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Forschung & Entwicklung
Umgang mit komplexen Systemen

Fehler werden immer grösser, wenn wir nicht aus ihnen lernen

Roland Grüttner (Autor)

01.05.11 - 14:15

Es gibt bestimmte Fehler, die uns Menschen im Umgang mit komplexen Systemen immer wieder fast zwangsläufig unterlaufen. Im Folgenden wird in Anlehnung an Frey und Frey sowie Dietrich Dörner versucht, einige dieser Fehler in ihrem Zusammenhang darzustellen.

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2. Planungsfehler

Augenfälligkeit: Wenn wir nicht in der Lage sind, ein komplexes dynamisches System zu «dekomponieren» (so Dörner), dann entwickeln wir auf der Planungsebene bestimmte Ausweichstrategien. Wir orientieren uns dann nicht an dem, was für einen kompetenten Eingriff in das System notwendig wäre, sondern zunächst einmal an dem, was uns gerade ins Auge fällt. Dörners Versuchspersonen in der Simulation «Lohhausen» reagierten als Bürgermeister dann auf zufällige Begegnungen und Beschwerden und dokterten im Grunde nichtwissend am System herum, sie verfielen dem «Aktionismus».

Methodenfixierung: Zum andern greifen wir im Falle des mangelnden Durchblicks gern auf das uns bekannte Methodenrepertoire zurück. Eine Versuchsperson beispielsweise stiess bei der Sichtung der Probleme in Lohhausen darauf, dass viele Schüler in der Schule Schwierigkeiten hatten. Da er selbst über Erfahrungen auf diesem Gebiet verfügte, konzentrierte – eigentlich müsste man sagen: kaprizierte – sich dieser Proband auf Schulschwierigkeiten, dann auf eine bestimmte Schulklasse und schliesslich sogar auf einen bestimmten Schüler. Alle anderen Probleme der Kommune verlor er aus dem Blickfeld.

Man mag vielleicht sagen, das seien eben die Probleme, wenn Laien mit komplexen Systemen umgehen. Aber weit gefehlt. Auch die Experten, welche die Blue-Mountains-Wälder nachhaltig bewirtschaften wollten, zeigten dieses Verhalten, nämlich Rückzug in bekannte, beherrschbare Teilgebiete. So kam es zu dem allseits bekannten «Mehr desselben!» unter Umständen auch dann, wenn sich die Wirkungslosigkeit oder die negativen Folgen der Massnahme bereits gezeigt hatten.

3. Fehldosierung

Wer kleine Kinder hat, kennt das Badewannen-Problem: Als Mutter oder Vater überlegt man sich vorher, wie weit man die Badewanne für das Kind etwa füllen möchte. Und man will eine Temperatur von möglichst genau 37 Grad erreichen. Wenn man das Badewasser laufend auf seine Temperatur kontrolliert, kann es passieren, dass man ständig am Wasserhahn dreht, mal heisser, mal kälter, um möglichst am Ideal zu bleiben. Wer dies schon getan hat, hat es sicher auch schon geschafft, zu weit in die eine oder andere Richtung zu drehen, so dass dann heftig ausgeglichen werden musste und am Ende viel mehr Wasser in der Wanne war als beabsichtigt.

Man mag sich nun vielleicht fragen: Seit wann ist das Füllen von Badewannen ein komplexes System? Aber bitte: Es verändert sich erst mal die Temperatur des Wassers auch bei gleich bleibender Stellung des Wasserhahns, weil sich noch abgekühltes Wasser in der Leitung befindet, ehe die Pumpe im Keller heisses nachgepumpt hat. Dann kühlt die Wannenwand das Wasser wieder ab, und zwar abhängig von Material, Grösse und Isolierung. Schliesslich spielen natürlich die Temperatur der Raumluft und die Durchlüftung des Badezimmers ebenso eine Rolle wie die absolute Menge des Wassers, das bereits in der Wanne ist. All diese Elemente, und vermutlich noch mehr, wechselwirken miteinander.

4. Zielfehler

Einfache Ziele: Die Fehler bei der Zielfindung korrespondieren häufig mit den Hypothesenfehlern: Mangelnde Aufschlüsselung des komplexen Systems führt zunächst zu linearem Ursache-Wirkungs-Denken und dann dazu, dass man sich zu einfache Ziele setzt.

