Die Marketing-Kapazitäten Philip Kotler und Christian Sarkar bringen es auf den Punkt: «Positioning is no longer enough.» Mit besserer Performance allein verkaufen sich heute keine Leistungen mehr. Von CEOs wird auch erwartet, dass sie sozialen Wandel vorantreiben, anstatt auf die Politik zu warten. Denn: «Governments and institutions are not doing their jobs», und Unternehmen müssten in unserer Vuca-Welt deshalb deren Rolle mitübernehmen.
Politischer Konsum
In einer viel beachteten Studie zeigt die PR-Agentur Edelman auf, dass die Vertrauenskrise global verläuft. Selbst im Vereinigten Königreich oder in Frankreich mit ihrer jahrhundertelangen demokratischen Tradition vertrauten die Befragten der Wirtschaft mehr als der Regierung. Ausserdem zeigt die Studie auf, dass ein weiteres relevantes Phänomen zulegt, nämlich die sogenannten «belief-driven buyers». Dieser Konsumententyp entscheidet nicht aufgrund von Qualität, Preis oder Bequemlichkeit; hier werden Marken aufgegeben oder erstmals ausprobiert, wenn die politische Haltung von Unternehmen und Käufer übereinstimmt.
Auch in der Schweiz erlebt das Politische eine Renaissance. Der CS-Jugendbarometer 2020 titelt: «Die politisierte Jugend bekennt Farbe.» Die Gen Z tendiert zu einer bestimmten Form politischer Macht – nämlich ihrem Portemonnaie. Den politisierten Konsum als Eigenheit einer einzigen, isolierten Generation abzutun, wäre allerdings zu leicht. Edelmans Studie mass nämlich über alle Altersgruppen hinweg mehr Belief-driven Buyers im Jahresvergleich. Schon die Gen Y wurde häufig so beschrieben, dass sie nach Sinnhaftigkeit strebe – die Gen Z ergänzt dazu ein Gefühl der Dringlichkeit.
Marken-Aktivismus der Grossen
Die Outdoor-Marke «Patagonia» steht prototypisch für die Strategie des «unmarketing». Sie fordert in Kampagnen dazu auf, weniger oder gar keine Patagonia-Produkte zu kaufen. Auch die Gründerin der Kosmetik-Marke «Body Shop», Anita Roddick, führte nicht nur eine äusserst erfolgreiche internationale Marke, sondern auch eine politische Bewegung gegen Tierversuche und menschliche Ausbeutung. Ein weiteres erfolgreiches Beispiel ist die Kampagne der Sportartikel-Marke «Nike», «Believe in something», die als Markenbotschafter gezielt jenen Football-Spieler wählte, der kurz zuvor wegen eines politischen Statements gegen Polizeigewalt vom Klub ausgeschlossen worden war.
Ein gern genanntes Negativbeispiel ist die Werbekampagne der Softdrink-Marke «Pepsi» im Kontext der damaligen Black-Lives-Matter-Proteste: Markenbotschafterin Kendall Jenner erntete für ihren Werbeauftritt ebenso Häme wie die Marke Pepsi selbst. Eher unverhofft betrieb der CEO der Fast-food-Marke «Chick-Fil-A» Marken-Aktivismus, als er sich in einem Radio-Interview gegen gleiche Eherechte für Homosexuelle aussprach. Auch als die Rasierapparate-Marke «Gillette» versuchte, die Ressentiments gegen Sexismus als Plattform zu nutzen, trat sie einen heftigen Shitstorm los.
Ende 2020 lancierte die Deutsche Agentur «Antoni» eine Impfkampagne, in die letztlich mehr als 1000 (!) nationale und internationale Marken involviert waren. Diese Marken formulierten dabei jeweils ihre Claims in positive Impfbotschaften um und verbreiteten diese über ihre Kanäle. Unter dem Hashtag #ZusammenGegenCorona konnten sich Marken «der grössten Impfkampagne aller Zeiten» anschliessen. Für eine kurze Zeit waren anschliessend in den gängigen Social-Media Logo- und Claim-Adaptionen bei Schweizer Unternehmen zu sehen, die sich ebenfalls in der äusserst kontroversen Impffrage zu positionieren getrauten.
Wofür Marken-Aktivismus steht
Das Verb «getrauen» ist dabei bewusst gewählt. Denn auf den ersten Blick könnte man Marken-Aktivismus mit «Corporate Social Responsibility» (CSR) verwechseln. Marken-Aktivismus und CSR wollen beide die Welt verbessern, dennoch gibt es strategisch bedeutsame Unterschiede.
Konfrontation anstatt Konvention
Von den grossen wirtschaftlichen Playern wird erwartet, dass sie Verantwortung übernehmen für die Gesellschaft, in der sie tätig sind. Entsprechend werden CSR-Aktivitäten besonders bei grösseren Unternehmen in der Jahresplanung berücksichtigt und mit den Jahresergebnissen berichtet. Dazu suchen sich Unternehmen für ihre CSR-Initiativen Projekte aus, die gesellschaftlich akzeptiert sind. CSR respektiert diese Konventionen und hat einen harmonisierenden Charakter.
Marken-Aktivismus lebt hingegen von Disruption und Konfrontation. Eine grundlegende Voraussetzung ist, dass die Marke ein kontroverses Thema besetzt. Darin bezieht die Marke dann explizit Stellung – sei das nun progressiv (wie beispielsweise in der weiter vorne genannten Impfkampagne) oder regressiv (wenn sich etwa die Tabak-Industrie gegen mehr Regulierung zugunsten der öffentlichen Gesundheit wehrt). Marken-Aktivismus gehört weniger zum Profil marktmächtiger Unternehmen. Viele etablierte Marken tun sich eher schwer damit, soziale oder ökologische Kernwerte glaubwürdig als gleichwertig mit ökonomischen Zielen zu kommunizieren.
Anecken anstatt anbiedern
Aktivistische Kampagnen sollen die Marke von der Konkurrenz abheben. Aktivismus schärft das Markenprofil und maximiert die Differenzierung im Markt. Authentischer Marken-Aktivismus vergrössert die «brand equity», also die positive Markenwahrnehmung. Im Gegensatz zu CSR-Massnahmen, die von guten Manieren zeugen, ist Marken-Aktivismus identitätsstiftend und will deshalb auch ganz bewusst anecken (zum Beispiel Nike). Nichts ist da verheerender,
als sich stattdessen anzubiedern (zum Beispiel Pepsi).
Risiko anstatt Sicherheit
Die Forschung ist sich noch uneins, für welche Unternehmensziele Marken-Aktivismus besonders geeignet ist. Besonders plausibel sind Effekte in der Vorverkaufsphase, wegen einer effektiveren Differenzierung. Inwieweit sich diese jedoch in Absatzsteigerungen niederschlägt, bleibt aktuell offen.
Eine wichtige Studie von Sourjo Mukherjee und Niek Althuizen kommt zum Schluss, dass aktivistische Marken mit «asymmetrischen Effekten» rechnen müssen: Das Risiko, Bestandskunden zu vertreiben, sei grösser als die Chance, Neukunden anzulocken. Diese Studie verdeutlicht, dass Marken-Aktivismus ohne klares Ziel und solide Strategie ein heisses Eisen ist.