit den zuständigen Personen vor Ort. Die Ergebnisse fasst er in einem Risikobericht zusammen, ergänzt durch eine Gesamteinschätzung des Risikos und konkrete Massnahmenempfehlungen. Insbesondere Letztere bieten auch dem Unternehmen einen spezifischen Nutzen, da sie aufzeigen, wie es seine Risikoqualität insgesamt verbessern kann. Je genauer ein Unternehmen nämlich seine Risiken kennt und im Griff hat, desto eher lassen sich Versicherungslösungen zu tragbaren Konditionen auf dem Markt finden. Der Einbezug des Risikoingenieurs fördert also einen strukturierten Risikodialog und stärkt indirekt die Attraktivität einer Firma auf dem Versicherungsmarkt.

Fokus Sachversicherung

Mit einem Risikoingenieur spricht man über fast alles, nur nicht über Arbeitssicherheit. Da Risikoingenieure im Auftrag privater Sachversicherungen tätig sind, befassen sie sich ausschliesslich mit jenen Risiken, die durch sie gedeckt werden. Und weil ein grosses Feuerereignis innert kürzester Zeit enorme finanzielle Verluste und schwerwiegende Folgeschäden verursachen kann, stehen Brandschutzthemen dabei häufig im Vordergrund – allerdings nicht ausschliesslich. 

Signifikante Sachschäden und Betriebsunterbrechungen können genauso durch Naturereignisse, Einbrüche, Diebstähle, Cyberattacken oder andere versicherte Ereignisse entstehen, weshalb auch diese im Fokus einer risikotechnischen Abklärung liegen. Je nach Fall ergibt sich dadurch eine andere Ausgangslage, die analysiert werden muss. So reicht das Themenspektrum bei einem Besuch eines Risikoingenieurs von den neuesten Brandschutztechniken über Präventionsmassnahmen für Naturgefahren bis hin zu Lieferkettenanalysen. Eine solche thematische Breite ist in der zunehmend spezialisierten Arbeitswelt selten geworden – gerade für KMU jedoch besonders wertvoll, zumal sie häufig nicht über eigene Risiko‑ oder Compliance‑Abteilungen verfügen.

Risiken erklären

Für viele KMU ist Risikomanagement kein akademisches Planspiel, sondern eine knallharte Frage von Machbarkeit: Was kostet es? Was bringt es? Und was können wir uns jetzt leisten? Genau hierum kreist die eigentliche Arbeit eines Risikoingenieurs. Im Zentrum steht nicht allein die Einhaltung von Regelwerken und gesetzlichen Auflagen, sondern die Abwägung verschiedener Massnahmen zur Verbesserung der Resilienz. 

Risikoingenieure wissen ganz genau, dass Investitionen in Prävention fast immer in Konkurrenz zu produktiven Investitionen stehen. Die Installation einer neuen Sprinkleranlage ist nicht einfach nur «Nice-to-have», sondern konkurriert mit geplanten Investitionen in Maschinen, Personal oder Wachstumsvorhaben. Eine gute Kommunikation ist deshalb entscheidend. Die risikotechnische Notwendigkeit von neuen Schutzmassnahmen muss stets sauber begründet werden können. 

Beim Rundgang durch die Produktionshalle lassen sich Empfehlungen also nicht einfach anordnen, sie müssen erklärt und gemeinsam diskutiert werden. Gerade bei seltenen, aber potenziell existenz­bedrohenden Ereignissen ist Überzeugungsarbeit gefragt.

Für KMU liegt der Nutzen der Zusammenarbeit mit einem Risikoingenieur also nicht in der mühseligen Auseinandersetzung mit Normen, Berichten oder Auflagen, sondern darin, Risiken frühzeitig zu erkennen, realistisch einzuordnen und schliesslich tragbare Entscheidungen zu treffen. Wie damals im Londoner Kaffeehaus geht es am Ende nicht um Angst, sondern um kalkuliertes Vertrauen.

Mit Fingerspitzengefühl agieren

Die grösste Herausforderung ist zu­weilen, dass sich ein Risikoingenieur in der technischen Normenlandschaft zwar sehr gut auskennen muss, diese aber grundsätzlich nur zur Referenz beiziehen sollte. Jeder private Versicherer nimmt sich nämlich die unternehmerische Freiheit, seine Risiken nach eigenen Mass­stäben zu bewerten sowie spezifische Schutzmassnahmen zu fordern. Diese weichen oftmals von den gesetzlichen Vorgaben ab. 

So kann es zum Beispiel sein, dass in einem Industriebau keine Sprinkleranlage installiert ist, weil die zuständige Brandschutzbehörde diese nicht verlangt hat. Die private Unternehmensversicherung fordert hingegen genau eine solche Anlage aus risikotechnischen Überlegungen. Hinzu kommt, dass Massnahmenforderungen von Versicherungen eigentlich immer auf die Reduktion potenzieller Grossschäden ausgerichtet sind. Diese treten bekanntlich mit geringer Wahrscheinlichkeit ein. Es ist also verständlich, dass viele Unternehmen  das Gefühl erhalten, bestimmte Forderungen seien etwas weit her­geholt und unverständlich. 

Die Aufgabe des Risikoingenieurs ist es, mit Fingerspitzengefühl angemessene Empfehlungen zu formulieren und die zugrunde liegenden Schadenszenarien nachvollziehbar und auf dem aktuellen Stand des Wissens und der Technik zu erklären. Ziel ist es, allen Beteiligten die risikotechnische Sicht verständlich zu vermitteln – und damit ein Denken ausserhalb von Normen und Richtlinien zu ermöglichen.

Genauso wie der alte Seebär im Londoner Kaffeehaus müssen Risikoingenieure heutzutage noch immer Theorie, Erfahrung und Praxis zusammenbringen und eine plausible Geschichte erzählen.

Porträt