Forschung & Entwicklung

Crowdfunding

Alternative Finanzierungsquelle und Anlagemöglichkeit

Die Finanzierung ist für KMU in der Gründungs- und Wachstumsphase eine grosse Herausforderung. Wer nicht über genügend Eigenmittel verfügt, ist auf Hilfe von Banken sowie Investoren angewiesen. Mit Crowdfunding etabliert sich eine alternative Finanzierungsform, die sowohl für Kapitalgeber wie -nehmer Vorteile bringt.
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Der Begriff «Crowdfunding» lässt sich als Schwarmfinanzierung definieren, wobei in diesem Kontext «Crowd» für eine Masse von Internetnutzern steht. Eine Vielzahl von Menschen bringt online im Rahmen von Kampagnen Geld für kulturelle, soziale oder kommerzielle Projekte auf. Die Investoren werden direkt über Internetplattformen und unter Umgehung der etablierten Finanzintermediäre gewonnen. Dabei lassen sich folgende Sub-Kategorien unterscheiden: Crowddonating, -supporting, -lending sowie -investing.

Neue Spielregeln im Kreditmarkt

Jedes Unternehmen benötigt für seine Entwicklung finanzielle Mittel. Investoren suchen nach sinnvollen Anlagemöglichkeiten für ihr Geld. Eine beachtliche Zahl von Banken sieht sich mit der Situation konfrontiert, dass sich die Kreditvergabe an KMU aufgrund struktureller Gegebenheiten nicht mehr lohnt.

Diese Bedürfnisse und Rahmenbedingungen machen sich die Online-Plattformen zunutze. Dabei entsteht eine direkte Beziehung zwischen Schuldner und Gläubiger, was eine bedeutende Kosten- und Zeitersparnis im Vergleich zum klassischen Modell erlaubt. Zusätzlich ermöglicht Crowdfunding dem Kapitalnehmer auch einen direkten Dialog mit den Endkundinnen und -kunden, womit sie unmittelbares Feedback zu Produkten oder Projekten erhalten.

Der Walliser Urlaubsort Saas-Fee hat mit einer in der ganzen Schweiz viel beachteten Crowdfunding-Aktion Saisonabonnemente mit deutlichem Preisnachlass lanciert. Das Konzept war einfach: Innerhalb eines definierten Zeitraums bot die Ferienregion die Saisonkarte für 222 Franken statt für 1050 Franken an. Urlauber erhielten das Abonnement aber nur für diesen Preis, wenn 100 000 Stück davon bestellt werden. Bereits nach fünf Wochen konnten 75 000 Registrationen verzeichnet und damit gleich zu Beginn des neuen Geschäftsjahres über 16 Millionen Franken Einnahmen erzielt werden. Die Projektverantwortlichen der Ferienregion zögerten nicht lange und entschieden den Deal – noch vor Ablauf der gesetzten Frist – durchzuführen.

Ein nicht weniger beeindruckendes Husarenstück ist dem deutschen Fussball-Erstligisten Hertha BSC Berlin geglückt. Für die Digitalisierung der Leistungsmessung der Spieler sowie für den Ausbau des Online-Shops suchte der Hauptstadtclub eine Million Euro über eine bekannte deutsche Crowdlending-Plattform. In einer Rekordzeit von neun Minuten und 23 Sekunden war das Geld eingesammelt. Des Weiteren gibt es viele weitere erfolgreiche Finanzierungsbeispiele, die von der Entwicklung neuartiger Kopfhörer bis hin zum Sprachaufenthalt einer Studentin in Sydney reichen.

Liquidität in 24 Stunden

Liquidität für das Unternehmen in 24 Stunden – dies verspricht die Plattform von Advanon. Die Grundidee des Geschäftsmodells liegt darin, offene Debitorenrechnungen über einen Online-Marktplatz von Investoren vorfinanzieren zu lassen. Damit haben insbesondere KMU die Möglichkeit, flexibel und schnell an Liquidität zu kommen, um so ihren Geldfluss optimal planen zu können. Dies erinnert stark an die bereits seit den 1990er Jahren etablierte Finanzierungsform des Factorings, unterscheidet sich aber im direkten Austausch zwischen Rechnungsverkäufern auf der einen und Kapitalgebern auf der anderen Seite. Advanon erhebt eine Gebühr von einem Prozent des Vorfinanzierungsbetrags. Der Zinssatz für die Finanzierung wird individuell zwischen Investor und Unternehmen festgelegt. Advanon übernimmt kein Ausfallrisiko und stellt auch keine Liquidität zur Verfügung. Stattdessen beschränkt sich die Plattform auf die reine Vermittlung von offenen Debitoren.

