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Forschung & Entwicklung
Weltinnenpolitik

Führungsverantwortung im 21. Jahrhundert: Die ökosoziale Perspektive

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Ruth Buholzer (Autor)

01.04.10 - 13:00

Die Welt sieht sich spätestens seit der Weltkonferenz von Rio 1992 vor der Herausforderung, eine nachhaltige Entwicklung bewusst zu gestalten. Das bedeutet insbesondere eine grosse Designaufgabe bezüglich der Wirtschaft, nämlich die Gestaltung eines nachhaltigkeitskonformen Wachstums bei gleichzeitiger Herbeiführung eines (welt-)sozialen Ausgleichs und den Erhalt der ökologischen Systeme.
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6. Doppelstrategie

Die Situation für die Wirtschaft ist nicht einfach. Wirtschaft muss hier wie die staatliche Seite dagegenhalten und einen entfesselten weltökonomischen Prozess wieder unter Kontrolle zu bringen versuchen. Das geht sicher nur in einer europäischen bzw. globalen Perspektive. Aufgrund des Gesagten muss man sich dabei gleichzeitig auf drei Zukünfte einstellen, nämlich Kollaps, Ressourcendiktatur/Brasilianisierung oder das ökosoziale Modell, wobei nur das letzte Modell mit Nachhaltigkeit kompatibel ist. Alle Aktionen müssen unter Status-quo-Bedingungen erfolgen, unter denen teilweise im Markt das Falsche honoriert wird und auch eine Weltfinanzmarktkrise oder Weltwirtschaftskrise nicht auszuschliessen ist. Dies ist eine typische Situation eines Gefangenendilemmas (Prisoner´s Dilemma) im Sinn der mathematischen Spieltheorie.

Das Gesagte erfordert auch für die Wirtschaft einen doppelstrategischen Ansatz. So viel Sinnvolles und mit Nachhaltigkeit Vereinbares wie möglich tun, ohne das eigene wirtschaftliche Überleben zu gefährden, und gleichzeitig an Rahmenbedingungen arbeiten, die mit langfristiger Stabilität und Nachhaltigkeit kompatibel sind. Das erfordert insbesondere eine bessere Governance: weltweit, aber auch in jedem Staat und genauso auf Seiten der Unternehmen. Wichtig ist dabei, so weit wie möglich alle drei Zukünfte gleichzeitig im Blick haben und dabei politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte simultan zu bedenken. Das ist Risikobeherrschung in schwierigen Zeiten.

7. Global Marshall Plan

Wie können erste Schritte in Richtung auf eine faire globale Governance-Struktur aussehen, die allen Menschen volle Partizipation ermöglicht? Der frühere US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore äusserte sich anlässlich eines Vortrags an der Stanford University vor einigen Tausend Studenten der Wirtschaftswissenschaften wie folgt: «Wir brauchen heute einen Global Marshall Plan, um die Welt zu retten und Milliarden besitzlosen Menschen die Möglichkeit zu geben, wirklich an der Wirtschaft teilzuhaben. Bedenken Sie, dass das Richtige richtig bleibt, auch wenn niemand das Richtige tut. Und das Falsche falsch bleibt, auch wenn alle es tun.» Gleichzeitig ist auch eine Veränderung im Denken und in der Wahrnehmung erforderlich. Wir brauchen Entwicklung und Veränderungen in allen Ländern. Ein gemeinsamer Lernprozess, der in einen fairen globalen Vertrag münden sollte, ist der richtige Weg in die Zukunft, der eben auch eine neue – nämlich der globalen Verantwortung nachkommende – «Eliten»-Bildung auf den Weg bringen muss, und zwar in Nord und Süd gleichermassen.

Ein Global Marshall Plan/Planetarischer Vertrag (www.globalmarshallplan.org), also ein Konzept für eine Welt in Balance, ist eine Antwort auf diese Situation. Es gründet auf ethischen und moralischen Grundprinzipien, die

  • im interreligiösen Bereich zwischen den Weltreligionen in Form eines «Welt-ethos»,
  • im weltpolitischen Bereich durch das InterActionCouncil ehemaliger Staats- und Regierungschefs in Form einer Menschenpflichtenerklärung – Declaration of Human Responsibilities – (www.interactioncouncil.org) und
  • im zivilgesellschaftlichen Bereich in Form einer Erdcharta (http://www.earthcharter.org)

als Basis für das globale Zusammenleben formuliert werden. Das Konzept favorisiert universalisierbare Prinzipien der Gerechtigkeit und insbesondere die Goldene Regel der Reziprozität: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.» Oder positiv: «Was du willst, das man dir tut, das tue auch den anderen.» Dieses neue Bewusstsein sollte zuvorderst in der Bildung von gesellschaftlichen Eliten verankert werden.

Das Konzept für eine Welt in Balance übersetzt Ideen für eine Weltinnenpolitik in ein praktisches Vorgehen und besteht aus fünf fest miteinander verknüpften strategischen Eckpfeilern – der raschen Umsetzung der Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen, wozu im Zeitraum 2008 bis 2015 mit Bezug auf das Niveau der Entwicklungsförderung und Kaufkraft 2004 im Mittel 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr zusätzlich für Entwicklungsförderung aufgewendet werden müssen, finanziert unter anderem durch globale Abgaben. Über die Verwirklichung der Millenniumsentwicklungsziele hinaus geht es in Form der Co-Finanzierung von Entwicklung in Verbindung mit einem geeigneten weltweiten institutionellen Design um die Realisierung erster Schritte in Richtung auf eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft. Auf diesem Wege soll eine faire weltweite Partnerschaft verwirklicht werden. Integrativer Bestandteil des Konzepts sind die Förderung von Good Governance auf allen gesellschaftlichen Ebenen und koordinierte und kohärente Formen basisorientierter Umsetzung von Entwicklungszusammenarbeit. Führungsverantwortung im 21. Jahrhundert kann daher nicht mehr ohne die ökosoziale Dimension gedacht werden.

Porträt

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher

Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n)

Ruth Buholzer (Autor)

Projektleiterin Swiss Excellence Forum