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Interviews
Im Gespräch mit Dr. Christoph Blocher

«Alte Führungsgrundsätze ändern sich nicht durch die Digitalisierung»

Regula Heinzelmann (Autor), Michael Sommer (Autor), Dr. Christoph Blocher

22.03.17 - 00:45

Dr. Christoph Blocher, Präsident und Eigentümer der Robinvest AG sowie Verwaltungsratsmitglied verschiedener Schweizer Industrieunternehmen, über die Wirtschaftspolitik Donald Trumps, die Beziehungen zur EU und die Gefahr der Mittelmässigkeit.

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Kommen wir zu Christoph Blocher als Unternehmerpersönlichkeit. Sie traten 1969 in die Ems Chemie AG ein, zunächst als Werkstudent in die Rechtsabteilung. Bereits drei Jahre später waren Sie Delegierter des VR, und 1983 übernahmen Sie das Aktienpaket der Gründerfamilien und damit die Stimmenmehrheit. Was war Ihre Triebfeder für diese Entwicklung?

Ich bin als Pfarrerssohn das siebte von elf Kindern, bin ausgebildeter Landwirt und ich studierte dann auf dem zweiten Bildungsweg Jurisprudenz. Das habe ich als Werkstudent getan, damals gab es noch keine Stipendien. Nachdem ich das Lizenziat absolviert hatte, merkte ich, dass ich von der Wirtschaft nichts verstand, denn ich konnte nicht einmal eine Bilanz lesen. Dann bot man mir eine Halbtagsstelle im Rechtsdienst der Ems-Chemie – damals noch Emser Werke – an. Und zwar bloss halbtags, weil ich noch meine Dissertation schreiben musste.

Das Unternehmen hat mich fasziniert, und als meine Doktorarbeit fertig war, hatte ich schon die Position eines Vizedirektors. Ich stieg dann rasch auf und übernahm 1983 die Firma. Wir haben Synthesefasern für die Textilindustrie produziert. 1974 – im Jahr der Erdölkrise – kam Ems in Schwierigkeiten. Der Billigkonkurrenz der ostasiatischen Länder, vor allem Thailand, Taiwan, Vietnam – China war noch verschlossen – war nicht beizukommen. Unter meiner Leitung haben wir das Know-how für diese Faserproduktionen verkauft.

Das war kein Produkt mehr für europäische Firmen. Beispielsweise produzierte Hoechst – die grösste Chemiefirma der Welt – die wunderbare Faser Trevira. Deren Textilteil ging an die Philippinen, weil die europäische Produktion nicht mehr rentierte. Ems-Chemie musste eine Durststrecke durchmachen, aber wir haben neue Produkte entwickelt. Als der Eigentümer starb, standen wir beinahe vor dem Untergang. Ich kaufte das Unternehmen als Management-Buy-out.

Wie steht Ems heute da?

Heute ist die Ems-Chemie eine der bestrentierenden Chemiegruppen in Europa. Ems produziert aber keine textilen Synthesefasern mehr, sondern hochwertige polymere Werkstoffe, die zum Beispiel hitze- und säurebeständig sind. Ems weiss aus Erfahrung: Nach einigen Jahren werden diese Produkte auch wieder Massenwaren, werden von den Grossfirmen imitiert. Sie sind schwerfälliger. Sie haben eine grosse Marktmacht und können Produkte in grossem Stil verkaufen. Sie sind aber weniger innovativ.

Diesen Unternehmen muss man immer einen Schritt voraus sein, dafür hatten wir gute Mitarbeiter. Wir waren zum Beispiel die Ersten, die einen Kunststoff für Autostossstangen entwickelt haben. Heute ist dies Massenware. Ems will weiterhin voran sein. Das ist die Zukunft von Ems-Chemie, die heute mehrheitlich unseren Kindern gehört und durch die älteste Tochter geführt wird.

Wie haben Sie die Unternehmensübernahme geregelt, als Sie Bundesrat wurden?

Ich habe vier Kinder, alle sind tüchtige Unternehmer. Vieles machen sie besser als ich. Sie sind auch besser ausgebildet, als ich es war. Nachdem ich überraschend in den Bundesrat gewählt worden war, musste ich innerhalb von drei Wochen eine Lösung finden. Ich überliess ihnen 30 Prozent des Kapitals, und für den Rest mussten sie Kredite aufnehmen, um die Firma zu kaufen. Ich wollte, dass sie auch die Kapitalkosten bezahlen, das ist Erziehung und Motivation. Als ich nach zwei Jahren gesehen habe, dass alles klappt, verteilte ich mein Vermögen gleichmässig auf meine Kinder und meine Frau und mich. Über unseren Anteil haben wir die freie Verfügung. Alle sind zufrieden.

Porträt

Dr. Christoph Blocher

Unternehmer und Politiker

Im Jahr 1983 übernahm Christoph Blocher die Aktienmehrheit der Ems-Chemie Holding AG und leitete diese als Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates. Heute ist er Präsident und Eigentümer der  Robinvest AG sowie Verwaltungsratsmitglied verschiedener Schweizer Industrieunternehmen.

Christoph Blocher war von 1977 bis 2003 Präsident der SVP des Kantons Zürich und Mitglied des Zürcher Kantonsrates von 1975 bis 1980. Als Bundesrat stand er von 2004 bis 2007 dem Eidg. Justiz- und Polizeidepartement vor. Von 2011 bis 2014 war er Nationalrat. Seit 2008 ist er Vizepräsident der SVP Schweiz und seit 2014 Präsident des schweizerischen Komitees «Nein zum schleichenden EU-Beitritt».