Forschung & Entwicklung

Unternehmensführung

Virtuelles Leadership der Zukunft

Aktuelle Trends zeigen die schnell wachsenden Einsatzmöglichkeiten der Extended Reality, Virtual Reality oder Augmented Reality. Dies hat auch Auswirkungen auf virtuelle Führungs­praktiken und eröffnet neue, effiziente Wege in der Teamarbeit.
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Man stelle sich einen virtuellen Meeting-Space vor. Betreten wird dieser mithilfe von Virtual-Reality-Headsets, -Brillen und -Handle. Weg mit Pointer und Präsentation – stattdessen macht die Chefin eine Virtual-Reality-Tour durch den Status quo, eine begehbare Galerie der ak­tuellen Ergebnisse. So oder so ähnlich könnte die Zukunft des Teamworks aussehen. Zumindest, wenn man aktuellen Trends aus dem Bereich Extended Reality (XR), Virtual Reality (VR) oder Augmented Reality (AR) nachgehen will.

Der Pfad, den Firmen wie Kollaborationsvorreiter Spatial oder Oculus VR (eine Tochter des Facebook-Mutterkonzerns Meta) beschreiten, verspricht ganz neue Möglichkeiten. Auch wenn die aktuelle Ausstattung sich noch stark auf technologie- und designaffine Bereiche wie die Software-Industrie oder Architektur bezieht, die Stossrichtung ist eindeutig. «Es besteht ein enormer Bedarf und eine riesige Chance darin, alle Menschen auf der Welt zu vernetzen, allen eine Stimme zu geben und die Gesellschaft für die Zukunft zu verändern. Das Ausmass der Technologie und Infrastruktur, die aufgebaut werden muss, ist beispiellos, und wir glauben, dass dies das wichtigste Pro­blem ist, auf das wir uns konzentrieren können.» Meta-Gründer Mark Zuckerberg macht keinen Hehl aus seiner Vision einer «Connected World», gerade auch im virtuellen Raum. Für Zuckerberg ist diese Zukunft kein Blick in die Kristallkugel. Sie ist jetzt und heute, und die Technologie spiegelt das nur zu deutlich wider.

Virtuelle Führung im Alltag

Bereits jetzt verwenden Krankenhäuser wie das Children’s Hospital Los Angeles (CHLA) Virtual Reality, um ihre Emergency-Room-Einheiten für Sondersituationen zu trainieren. Deren Eintreten ist oft zu selten, als dass das Personal aus ­erster Hand ebendie Erfahrungen sammeln könnte, die es im Notfall bereits dringend bräuchte. VR-Training ermöglicht den Ärzten ein ressourcenschonendes, risikofreies Einüben und Gewöhnen an den emotionalen Stress, der beispielsweise beim Atemwegsverschluss eines Kindes entstehen kann: Jede Sekunde zählt und nichts darf schiefgehen.

Das CHLA hat nach ersten Erfahrungen mit den VR-Trainings das Angebot so­gar verpflichtend für alle neuen Angestellten eingeführt. Das Programm wur­­de anschliessend unter anderem von der Johns Hopkins und Stanford Uni­versity übernommen. Aber warum der Software-Branche, dem Design und der Medizin das Pa­tentrezept für VR-Team-Trainings ­überlassen? Dass Kommunikations- und Informations­techno­lo­gien mittlerweile zum Füh­rungsbau­kasten dazugehören, ist auch ausserhalb von Krankenhäusern oder Software-Unternehmen vielerorts bereits gelebte Praxis. Diese zunehmende Alltäglichkeit virtueller Füh­rungspra­ktiken verlangt jedoch auch ­danach, ­Führungsexperten und Orga­nisationspsychologen einzubinden, die verstehen, wie Menschen miteinander interagieren und wie Menschen mit Technologie interagieren. Schlussendlich geht es um nichts Geringeres als die Frage, welche Führungsfähigkeiten und -verhaltensweisen sich im Zusammenspiel mit der Technologie als effektiv und effizient erweisen.

