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Mensch & Arbeit
Stress-Studie

Grosser Handlungsbedarf bei Präventionsmassnahmen

Dr. Simone Grebner (Autor)

01.11.11 - 11:15

Der Stress in Schweizer Unternehmen hat in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen. Eine repräsen­tative Studie der Hochschule für Angewandte Psychologie, Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), dokumentiert die häufigsten Belastungsfaktoren und zeigt, wie die Betriebe vorbeugen können.

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Soziale Diskriminierung

Soziale Diskriminierung macht die Arbeit schwer erträglich und gehört zu den am stärksten wirkenden Belastungsfaktoren. Zu den möglichen Konsequenzen zählt die Invalidisierung Betroffener. Gerade weil nur ein kleinerer Prozentsatz der Erwerbstätigen betroffen ist, werden die Auswirkungen aber häufig unterschätzt. Von Beleidigungen berichten zwölf Prozent der Erwerbstätigen. Mobbing/Schikanen oder Drohungen/Erniedrigungen erleben jeweils acht Prozent der Befragten. Dieser Prozentsatz kann im internationalen Vergleich als hoch betrachtet werden. Bei Schweizer Erwerbstätigen lassen sich Zusam­men­­hänge zwischen erlebter sozialer Diskriminierung und Stress, Burnout und Gesundheitsproblemen feststellen. Prävention sozialer Diskriminierung erfordert einerseits eine sog. Null-Toleranz des Managements gegenüber Mobbing oder Schikanen. Andererseits kann die Qualifizierung von Vorgesetzten und Mitarbeitenden in Konfliktmanagement und anderen sozialen Kompetenzen hilfreich sein. Nicht zuletzt sollte darauf geachtet werden, dass Minderheiten geschützt werden (z.B. Leistungsstarke, Leistungsschwache, Migranten, etc.), da das Risiko diskriminiert zu werden allein dadurch steigt, dass sich einzelne Personen in einem beliebigen Merkmal von der Mehrheit bzw. den dominierenden Personen unterscheiden.

Entlastungsfaktoren

Selbstverständlich erleben die Erwerbstätigen nicht nur Belastungen. Die überwiegende Mehrheit der Erwerbstätigen verfügt über eine Reihe von wichtigen Entlastungsfaktoren, die helfen, mit Belastungen gut zurechtzukommen und gesund zu bleiben. Solche Entlastungsfaktoren betreffen eigene Entscheidungen darüber, wie man eine Arbeit ausführt und wann man was macht und schützen nachgewiesenermassen die Gesundheit. Fehlen diese Entscheidungsmöglichkeiten, so zeigen verschiedene Studien, steigt das Risiko von Herz-Kreislaufkrankheiten stark an. Mangelnde Entscheidungsmöglichkeiten über die eigene Zeiteinteilung erhöhen beispielsweise das Risiko von Rückenschmerzen und gehen mit erhöhten Stresshormonwerten einher.

Eine klare Mehrheit verfügt über wichtige Aspekte des Handlungsspielraums (siehe Abb. 4). Einundachtzig Prozent der Erwerbstätigen können das Vorgehen bei der Aufgabenerledigung aussuchen oder ändern. Achtzig Prozent der Erwerbstätigen haben Einfluss auf die Reihenfolge der Aufgaben und können diese aussuchen oder ändern. Drei Viertel der Befragten können Einfluss auf wichtige Entscheidungen nehmen. Etwas anders sieht es mit der Beteiligung an betrieblichen Entscheidungen aus. Nur 41 Prozent der Erwerbstätigen können Einfluss auf Entscheidungen bei der Auswahl von Personen nehmen, mit denen sie zusammenarbeiten werden. Die Erwerbstätigen besitzen ausserdem grösstenteils die Möglichkeit, ihre Zeiteinteilung beeinflussen zu können (Zeitspielraum). Achtzig Prozent können ihr Arbeitstempo aussuchen oder ändern, und mehr als zwei Drittel können bei der Arbeit nach Bedarf pausieren. Handlungs- und Zeitspielraum hängen bei Schweizer Erwerbstätigen mit einem guten allgemeinen Gesundheitszustand und Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen zusammen.

Obwohl viele Erwerbstätige über die notwendigen Entlastungsfaktoren verfügen, bleibt doch eine beträchtliche Anzahl von Personen, bei denen diese ausgebaut werden sollten. Immerhin haben 59 Prozent der Befragten keinen Einfluss auf Auswahlentscheidungen, die sie persönlich betreffen. Ein Drittel der Befragten kann keine bedarfsgemässe Pause einlegen. Ein Viertel der Erwerbstätigen hat keinen Einfluss auf wichtige Entscheidungen. Jeweils rund ein Fünftel der Befragten ist nicht in der Lage, die Reihenfolge der Aufgaben, das Vorgehen oder das Arbeitstempo aussuchen oder ändern zu können. Um diese Entlastungsfaktoren zu optimieren, sind beispielsweise betriebliche Steuerungsgruppen geeignet, die Wege suchen, wie die Gestaltung der Arbeitsbedingungen optimiert werden kann (auch unter der Bezeichnung «Gesundheitszirkel» bekannt).

Porträt

Dr. Simone Grebner (Autor)

Unternehmensberaterin

Dr. Simone Grebner ist Inhaberin der Grebner AFB Unternehmensberatung. Sie verfügt über langjährige Beratungs- und Schulungspraxis. Grebner bietet Workshops, Seminare, Vorträge und Projekte an. Sie ist Hauptautorin der Stress-Studie 2010 (Staatssekretariat für Wirtschaft, Seco) und Autorin zahlreicher Artikel und Buchkapitel über Arbeitsthemen.