Mensch & Arbeit

Arbeitspsychologie

Die sechs Säulen ­unternehmerischer Erfüllung

Der Artikel beschäftigt sich mit den Parallelen von Unternehmertum und Kampfkunst. So werden zwei Wege beschrieben, einmal der äussere Weg der rein technischen Abläufe, die immer und immer wieder trainiert werden. Daneben gibt es den inneren Weg, der Fragen etwa zum Umgang mit Ängsten oder dem Zustand der inneren Ruhe stellt.
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Wie viele Unternehmer werden wohl im Geschäfts- und Privatleben Erfolg und Spass zugleich haben? Sicher entschieden zu viele nur Erfolg und so mancher weder das eine noch das andere. Insofern gilt es festzuhalten, dass es beim Unternehmersein nicht zuerst um Erfolg, sondern um Erfüllung geht. Wer ein erfülltes Leben in der Selbstständigkeit führt, ist mit we­nigen Ausnahmen auch erfolgreich. Umgekehrt ist das nicht so automatisch der Fall. Im Gegenteil: Oft kaschieren die guten Bilanzen und die Statussymbole, die man sich leisten kann, nur das Gefühl einer inneren Leere. Mithin eine Emotion, die man mit «schneller, höher, weiter» betäubt, statt sie mit «leichter, sinnhafter und freudvoller» hinwegzufegen.

Die relevanten Stellschrauben

Die Aufgabenstellung im Unternehmerleben besteht nicht in der Frage, wie man Umsatz, Erlöse, Gewinne, Prozente, Euro, Dollar und Franken vermehrt, sondern es geht darum, mehr Erfüllung und Glück trotz immer härterer Rahmenbedingungen zu finden. Unter den relevanten Stellschrauben auf dem Weg dahin scheinen sechs Bereiche ihre besondere Wirksamkeit zu entfalten, als da wären: Organisation, Emotion, Entwicklung, Kunst, Disziplin und Gewohnheiten. 

Die Unternehmerorganisation

Hier geht es nicht um das Organigramm und die Prozesse der Firma, sondern darum, wie der Unternehmer sich selbst ­organisiert. Gerade zu Beginn einer Unternehmung ist man als Gründer oder neuer Gesellschafter besonders auch in fachlichen Fragen gefordert. Das Team ist vielleicht noch überschaubar, wenn überhaupt schon vorhanden. Das Ope­rative nimmt breiten Raum ein, die Wechselfälle des betrieblichen Alltags halten die Unternehmer auf Dauertrab.

Aus dieser operativen Mühle später wieder auszusteigen, ist eine grosse unter­nehmerische Herausforderung, die nicht allen gelingt. Obwohl das eigene Baby gewachsen ist und prächtig weiter gedeiht, fehlt der Mut, das Tagesgeschäft loszulassen und statt im Unternehmen am Unternehmen zu arbeiten. Natürlich braucht es viel Vertrauen in das immer stärker florierende Geschäft und die gewachsene Mitarbeiterzahl, um nicht mehr überall mitzumischen und den Nimbus der eigenen Unersetzbarkeit an der Front zu pflegen. Im Gegenteil: Man dient der Organisation, den Menschen darin und der eigenen Persönlichkeit mehr, wenn man sich um die Route des Schiffs kümmert, anstatt mit den anderen Kohlen in die Kessel zu schaufeln. 

Dieser Weg beginnt mit dem Abgeben sämtlicher Fachkraftaufgaben – Fachkräftemangel hin oder her. Selbst die ­internen Managementaufgaben gehören in andere Hände. Das Am- und nicht Im-Unternehmen-Arbeiten muss konsequent und ziemlich kompromisslos sein. Wenn die Kunden zu Anfang jammern, weil nicht mehr der Kapitän die Waren liefert, gilt es, sie sanft zu erziehen, was am besten mit einem strategischen Qualitätsmanagement gelingt. Denn damit sorgt man für Performance beim Kunden, und dafür ist man als Unternehmer verantwortlich.   

Die Unternehmeremotion

Verweigert man sich dieser Konsequenz, leidet nicht nur das Business, weil man nicht überall zugleich sein kann und die Mitarbeiter nicht entwickelt. Auch das Privatleben wird in Mitleidenschaft ge­zogen. Man will an jeder einzelnen Schraube mitdrehen und kommt abends total erledigt nach Hause. Zu spät zum Abendessen, nur noch flüchtige Momente mit den Kindern und keinen Kopf frei für die Beziehung, bevor man in einen unruhigen Schlaf fällt, weil man den Stress von gestern nicht ­loswird und den von morgen fürchtet.

Energie, Stolz, Lebensglück, Sinn, Achtsamkeit, Freiheit, Erfüllung – das gibt es nicht umsonst und das stellt sich auch nicht von selbst ein. Es ist das Ergebnis von einerseits Leistungsfähigkeit und Disziplin sowie andererseits Achtsamkeit und Klugheit sich selbst gegenüber. Eines der wichtigsten Vehikel für die Erfüllung als Inhaber eines prosperierenden Geschäfts ist eine persönliche Vision, die über das Ziel des Geldverdienens hinausgeht. Wer für etwas Grösseres kämpft als seinen Kontostand, wird immens motiviert sein, ohne sich getrieben zu fühlen. Sie oder er wird über sich hinauswachsen, ohne an Leichtigkeit einzubüssen und wird Gewinne als Lohn persönlicher Sinnhaftigkeit empfinden, statt sie als Entschädigung für permanente Überforderung zu sehen.

Die Unternehmerentwicklung 

Phil Knight, der Gründer und langjährige CEO von Nike, hat einmal gesagt: «Die Konkurrenz zu schlagen, ist relativ einfach. Sich selbst zu schlagen, ist eine nie endende Verpflichtung.» Das gilt ganz besonders für Unternehmer. Als wirklich erfüllendes Lebenskonzept stellt sich diese Daseinsform nur dann ein, wenn der Unternehmer bereit ist, sich konti­nuierlich zu entwickeln und an den ei­genen Standards zu arbeiten. 

Sich dafür allerdings Zeit zu nehmen, ist gar nicht so leicht, wenn man noch überall mitmischen will, obwohl die Mitar­beitenden schon lange kompetent genug sind. Kommt man dann ausnahmsweise mal kurz zur Ruhe, so dämmert einem, dass es so nicht weitergehen kann. Auch wenn die Bestellhotline glüht und die Geschäfte blühen – wenn man sein Leben nicht mehr geniesst und keine Zeit mehr für die Menschen hat, die man liebt, kann das ein sattes Plus bei der Bank nicht mehr kompensieren. In diesen wenigen hellsichtigen Momenten bricht sie sich dann Bahn, die Stimme der Vernunft, und ruft zur Entwicklung auf. Nur weiss man oft nicht, woran man arbeiten soll und welcher Weg der ist, der aus dem Dilemma zwischen Geld verdienen und Erfüllung finden führt.

Vielleicht kann ein Zeitmanagementseminar weiterhelfen? Oder ein intensiveres Führungstraining? Vielleicht müssen einfach mehr Kurzurlaube in den Kalender gepresst werden, damit der Haussegen wieder gerade hängt oder, oder, oder. Massnahmen wie diese mögen punktuell Erleichterung bringen, sind aber nicht von Dauer. Ein Zeitmanagement, mit dem man das schneller macht, von dem man ganz die Finger lassen sollte, hilft nur ­bedingt. Besser führen zu lernen, obwohl man am liebsten alles selbst macht, erzeugt auch nur verpuffendes Wissen. 

Die Unternehmerkunst

Der Ehrenkodex der Samurai bildet eine schöne Metapher für diejenigen Unternehmer, die engagiert nach Vervollkommnung streben. Am Anfang der Laufbahn hat man oft keine Wahl. Die Zahlen müssen im Fokus sein, um überhaupt durchzustarten und das neue Geschäft zu etablieren und auszubauen. Doch der Unternehmenslenker sollte so schnell wie möglich aus der operativen Fachkraftrolle ausbrechen und sich von einer höheren Warte um seine Company kümmern. 

Dazu gehört ein permanentes Reflektieren, Trainieren, Entwickeln. Die Samurai haben nicht nur einmal eine Kampfsport­ausbildung gemacht und waren dann fertig. Sie perfektionierten ihre Kunst bis zum Lebensende und setzten ihre Standards immer höher. Diese Haltung ist eine Lebensform, die man immer weiter trainiert und verfeinert. Genau genommen werden das Training und die Lebensform zum Wesentlichen, während die kon­kreten Unternehmen nur Ausprägungen und Trainingsfelder sind. 

