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Forschung & Entwicklung
Arbeitswelten

Räume für transdisziplinäre Zusammenarbeit schaffen

Annina Coradi (Autor), Florian Rittiner (Autor)

01.03.15 - 09:00

Die Entwicklungsprozesse moderner Produkte und Dienstleistungen werden zunehmend komplexer, was die Einbindung von Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen aus Wirtschaft und Wissenschaft erfordert. Neben schlanken Prozessen bilden funktionale Arbeitsräumlichkeiten eine wesentliche Grundlage für transdisziplinäres Arbeiten.

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Fallstudie zur Umgestaltung

Das «TdLab» fokussiert sich auf die Be­arbeitung komplexer Probleme an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft im Umweltbereich. Die komplexen Aufgabenstellungen und die hohe Variabilität der Projektteams hat das «TdLab» dazu bewogen, die Arbeitsräumlichkeiten neu zu planen und umzugestalten. Die Arbeitslandschaft sollte zugleich Raum für Forschung, Lehre und Kollaborationen in der Wirtschaft bieten. «Das TdLab» liegt auf einem Stockwerk und verfügt über eine Gesamtfläche von 160 Quadratmeter. Das Lab besteht aus drei fixen und vier flexiblen Arbeitsplätzen in vier Büroräumen (4, 5, 9, 10.1 in Abb. 1), einem Meeting-Raum (1.1) und zwei Seminar-Räumen (6, 7). Die Auslastung der Räumlichkeiten und Anzahl Nutzer fluktuieren stark, wobei lediglich zehn Personen fix dem «TdLab» zugeteilt sind. Die Räumlichkeiten erfüllen Anforderungen für die Forschung (Einzelarbeit und Arbeit in kleinen Teams) und grösstenteils für die Lehre, aber sie bieten kaum Raum für transdisziplinäre Begegnungen und Zusammenarbeit.

Die Planungsphase

Zu Beginn der Bedürfnisanalyse sollte der Projektrahmen hinsichtlich Budget und architektonischen Möglichkeiten abgesteckt werden, was die Wahl der Analysetools massgeblich beeinflusst. In welchem Kostenrahmen darf projektiert werden? Welche Bedingungen müssen Gebäudestatik oder die sanitären und elektrischen Anlagen einhalten? Wobei Letzteres vor allem bei Umbauprojekten zutrifft, bei denen man sich an die gegebenen Räumlichkeiten anpassen muss. Deren Gestaltung und Einrichtung werden für die Planung sorgfältig beschrieben, um deren Einfluss auf die aktuellen Arbeitsprozesse zu verstehen.

In einem nächsten Schritt werden die aktuellen und zukünftigen Nutzer der Arbeitsräumlichkeiten erfasst und deren Kommunikations-, Kollaborations- und Bewegungsmuster erhoben. Hierfür steht eine Reihe an qualitativen und quantitativen Analysetools zur Verfügung (siehe Tabelle). Diese Auflistung zeigt die Vor- und Nachteile und Nutzen der einzelnen Analysetools. Die Erkenntnisse aus der Bedürfnisanalyse werden anschliessend in unternehmensspezifische Stellschrauben für Kreativität und Effizienz übersetzt. Diese Stellschrauben dienen als
Argumentations- und Entscheidungsgrundlage bei der Planung und Gestaltung der Arbeitsräumlichkeiten in Bezug auf die drei Dimensionen Funktionalität, Bedeutung und Ästhetik.

Aufgrund des vorgegebenen Projektrahmens haben wir im «TdLab» semi-strukturierte Interviews mit dem Management und einzelnen Mitarbeitern durchgeführt, die Arbeitsprozesse während rund 23 Stunden beobachtet, einen Design Thinking Workshop sowie einen Onlinesurvey über fünf Werktage hinweg durchgeführt. Die Evaluation der angewandten Methoden in diesem Projekt hat gezeigt, dass die Kombination von Workshop und Onlinesurvey optimal war. Mit einem überschaubaren Zeit- und Kostenaufwand konnte eine qualitative und quantitative Bedürfnisanalyse durchgeführt werden, wobei die quantitativen Resultate der Umfrage mit den fundierten Erkenntnissen aus dem Workshop komplettiert werden konnten.

Der partizipative Aspekt des Workshops hat die Akzeptanz der Nutzer gegenüber einer Neugestaltung der Arbeitsräume erhöht. Und die Kombination verschiedener Methoden erhöht die Zuverlässigkeit der Bedürfnisanalyse massgeblich. So haben beispielsweise die Beobachtungen die tatsächlichen Muster der Kommu­nikation, der Kollaboration und der Be­wegung gezeigt, die teilweise von den subjektiven Einschätzungen der Mitarbeitenden abweichen. Die persönlichen Gespräche schaffen Verständnis für das, was von der zukünftigen Arbeitswelt erwartet wird und sorgen gleichzeitig dafür, dass keine unrealistischen Erwartungen entstehen.

Ergebnisse der Bedürfnisanalyse

Die Bedürfnisanalyse hat interessante Ergebnisse hervorgebracht, die wir im Rahmen dieses Artikels nur ansatzwei­se diskutieren können. Aktuell wird im «TdLab» durchschnittlich 70 Prozent individuell und in leiser Umgebung gearbeitet (siehe Abb. 2). Mehrheitlich handelt es sich hierbei um kreative Aufgaben. Ungeplante Interaktionen oder Kollaborationen on the spot kommen nur selten vor. Meetings und Pausen werden im Meeting-Raum (10.1) abgehalten. Die Seminar-Räume (6,7) werden durchschnittlich einmal wöchentlich für Gruppenaktivitäten genutzt und dienen ansonsten als flexible Arbeitsplätze.

Um Kreativität und Innovationskraft im «TdLab» zu steigern, sollten in Zukunft die Präsenz der Mitarbeiter, die face-to-face-Kommunikation und die ungeplanten Begegnungen deutlich erhöht werden. Im Gegenzug dazu sollte sich der Koordinationsaufwand zwischen den Akteuren stark reduzieren, um die Effizienz zu erhöhen. Das Bedürfnis nach gemeinsam nutzbaren, funktionsspezifischen Räumlichkeiten ist gross. Basierend auf der Bedürfnisanalyse haben wir sechs Stellschrauben respektive Gestaltungsprinzipien für die zukünftige Arbeitswelt im «TdLab» abgeleitet. Die Stellschrauben adressieren die drei Dimensionen im Raum:

  1. Die Kreation und das Teilen von Ideen fördern (Funktionalität)
  2. Die unterschiedlichen Arbeitsstile unterstützen (Funktionalität)
  3. Die Visibilität der Arbeitsprozesse und von Mitarbeitern erhöhen (Funktionalität/Ästhetik)
  4. Die Koordinationsaufwände zwischen Projektpartnern reduzieren (Funktionalität)
  5. Die Identität des «TdLabs» im Raum spürbar machen (Bedeutung)
  6. Den sozialen Austausch fördern (Bedeutung)

Porträt

Annina Coradi (Autor)

Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technologie- und Innovationsmanagement der ETH Zürich

Florian Rittiner (Autor)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Florian Rittiner ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich, Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement