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Forschung & Entwicklung
Wie intelligent sind Sie?

Einführung in das Konzept der multiplen Intelligenz

Roland Grüttner (Autor)

01.04.11 - 09:30

«Wie intelligent sind Sie?» Diese Frage löst unterschiedliche Reaktionen aus. Wer sich in dieser Beziehung stark fühlt, reagiert positiv und schlägt sich an die Brust. Wer sich unsicher fühlt, möchte dieser Frage lieber ausweichen. Wer sich jetzt gerade in einem dieser beiden Zustände befindet, dürfte einem völlig unzureichenden Intelligenzkonzept auf den Leim gekrochen sein.

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Warum diese 8 Intelligenzen?

Gardner, ein ausgewiesener Entwicklungs- und Neuropsychologe, trifft klare Aussagen über die Herkunft seines multiplen Intelligenzkonzepts. So wie er es sieht, konvergieren wissenschaftliche Untersuchungen über die Strukturen des menschlichen Gehirns zu der Annahme, dass es bestimmte funktionale Einheiten im Zentralnervensystem gibt. Und diese Einheiten legen eine biologische Basis für spezialisierte Intelligenzen nahe. Die Einteilung der Intelligenz-Arten folgt also – nach Gardners Meinung – im Wesentlichen biologisch vorgegebenen Strukturen. Addiert man zu dieser Grundannahme noch weitere Kriterien, findet man die nachstehend dargelegten Gründe für die Annahme von multiplen Intelligenzen.

Funktionale Einheiten im Hirn

Die von Gardner identifizierten Intelligenzen korrelieren mit funktionalen Einheiten im Gehirn, und diese lassen sich durch Gehirnstrommessungen oder auch durch Beobachtungen nach einem Gehirnschaden isolieren. Die Folgen von Hirnverletzungen bilden für Gardner den wichtigsten Begründungszusammenhang, da solche Verletzungen häufig eine ganze, abgegrenzte Funktionseinheit im Kern beeinträchtigen.

Idiots savants und Hochbegabte

Die Existenz von «idiots savants», also von Menschen mit aussergewöhnlichen Begabungen auf einem einzelnen geistigen Gebiet bei gleichzeitiger Minderbegabung auf anderen Gebieten, gibt einen Hinweis auf die funktionale Abgegrenztheit von Intelligenzen. Wir beobachten hier, wie in einzigartiger Weise eine besondere menschliche Begabung gegen einen Hintergrund von durchschnittlicher oder Minderbegabung aufrechterhalten wird.

Kernoperationen

Die Grundlage einer Intelligenz im Sinne Gardners bildet eine identifizierbare geistige Kern­operation der Informationsverarbeitung oder ein Satz von Operationen. Darunter fallen beispielsweise eine Sensibilität für Tonhöhenverhältnisse als Kern einer musikalischen Intelligenz oder die Fähigkeit, Bewegungen nachzuahmen als Kern der Körper-Intelligenz. Nach seiner Auffassung werden unterschiedliche Verarbeitungsmechanismen im Nervensystem ausgelöst, je nachdem, welche Form von Informationen präsentiert wird.

Entwicklung

Für Gardner sollte eine Intelligenz eine erkennbare Entwicklungsgeschichte haben, eine nachvollziehbare Ontogenese, die das Individuum durchläuft; beginnend als Novize über Grade wachsender Kompetenz bis hin zum Meister, der einen «Endzustand» auf seinem Gebiet erreicht. Als solche Ausnahmeerscheinungen nennt Gardner, darauf wurde bereits hingewiesen, unter anderem Menschen wie den Geiger Yehudi Menuhin, den Pantomimen Marcel Marceau, die Inuit- oder die Pulawat-Völker.

Evolution

Die Wurzeln unserer gegenwärtig zutage tretenden Intelligenzen reichen tief zurück in die Vergangenheit unserer Spezies. Sie haben eine bestimmte Evolutionsgeschichte und -plausibilität; das bedeutet, dass sich Ansätze, Teilaspekte und gewisse Entwicklungszustände der identifizierbaren Intelligenzen auch in anderen Organismen finden. Die Entwicklung der Arten und vergleichende Studien bilden für Gardner ein weites Feld von Erkenntnismöglichkeiten; allerdings warnt er auch vor zu viel Spekulation auf diesem Gebiet.

Symbolsystem

Ein entscheidendes Kriterium für eine Intelligenz ist die Möglichkeit, in einem Symbolsystem enkodiert zu werden, was bei der sprachlichen, der musikalischen oder der logisch-mathematischen Intelligenz ja besonders augenfällig ist (Buchstaben, Wörter, Satzzeichen, Noten, Zahlen usw.). Aber schon bei kurzem Nachdenken lassen sich weitere Symbolsysteme identifizieren, beispielsweise die Körpersprache oder die Mimik, die als Ausdrucksmittel der interpersonalen Intelligenz dienen oder die Farb- und Formsymbolik der bildenden Künste, die unterschiedlichste Inhalte transportieren können.

All diese Kriterien lassen sich durch experimentalpsychologische Untersuchungen und psychometrische Erkenntnisse stützen, so dass deutlich wird, dass Gardner seine Intelligenzen nicht aus der Luft gegriffen hat. Dennoch ist der Kanon nicht so dogmatisch und abgeschlossen, dass er keine neuen Intelligenzen mehr zulassen würde. Schon in seinem einführenden Werk «Frames of Mind» hat er diese Möglichkeit ausdrücklich eingeräumt und, wie erwähnt, auch schon selbst eine achte Intelligenz nachgetragen. Im Jahr 1999 überlegte er, auch noch eine Art «existenzialer Intelligenz» einzuführen.

Porträt

Roland Grüttner (Autor)

Rektor Montessorischule Dachau

Nach einer Werkzeugmacherlehre studierte Roland Grüttner evangelische Theologie und erhielt die Ordination zum Pfarrer. Anschlies­send Lehramtsstudium und Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Hauptschulen in Oberbayern. Seit 2002 ist er Rektor der Montessorischule Dachau. Wissenschaftliche Tätigkeiten: Diverse Veröffentlichungen in pädagogischen Fachzeitschriften; Aufträge als bildungspolitischer Berater und Ghostwriter. Künstlerische Tätigkeiten: Singer-songwriter; Gaukler.