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KMU-Magazin Blog

Psychologie im Changeprozess

Michael Sommer

19.11.18
Was in Paarbeziehungen funktioniert oder auch nicht, gilt ebenso für das Verhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter. Gerade in Veränderungsprozessen wirkt die Macht der Gefühle.

Jede dritte Ehe in der Schweiz endet mit einer Scheidung. Meist hat die zwischenmenschliche Kommunikation versagt. Was so einfach klingt, ist natürlich auch wissenschaftlich fundiert. So hat der Psychologe und Mathematiker John Gottman in langer Forschung Formeln entwickelt, sogenannte «nichtlineare Differenzialgleichungen», nach denen er die Trennungswahrscheinlichkeit von Paaren prognostizieren kann. Seinen Ruf als «Einstein der Liebe» zementierte der US-Amerikaner mit seiner 5:1-Formel. Sie besagt, dass es in Beziehungen fünf positive Verhaltensweisen braucht, um eine negative Interaktion zu kompensieren. Um einmal Kritik anzubringen, braucht es demnach fünf Mal Lob.

Die Macht der Gefühle wirkt natürlich auch in Unternehmen. Die Psychologie-Professorin Barbara Fredrickson hat in Forschungsarbeiten herausgefunden, dass mehrheitlich positive Interaktionen zu hoher Qualität persönlicher Beziehungen und stärkeren Leistungen führen. High-performing-Teams haben demnach eine Quote der positiven Botschaften zu negativen von mindestens 3:1. Fredrickson gilt als eine der führenden Vertreterinnen der sogenannten «positiven Psychologie», eines in den 1990er-Jahren neu aufgegriffenen Forschungsansatzes. Anders als in der herkömmlichen Psychologie geht es hier nicht darum, den Menschen als defizitär wahrzunehmen und von seinen Leiden zu heilen, sondern darum, die Stärken des Menschen aufzuspüren und herauszufinden, was ihn motiviert.

Aufwind erfährt die positive Psychologie in der Wirtschaft vor allem durch die stattfindenden Veränderungsprozesse, die Diskussionen um die Auswirkungen der digitalen Transformation und die damit verbundenen Unsicherheiten. Denn Changeprozesse sind vor allem dann erfolgreich, wenn Engagement, Kreativität und Leistungsfähigkeit der  Mitarbeiter nachhaltig aktiviert werden können. Es gibt Unternehmen, die für diese Aufgabe sogar einen sogenannten «Feelgood Manager» engagieren; seit 2016 bietet selbst die Migros-Klubschule eine Ausbildung dafür an. Um bestmögliche Rahmenbedingungen für die Transformationsreise zu schaffen, kann «Positive Leadership» ein Ansatz sein, ein Modell der Mitarbeiterführung und -motivation. Keinesfalls allerdings sollte positive Psychologie als Triebfeder einer Kuschelkultur missverstanden werden. Denn auch bei positiven Gefühlen kommt es auf die richtige Dosis an.

 

Michael Sommer
Chefredaktor

P.S.: Mehr zum Thema positive Psychologie und Motivation gibt es in der  Ausgabe 11-12/2018 des «KMU-Magazin», die am 29. November erschienen ist.