Das Winterthurer Unternehmen Swiss-peers vernetzt Unternehmen mit Investoren und stellt damit eine einfache Alternative zum klassischen Bankkredit dar. Auf der Plattform können KMU bei Anlegern direkt Fremdkapital beschaffen – ohne Zwischenschaltung von Finanzintermediären. Es handelt sich dabei um amortisierende Kredite mit konstanten Ratenzahlungen und einem festen Zinssatz.

Der durchschnittliche Zinssatz der in der Vergangenheit bereits finanzierten Kreditprojekte beträgt zirka 5,2 Prozent, wobei die Spanne in Abhängigkeit der Bonitätsrisiken zwischen drei und neun Prozent liegt. Die Bonitätsbeurteilung wird durch Kreditspezialisten mit langjährigen Erfahrungen im Unternehmensbereich vorgenommen. Das Angebot von Swisspeers erscheint für KMU interessant, weil es einerseits orts- und zeitungebundene Kreditlösungen darstellt sowie andererseits für Investoren ein attraktives Risiko-Rendite-Profil bietet.

Auf Wachstumskurs

Ein kurzer Blick über die Grenze zeigt: Crowdfunding ist global erfolgreich und auf Wachstumskurs. 2015 wurde weltweit ein Volumen von 34,4 Milliarden US-Dollar über Crowdfunding-Kampagnen vermittelt, was einem Wachstum von 112 Prozent gegenüber 2014 entspricht. Allerdings befinden sich die verschiedenen Märkte in sehr unterschiedlichen Stadien. Während Grossbritannien aktuell über 70 Prozent des europäischen Transaktionsvolumens von Crowdfunding-Kampagnen vereint, bemühen sich in der Schweiz auch grössere Plattformen noch um kostendeckende Umsetzungsvarianten des Geschäftsmodells.

Per Ende Dezember 2016 waren in etwa 50 Plattformen auf dem Schweizer Markt aktiv. Sie teilten sich 2015 ein Volumen von 27,3 Millionen Franken über alle Crowdfunding-Kategorien hinweg, was einem Wachstum von zirka 70 Prozent gegenüber 2014 entspricht. Innerhalb der Subkategorien gilt hervorzuheben, dass der Crowdlending-Markt in der Schweiz mit 125 Prozent aktuell das stärkste Wachstum aufweist, auch wenn noch auf geringem absolutem Volumen von 7,9 Millionen Franken. Dies insbesondere im direkten Vergleich zum Konsumkreditmarkt mit 3,9 Milliarden Franken neu abgeschlossenen Krediten im Jahr 2015 (vgl. «Verband Schweizerischer Kreditbanken und Finanzierungsinstitute VSKF. Zahlen und Fakten, online», 2016).

Risiken beachten

Auch im Crowdlending lässt sich der für alle Anlageformen gültige Zusammenhang von Rendite und Risiko nicht aushebeln. Allerdings herrscht eine andere Risikostruktur als im klassischen Bankenkreditgeschäft. Da der Kreditausfall beim Crowdlending nicht durch den Einlagensicherungsfonds gedeckt ist, trägt der Anleger das Risiko seiner Geldanlage selbst. Im Gegenzug winkt eine deutlich höhere Rendite. Das Problem bei jedem Kredit ist die Sicherheit. Als Anleger sollte man sich stets darüber bewusst sein, dass eine Bank das Darlehen möglicherweise bereits verwehrt hat.

Die ersten Erfahrungen zeigen, dass langfristig gesehen und bei guter Streuung durchschnittliche Renditen zwischen vier und sechs Prozent als realistisch betrachtet werden können (Ausfälle sowie erhobene Gebühren bereits inkludiert). Gleichwohl sollten Investoren berücksichtigen, dass darin keinesfalls eine garantierte Rendite gesehen werden kann.

Die Analysen im Bereich der Kreditausfallquote lassen noch keinen repräsentativen Schluss für den Schweizer Markt zu, weshalb auf die Erfahrungen internationaler Wettbewerber zurückzugreifen ist. Lending Club, die grösste Peer-to-Peer-lending-Plattform der Welt mit Sitz in San Francisco, beziffert ihre Ausfälle auf durchschnittlich fünf Prozent.

Bei Smava (DE) beträgt die Ausfallquote zwischen drei und fünf Prozent, wobei das Risiko des Kreditausfalls auf die Gemeinschaft aller Investoren mit gleicher Risikoklasse verteilt wird.

Lendix (FR) wiederum musste nach eigenen Angaben noch keine Ausfälle beklagen, was sicherlich auf die restriktive Kreditvergabe zurückzuführen ist (weniger als ein Prozent der Kreditgesuche werden genehmigt). Es darf festgehalten werden, dass das Interesse an massgeschneiderten Unternehmenskrediten jenseits der Welt der Banken steigt. Das A und O einer ausgewogenen Anlagestrategie bleibt aber auch bei Crowdfunding eine ausreichende Streuung des Kapitals.