Vertrauen im virtuellen Raum

Für ein funktionierendes, produktives ­Arbeiten in einem diversen, globalen, virtuellen Team braucht es auch –  oder gerade – im virtuellen Raum Vertrauen und Kommunikation. So zumindest liest sich eine Studie aus dem Jahr 2016, welche die US-Forscher Fadi Batarseh, John ­Usher und Joshua Daspit mit 375 Unternehmen durchgeführt haben. Vertrauen im virtuellen Raum, das sagt sich so leicht und erinnert schmerzlich an Buzzwords aus der überquellenden Linkedin-Coaching-Szene.

Dr. Moana Monnier, Expertin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Hochschule Luzern Wirtschaft, ist der Meinung, Vertrauensaufbau und VR, das sind zwei Gegensätze, die sich nicht ausschliessen müssen. Aber sie ziehen sich auch nicht automatisch an. Sie hält fest, dass es eines expliziten und be­sonderen Efforts vonseiten der Führungskraft bedarf, um Vertrauen in einer rein virtuellen Interaktion über geografische Distanz herzustellen. Umso mehr, je verschiedener die Standortlokalitäten der Teammitglieder sind. Gerade im ­vir­tu­ellen Setting fallen wichtige Interpre­tationsquellen wie Körpersprache, Gesichtsausdruck und Intonation zum Teil weg, dabei sind ebenjene wesentlich
für die Herstellung von Vertrauen. Auch Zeitverschiebung und interkulturelle Barrieren verstärken die Bedeutung dieses Kommunikationsaspektes.

Hier braucht es, so Dr. Moana Monnier, zusätzliche Kompensationsstrategien, falls die Technik nicht alles hergibt (und das Zoom-Meeting zum x-ten Mal zusammengebrochen, der Kollege nur noch im Standbild oder mit abgehacktem Ton zu sehen und verstehen ist). Für die Führungsperson bedeutet das generell stärkeres Präsenzzeigen und häufigeres Nachfragen trotz zeitlicher Asynchronität – und sei es bloss im gemeinsamen Team-Chat. Selbst Kleinigkeiten, wie beim Reden in die Bildschirmkamera ­anstatt auf den zweiten Monitor von links zu schauen oder Körpersprache mehr Raum zu geben, indem man den Laptop weiter als 15 Zentimeter vom eigenen Gesicht entfernt, können hier bereits helfen.

Auch Mario Burger, Geschäftsführer der Schweizer Softwarefirma Simpit, wagt sich an die Verknüpfung von digitalen Möglichkeiten und Vertrauen. Ursprünglich ging es um ein reines Softwarean­gebot, nun ­un­terstützen er und sein Team Unternehmen auch durch Digital Con­sulting auf ihrem Weg in die digitale ­Zukunft. Die technischen Möglichkeiten auszuschöpfen, reicht eben nicht aus. Es braucht das Vertrauen im Team, in die Führungskraft, damit die virtuelle Zusammenarbeit auch über die Distanz funktionieren kann.

Wie schwierig das ist, sieht er jeden Tag. Dabei zeigt die hohe Nachfrage nach ­seinen Dienstleistungen im Bereich Di­gital Consulting auch, dass der Trend alle Berufs- und Unternehmensgruppen zumindest erreicht hat. Problematisch nur, dass die dortigen Entscheidungs­träger Teil ­einer Altersgruppe sind, die mit Virtual Reality vor allem die nerv­tötenden Videospiele der eigenen Kinder verbindet.

Überzeugen durch Inspiration

Neue Wege in der virtuellen Teamarbeit beschreiten, das ist für die neue Hype-Generation, die skeptisch beäugte Gen Z, aber eine gelebte Selbstverständlichkeit. Die «Jung sein»-Agentur Zeam arbeitet deshalb derzeit bereits an der Etablierung ihrer virtuellen Avatare im Me­taverse, den Metatwins, die einzelne Teammitglieder von Zeam repräsentieren. Die Avatare, die Gaming-Charakter haben und auch Gaming-ähnlich bedient werden, sind kein Teil eines Spiels, sondern der unternehmerischen Weiter­entwicklung.