Aus diesem Grund müssen Trainierende in manchen Kampfstilen ab einem bestimmten Niveau eine Entscheidung treffen ­zwischen Kampfsport und Kampfkunst. Beim Kampfsport geht es nur darum, Turniere zu gewinnen. Bei der Kampfkunst geht es um die Lebensform des lebens­langen Strebens nach Perfektion. Dieses Prinzip passt auch aufs Unternehmersein, das ebenso zwei völlig unterschiedliche Arten kennt. Innerlich stehen sie sich diametral gegenüber. Die einen wollen nur ­erfolgreich sein, die anderen ihr Tun im Sinne eines gelungenen, erfüllenden und verbundenen Lebens perfektionieren.

Die Unternehmergewohnheiten

Zurück aus dem Philosophischen ins Praktische: So gut wie alle herausragenden Leistungen auf dieser Welt sind dadurch entstanden, dass Menschen jahrzehntelang gelernt und trainiert und sich bildhaft vom weissen bis zum schwarzen Gürtel hochgearbeitet haben. Im Spitzensport liegt das Verhältnis von Training zu Wettkampf bei vielleicht 90:10. Bei den meisten Unternehmern ist es genau umgekehrt, wenn überhaupt. Sie rackern sich im Tagesgeschäft ab, und Weiterentwicklung bleibt oft nur blanke Theorie. In der Folge heisst das, einen wirksamen Hebel finden zu müssen, um unternehmerisch in einen Zustand echter Erfüllung zu kommen. Dieser Hebel heisst «Änderung der Gewohnheiten».

90 Prozent unserer täglichen Handlungen basieren auf Gewohnheiten – die meisten davon sind entweder unbewusst oder nicht selbst gewählt. Fast alles läuft automatisch ab. Man steht mit demselben Bein auf, nimmt erst die Dusche und putzt dann die Zähne – das meiste folgt den immer gleichen Routinen. Das hier Private gilt genauso für die unternehmerischen Gewohnheiten. Wie gestalten sich die Meetings, wer ergreift zuerst das Wort? Werden erst positive oder negative Aspekte bevorzugt thematisiert? Jede Veränderung der Gewohnheiten wirkt unmittelbar ins Unternehmen hinein. 

Die Unternehmerdisziplin

Leider ist das alles leichter gesagt als ­getan. Dass statistisch 93 Prozent ­aller guten Vorsätze scheitern, glaubt jeder ­unbesehen, der seine Laufschuhe im Frühjahr nicht aus dem Keller bekommt. Um diese unglückseligen Autopiloten zu überlisten, muss man ihre Verführungen zuerst erkennen. Erst wenn das getan und innerlich eingestanden ist, kann der Weg zu wahrer Selbstbestimmung durch schrittweises Training beginnen.

Wer auf diesem Weg immer mehr Erfolgserlebnisse erntet, stellt glücklich fest, dass all das plötzlich keine Megadisziplin mehr kostet, sondern richtig Spass machen kann. Das Streben nach der per­sönlichen Erfüllung statt der Ersatzbefriedigung durch Kennzahlen und Sta­tussymbole wird zu einer Routine, die niemals langweilig wird.

Der entscheidende Punkt für diese Än­derungen sind weniger die klaren Ziele oder die detaillierten Pläne, sondern die tiefen emotionalen Gründe. So tief, dass man den gegenwärtigen Zustand kaum noch aushält. Diese Gründe lassen sich bewusst schaffen und durch stetiges Streben mit Leben erfüllen.  

Kein Unternehmerfahrplan

Für diese Unternehmerreise gibt es keinen fixen Fahrplan mit vorgegebenen Haltestellen. Das Denken dahinter ist weniger «To-do», sondern mehr ein «To-think» und sogar ein «To-feel». Es soll ein Anstoss zum Richtungswechsel sein. Das Tun kommt erst danach und kann durch die menschliche Individualität bei jedem Unternehmer anders aussehen. Seine Gewohnheiten zum Besseren zu wenden, bedeutet für alle die beste Investition in die Zukunft – sozusagen die «Master-Gewohnheit» auf dem Weg in ein erfülltes Unternehmerleben. Gelingt das, agiert man unversehens aus einer inneren Haltung der Entspannung und Zuversicht. Alles fühlt sich immer freier und selbstbestimmter an. Es erzeugt mehr Leichtigkeit, Freude und ungeahnten Erfolg, der sich so selbstverständlich anfühlt wie das glückliche Leben, das man führt.

Porträt