Dazu sagt Dörner: «Man kann in komplexen Realitäten nicht nur eine Sache machen. Man kann daher auch nicht nur ein Ziel anstreben. Strebt man nur ein Ziel an, so kann es sein, dass man dadurch unversehens andere Missstände erzeugt, also neue Probleme schafft.»

Globale Ziele: Es gibt viele sehr allgemein formulierte Zielsetzungen, die in spezifische Schwierigkeiten hineinführen. «Der Stadtteil soll attraktiver werden.» «Unsere Schule muss besser werden.» «Wir müssen kundenfreundlicher agieren.» Wenn es nicht gelingt, diese Globalziele auf spezifische Teilziele herunterzubrechen, kann es leicht sein, dass man ins Blaue hinein agiert.

Was aber macht denn einen Stadtteil attraktiv? Die Beschäftigungsmöglichkeiten oder die Verkehrssituation, die Infrastruktur oder die Bevölkerungszusammensetzung, die Architektur oder die ansässigen Vereine? Es gibt hier viele Möglichkeiten anzusetzen, und jeder Ansatzpunkt wird andere Folgen für das Gesamtsystem haben.

Unklare Ziele: Wenn einem die Globalität seiner Zielsetzung nicht bewusst ist, hat man keinen Anlass, spezifische Ziele herauszudestillieren. Dann kann es sein, dass man das Handeln beginnt, ohne auf klare Ziele zuzusteuern, deren Erreichung oder Verfehlung anhand eindeutiger Kriterien erkannt werden könnte. Wer «irgendwie» kundenfreundlicher agieren will und dies nicht in genauen Teilzielen ausformuliert, wird recht zufällig das tun, was ihm spontan in den Sinn kommt oder was die Situation gerade hergibt.

Vermeidungsziele: Während auch Anstrebungsziele recht global formuliert sein können, ist dies bei Vermeidungszielen logischerweise noch viel mehr der Fall. Man will dann nicht mehr so viele Kunden verlieren oder nicht mehr so viel Lagerfläche brauchen. Das sind allerdings noch keine konkreten Handlungsziele, denn an dieser Stelle fängt die Denkarbeit erst an.

Ein Beispiel: Wenn man nicht mehr so viele Unfälle auf einem bestimmten Autobahnteilstück haben möchte, muss man erst noch sehr genau hinsehen, wo denn die Unfallursachen liegen. Erst dann kann man spezifische Anstrebungsziele daraus machen: Wir müssen die Geschwindigkeit beschränken und häufiger kontrollieren oder Warnschilder (Nässe, Nebel usw.) aufstellen oder die Sichtlinien von Bewuchs befreien oder die parallele Bahnlinie stärker bewerben und so weiter und so weiter.

Implizite Ziele: Wir übersehen gern implizite Ziele; das sind solche, die wir zwar nicht direkt anstreben und die uns gar nicht bewusst sind, die sich aber aus den Zusammenhängen des komplexen Systems zwangsläufig ergeben. Aus dem Bereich der Pädagogik wissen wir, dass Eltern, die ihren Kindern einen Nachhilfelehrer organisieren, um schulische Mängel auszugleichen, ihrem Nachwuchs signalisieren: «Wir kümmern uns!» Dieses Signal kann dazu führen, dass der Jugendliche sich zu sehr auf die elterliche Fürsorge verlässt und es verpasst, rechtzeitig seine Selbstständigkeit und Unabhängigkeit vom Elternhaus zu entwickeln – etwas, das Eltern aber jederzeit als Ziel angeben würden, wenn man sie danach fragte.

Porträt

Roland Grüttner (Autor)

Rektor Montessorischule Dachau

Nach einer Werkzeugmacherlehre studierte Roland Grüttner evangelische Theologie und erhielt die Ordination zum Pfarrer. Anschlies­send Lehramtsstudium und Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Hauptschulen in Oberbayern. Seit 2002 ist er Rektor der Montessorischule Dachau. Wissenschaftliche Tätigkeiten: Diverse Veröffentlichungen in pädagogischen Fachzeitschriften; Aufträge als bildungspolitischer Berater und Ghostwriter. Künstlerische Tätigkeiten: Singer-songwriter; Gaukler.