Anstatt Führungskräfte mittleren und reiferen Alters in Angst und Schrecken zu versetzen, könnten sie stattdessen eine echte, greifbare Inspiration für das, «was da kommt», sein. Zeam hat nicht umsonst gerade den ersten Metaverse Summit der Schweiz auf die Beine gestellt. Die Agentur hat erkannt, dass der VR-Trend auch für die Dinosaurier-Unternehmen des analogen Zeitalters eine Fülle an Möglichkeiten bietet.

Mehr Raum für Kreativität

Auch Finnlands nationales Opernhaus ist auf den anrauschenden VR-Zug auf­gesprungen. Gemeinsam mit dem fin­nischen VR-Studio Zoan und dem XR-Headset-Anbieter Varjo arbeitet das Opernhaus daran, seinen Workflow durch Extended Reality zu verbessern. «Um im Zeitalter der Moderne erfolgreich zu sein, müssen wir Traditionen respektieren und gleichzeitig die Bereitschaft zeigen, uns weiterzuentwickeln und die Interessen und Erwartungen eines neuen Publikums zu berücksichtigen. Das bedeutet heute auch, mit der rasanten Entwicklung der Technologie Schritt zu halten», erklärt Annastina Haapasaari, Projektmanagerin von Opera Beyond, dem zugehörigen Projekt des Opernhauses.

Mithilfe der zur Verfügung gestellten XR-Plattform können die Teams bei der Entwicklung der Bühnenbilder ihrer Vorstellungskraft freien Lauf lassen und über die reine 2D-Darstellung hinausgehen. Der 3D Space ermöglicht ihnen ein realitätsähnliches Erleben eines neuen Bühnendesign-Konzeptes, das mit anderen Teammitgliedern geteilt werden kann. Das Ganze spare nicht nur einen beachtlichen Zeitaufwand, sondern fördere auch die künstlerische Qualität, wie Timo Tuovila, Produktions- und Technikdirektor des finnischen Opernhauses, betont.

Was zum Zuckerberg hat denn der Fortschrittsgedanke mit der finnischen Oper zu tun, fragt man sich jetzt berechtigterweise. Nun, für alle, deren Organisation aktuell den Umzug in ein neues Office oder ein neues Raumkonzept plant, sind das doch mal vielversprechende Neuigkeiten. Und wer dann noch auf die Idee kommt, nicht nur Raumkonzepte, sondern die nächste virtuelle, kreative Teamsitzung auf diese Weise umzusetzen, der ist der Zukunft schon ein ganzes Stück ­näher.

Auch die Hochschule Luzern widmet dem Thema ein eigenes Forschungsprojekt und untersucht unter Leitung von Leadership-Experte Prof. Dr. Ingo Stolz «virtuelle Führung über internationale Distanz» und die damit verbundene Frage, wie Team-Leads ihre Schäfchen in einer sich stark technologisierenden Welt ins (virtuelle) Trockene bringen.

«Demokratisierung» der VR

Siemens’ hauseigene R&D-Einheit «Corporate Technology» hat darauf bereits eine Antwort gefunden: Mit technischer Unterstützung des finnischen Varjo verwenden sie ein internes VR-Kollabora­tionstool. Und zwar eben nicht nur für die Fachchinesisch-Experten aus dem Produktions- und Designbereich. Varjo betont, dass es beim Einsatz seiner VR-Headsets gerade nicht um die Technologie-Experten, sondern darum geht, Arbeitsprozesse auch fachlich Externen zugänglich zu machen (sie nennen das «demokratisieren», ein schönes Wort).

Der Kopf schwirrt bereits von XR, VR und AR? Dann gilt es nun die Lesebrille festzuhalten: Mit dem Launch seiner Reality-Cloud-Plattform wirbt Varjo seit 2021 neuerdings auch mit Teleportation und Reality-Sharing in Echtzeit. Bleibt abschliessend nur festzuhalten: Die Virtual Reality gehört nicht allein den digitalen Nerds.

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